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IL TABARRO/GIANNI SCHICCHI
(Giacomo Puccini)
Besuch am
21. April 2017
(Premiere am 16. April 2017)
Viele Versuche sind unternommen worden, die Opern Il Tabarro, Suor Angelica und Gianni Schicchi in ihrer Art, ihrem Bezug zueinander, oder in Koppelungen mit anderen Werken auf der Bühne zu erklären und umzusetzen. Grundsätzlich handelt es sich um drei jeweils rund einstündige Einakter, die, 1918 in New York uraufgeführt, ein abendfüllendes Opernerlebnis darstellen sollten.
In Bremen bringt nun der junge Regisseur Martin G. Berger einen neuen Ansatz. Berger hat schon mehrfach experimentelle Versuchsanordnungen an diversen Spielstätten deutscher Opernhäuser in Szene gesetzt, nicht zuletzt seine Verkaufte Braut im Großen Haus in Hannover erbrachte eine interessante, aufrüttelnde Sichtweise auf das heute in seiner inhärenten Biederkeit gar nicht so leicht zu realisierende Stück.
Nun zeigt er an dem anderen, kreativen, experimentierfreudigen (Opern-)Haus in Norddeutschland, dem Theater Bremen, die Kombination der beiden Eckwerke des Puccini-Triptychons in ganz neuem Gewande und in neuen Bezügen. Berger und seine Bühnen- und Kostümbildnerinnen Sarah-Katharina Karl und Rebekka Zimlich verschränken die Handlung der beiden Werke in einem weitgehend vereinheitlichten Bühnenbild, das in einem zentralen und mondänen Ambiente äußeres Bild und Atmosphäre des Films La Piscine mit Romy Schneider und Alain Delon aus dem Jahr 1969 aufgreifen. Die Handlungselemente des Films liegen tatsächlich außerordentlich nah an den Themen der Verstrickung und Gewalt von Il Tabarro.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Die beiden Stücke werden sodann durch einen alten Theatertrick miteinander verwoben. Die in diesem Fall also fiktive Realität von Il Tabarro wird der Realität der Gianni-Schicchi-Welt gegenübergestellt, indem die Handlung der ersten Oper auf einem Film-Set spielt. Das Geschehen ist also nicht wirklich, sondern wird lediglich gefilmt. Die einzelnen Szenen der Handlung werden durch die allseits bekannten „Cut“-Rufe wie bei einer Filmproduktion begleitet oder in ihrer Zäsur markiert. Das Geschehen geht dann pausen- und übergangslos in die reale Welt der Sorgen und Nöte der gesamten Crew und Darsteller in Gianni Schicchi über.
Während in Tabarro die künstlerische Empathie, getragen von der Tragik einer film-noir-Verstrickung und klassenspezifischen Elementen vorherrscht, wechseln Haltung und Standpunkte blitzschnell, wenn es gilt, die eigenen Interessen zu vertreten. In Gianni Schicchi müssen das eigene gute Leben, Reichtum und Privilegien bewahrt werden. Allerdings meinen die unbedarften und naiven Beteiligten, auf die Hilfe eines Außenseiters angewiesen zu sein und vertrauen sich diesem blindlinks und ungesichert an. Der macht sich schließlich die Situation und die Naivität der Erben zunutze, um selber die dicksten Brocken aus dem Erbe an Land zu ziehen.
Die so verwobene Handlung wird durch eine hinzugefügte Sprecherrolle zusammengebunden. Mit frei hinzugedichteten Texten tritt während des Abends immer wieder der leibhaftige Buoso Donati als Financier des Filmprojekts und zunächst nur scheinbar verstorbener reicher Onkel auf, der seine ganze Verwandtschaftsmischpoke einerseits finanziert und durch diese Versuchsanordnung testen und mit ihrem eigenen Verhalten konfrontieren will. Letzteres gelingt ihm dann doch nicht, denn bevor sich die Beteiligten die Chance auf das reiche Erbe nehmen lassen, wird der Onkel von Gianni Schicchi tatsächlich eiskalt um die Ecke gebracht und qualvoll erwürgt.
Die nur scheinbare, im Biotop eines künstlerischen Orbits – nämlich der Filmproduktion – gehegte Hinwendung und gemeinschaftliche Orientierung, schlägt in der Realität um in Egoismus, Zynismus und die nur allzu-menschliche Bereitschaft, für Reichtum und Macht auch zu morden. Doppelmoral und animalische Disposition des Menschen werden mit nur wenigen klassischen Theatermitteln auf den Punkt gebracht. Der Sprecher erklärt, die Handlung spiele 2027 – ein Hinweis auf die Unabänderlichkeit der menschlichen Disposition.
Großen Anteil an der gelungenen Umsetzung des Konzeptes haben das Videodesign von Daniel M.G. Weiß – wesentliche Teile der Tabarro-Verfilmung werden jeweils „live“ direkt von Handkameras auf eine wiederholt heruntergelassene Leinwand projiziert – und die Lichtgestaltung von Christian Kemmetmüller. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch der Bremer Schauspieler und Performancekünstler Mateng Pollkläsener, dem in der Sprechrolle des Onkels die richtige Pointierung gelingt.

Das Theater Bremen kann die anspruchsvollen Gesangspartien mit vielfach zwei Rollen verkörpernden Solisten gut besetzen. Loren Lang ist der ideale coole Macho, der trotz der erkalteten Ehe keinen anderen Mann seinem weiblichen Besitz zu nahe kommen lässt – das vermag er auch mit durchschlagender Stimmgewalt sinnlich spürbar zu machen. Luis Olivares-Sandoval und Patricia Andress vertreten in Tabarro stimmlich das heimlich verliebte Paar in überzeugender Weise. Das optische Erscheinungsbild der beiden Darsteller kommt dem Zuschauer auf der übergroßen Leinwand physisch teilweise sehr vollschlank entgegen. Patrick Zielke triumphiert in seiner stimmlich und darstellerischen durchschlagenden, komischen und zugleich gefährlichen Präsenz. Als Giorgetta und Nella brilliert die in jeder Hinsicht verführerische Nerita Pokvytyte.
Der Chor steht unter der Leitung von Alice Meregaglia. Die Bremer Philharmoniker unter Hartmut Keil spielen die Musik Puccinis facettenreich und – wo nötig – mit aufrauschender, gar nicht norddeutscher Üppigkeit, zeigen dabei viel Liebe zu den anspruchsvollen Details und Klangeigenschaften der Partituren. Durch die insbesondere im Tabarro häufig eingesetzte, manchmal technisch bedingte, minimale Zeitversetzung der Videoübertragung der Protagonisten entsteht mitunter eine gewisse eigentümliche Irritation durch eine Distanz zwischen dem visuellen Eindruck auf der Leinwand, dem Gesang und dem Orchester, was – soweit man das akzeptiert – aber auch eine gewisse produktive Steigerung der Intensität beim Hörerlebnis bewirken kann.
Nicht unerwähnt bleiben soll die einfühlsame Gestaltung des Programmheftes. Das Interview mit dem Regisseur sowie die aktuellen Textauszüge und ‑beiträge vermögen die aktuellen Bezüge der Vorlagen und deren gesellschaftliche Relevanz noch einmal gut zu beleuchten. Das kann bei einem visuell so farbenreichen und vielgestaltigen Abend hilfreich sein.
Es ist dann jedoch ernüchternd zu sehen, dass die zweite Vorstellung nach der Premiere nur schwach besucht ist und das traditionelle Publikum ein, gelinde gesagt, deutlich überdurchschnittliches Alter hat. Gerade eine sich so durch ihre spezielle Dramaturgie und ihr neuzeitliches Erscheinungsbild um die Aktualität der Oper bemühende Umsetzung verdient viel mehr junge Zuschauer. Vielleicht muss das Bremer Haus mit einem so einfallsreichen Regisseur wie Berger den jungen Leuten an anderen Orten der Stadt, also gewissermaßen auf ihrem Kiez und auf experimentelleren Plattformen noch mehr entgegenkommen, wenn diese noch nicht den Weg in das Haus am Goetheplatz finden wollen.
Das anwesende Publikum jedenfalls verfolgt die Vorstellung gebannt und spart nicht mit Beifall und Bravorufen für viele der Sänger und das Orchester.
Achim Dombrowski