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Teilweise unbesetzte Garderoben, ein nicht bewirtschaftetes Theatercafé, Servicepersonal, das sich lauthals über die unzureichende Belieferung mit Knabbergebäck echauffiert, um beschieden zu werden, es seien lediglich 500 der 1200 Plätze in der Staatsoper Hannover verkauft, stimmen atmosphärisch nicht eben auf die Uraufführungsproduktion ein. Bei Vorstellungsbeginn schreckt der Zuschauersaal keineswegs durch klaffende Leere. Das Parkett dünnt lediglich zu den Rändern hin aus. Zwar sind die Ränge schwächer besetzt, aber die szenisch aufwändige Inszenierung findet durchaus ihr Publikum.
Die jüngste von Battistellis etwa 20 Opern ist ein durch Pro- und Epilog gerahmter Dreiakter. Librettistin ist Jenny Erpenbeck. Das Sujet des in pausenlosen 90 Minuten durchgespielten Werks stammt aus dem alttestamentlichen Buch Genesis. Gott will auf Bitten des Erzvaters Abraham die Stadt Sodom verschonen, wenn nur zehn Gerechte darin wohnen. Die nach dort entsandten Engel werden nicht fündig. Daraufhin führen die himmlischen Kundschafter Abrahams Neffen Lot mit seiner Frau und den beiden Töchtern aus der Stadt. Sodom geht in einem Feuer- und Schwefelregen zugrunde. Weil sich Lots Gemahlin zur brennenden Stadt umwendet, erstarrt sie zur Salzsäule. In der Einsamkeit der Wüste verführen die beiden Töchter den Vater, um Nachkommen zu zeugen. Diese werden zu Stammvätern zweier den Juden benachbarter Völker.
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Erpenbeck hält sich in großen Zügen an die biblische Erzählung, doch gewichtet sie deren Elemente neu. Der Gott des Prologs ist – als Referenz an den Ursprung der Menschheit – ein schwarzafrikanischer Knabe, dessen infantiler Schöpfergeist jenseits von Gut und Böse Kreaturen schafft, zerstört. Auf den Müll wirft. Das biblische Geschehen begreift Erpenbeck als Migrationsgeschichte. Die Engel und selbst Lot sind Fremde in Sodom. Als der reiche Zuzügler den Gottesboten Obdach gewähren will, entlädt sich der ungehemmte Fremdenhass der Sodomiten. Die Gastfreundschaft Lots aber ist mitnichten der Nächstenliebe verpflichtet, sondern einem starrsinnigen religiösen Dogmatismus. Schärfer noch als im Alten Testament zeichnet Erpenbeck die Titelfigur als verbohrten Legitimisten. Differenziert sieht sie des Patriarchen Frau, die billigend den Tod in Kauf nimmt, als sie sich zur brennenden Stadt umwendet, von der sie nicht lassen mag. Allzu stark ist Lots Frau an Atmosphäre und soziales Umfeld Sodoms gebunden. Die Töchter sind aufbegehrende junge Frauen des 21. Jahrhunderts. Sie widersprechen dem Patriarchen heftig, klagen ihn an, fahren ihm in die Parade. Den Inzest zwischen Vater und Töchtern deutet Erpenbeck vollständig um. Handelt die Bibel vom Recht der Frau auf Nachkommenschaft, so wird bei Erpenbeck eine postpubertäre Provokation daraus, die der Vater beim Wort nimmt, um über beide Töchter herzufallen. Die Lösung ist konsequent, hatte doch Lot den Sodomiten seine Töchter zur Vergewaltigung angeboten, um die Fremdenhasser von den beiden Engeln abzulenken. Sprachlich tendiert Erpenbeck zu gemessenem Pathos und behutsamem Archaisieren.
Battistellis Musik bewegt sich nicht durchweg auf der Höhe des starken Librettos. Zunächst freilich ist die Überraschung groß. Instrumentalvorspiel und Prolog entzücken, indem sie sich wie ein ins 21. Jahrhundert transferierter Respighi geben. Das von H‑Dur bestimmte Klanggemälde haftet unmittelbar im Ohr. Unter dem Gesichtspunkt eines unverwechselbaren musikalischen Idioms ist die sich bald entfaltende Polystilistik, aus der die Musikgeschichte von Strawinsky bis Henze tönt, über weite Strecken wenig eigengeprägt, wenngleich Battistelli perkussive Eruptionen wie auch chorische Crescendi virtuos behandelt. Im Mittelakt unterstreicht die rhythmisch freie Deklamation der Figuren eher den Rang des Librettos als den der Musik. Dennoch wartet auch sie mit packenden Momenten auf. Das Duett der beiden Engel, in dem sie die Sodomiten mit Blindheit schlagen, dringt unmittelbar ins Gemüt. Solch ungeheuer feierliches, dabei archaisch und zugleich höchst avanciertes Melos mutet in einer zeitgenössischen Oper im besten Sinn unerhört an. Es ist, als habe Battistelli das Duett der Geharnischten aus der Zauberflöte bis in die Gegenwart fortgeschrieben. Den Monolog der Ersten Tochter im Schlussakt bestimmen thematisch zwei sich ergänzende Motive, deren erstes aus dem Rhythmus erwächst, während das zweite einen weiten melodischen Bogen spannt.
Frank Hilbrich erzählt die Handlung schnörkellos und präzise, indem er die Konfliktlagen schneidend herauspräpariert. Die Widerspenstigkeit der Töchter gibt die Situation heutiger Familien beinahe filmisch wieder. Die Sodomiten treten als dekadent-brutales Massenwesen auf. Den beiden Engeln belässt der Regisseur selbst in Augenblicken heftigster Anfeindung ihre letztliche Unverfügbarkeit. Trotz abgerissener Erscheinung verbreiten sie die Aura des Göttlichen. Sie entledigen sich ihres Auftrags um jeden Preis, selbst wenn Lots familiärer Anhang aus Sodom regelrecht fortgestoßen werden muss. Die Peinlichkeit, die jede gespielte Erstarrung von Lots Frau zur Salzsäule und die Vergewaltigung der beiden Töchter auf offener Szene hervorrufen muss, erspart Hilbrich den Zuschauern.

Das Bühnenbild von Volker Thiele präsentiert Sodom einschließlich der Wohnung Lots als goldene Stadt aus portalhohen Fransen. Die Einsamkeit der Hochebene, auf der die Geretteten dahinvegetieren, ist eine Halde aus Papiermüll, offenbar von Gott verworfene Schöpfungskonzeptionen.
Gabriele Rupprecht kleidet die Sodomiten in aufdringlich goldenen Firlefanz. Lot und seine Familie werden davon abgesetzt. Der Patriarch schreitet in strengem, wie ein Wechselbalg aus priesterlicher Soutane und Offiziersuniform anmutendem, knöchellangem Mantel. Die langen Röcke der Frauen erinnern an die Kleidungsvorschriften protestantischer Sekten. Auch modisch ist Lots Familie in Sodom fremd.
Der von Dan Ratiu einstudierte Chor bewahrt noch in den Crescendi Transparenz.
Im Vorspiel klingen die Streicher des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover unter Mark Rohde unirdisch leicht. Blech und Perkussion lassen bei aller erforderten Massivität Wünsche nach Struktur und Auffächerung offen.
Brian Davis setzt seinen sich leidenschaftlich aufschwingenden, schlanken Bariton vehement für die Titelrolle ein. Mitunter versickert das Ende einer weit ausholenden Phrase im Ungefähren. Dramatik und runde Tongebung vereinbart der Mezzo von Khatuna Mikaberidze als Frau des Patriarchen. Wohlklang und musiktheatralische Verve auch bei den Sopranistinnen: Dorothea Maria Marx porträtiert die Erste Tochter gleichermaßen auf stilsicherer Linie und mit stimmlichem wie darstellerischem Aplomb. Stella Motina zeichnet die etwas unreifere Zweite Tochter in jeder Hinsicht glaubwürdig. Die beiden Engel statten die Tenöre Sung-Keun Park und Amar Muchhala mit überirdischem Glanz aus. Die verdiente Renate Behle und der große, 93-jährige Franz Mazura zeigen als Sara und Erzvater Abraham des Pro- und Epilogs ungebrochene Bühnenpräsenz.
Der Applaus für Stück und Akteure ist herzlich. Anstatt im Vorderhaus Sparmaßnahmen zu fahren, wäre wünschenswert, dass die Staatsoper Hannover künftig verstärkt mit den unzweifelhaften Qualitäten dieser Produktion wirbt.
Michael Kaminski