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Zu viel gewollt

CAFÉ CASABLANCA
(andcompany&Co.)

Besuch am
24. April 2017
(Urauf­führung)

 

Junges Schau­spiel Düsseldorf,
Münsterstraße

Im Januar vor zwei Jahren zeigte das Theater- und Perfor­mance­kol­lektiv andcompany&Co. erstmals am Düssel­dorfer Forum Freies Theater seine „Schlep­peroper“. Eine eindrucks­volle Perfor­mance, die mit vergleichs­weise geringen Mitteln einen überzeu­genden Beitrag zu einer völlig entar­teten Diskussion über hilfs­be­dürftige Menschen leistete. Jetzt melden sich Alex Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma in einer Koope­ration mit dem Düssel­dorfer Jungen Schau­spiel und der Bürger­bühne zurück. Mit einer eigentlich grandiosen Idee. Eine Hommage an einen der vielleicht wichtigsten Flücht­lings­filme, eigentlich ein ameri­ka­ni­scher Propa­gan­dafilm aus dem Jahr 1942. Casablanca ist ein genialer Film, der bis heute nichts von seiner Faszi­nation verloren hat. Da hätte es viele denkbare Möglich­keiten gegeben, mit dem Stoff umzugehen. Das Regisseur-Team wählt die schlech­teste. Fest der postdra­ma­ti­schen Tradition verhaftet, bleibt kein Raum für Psycho­logie oder einfach nur Zwischentöne.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das Spektakel beginnt mit der mittler­weile üblichen Verspätung im Jungen Schau­spiel. Hoch subven­tio­nierte Arbeits­kräfte sind hier nicht in der Lage, für einen pünkt­lichen Beginn zu sorgen. Mögli­cher­weise mag man das in der inneren Wahrnehmung lustig finden, nach außen ist eine solche Arbeits­weise albern, ärgerlich und höchst unpro­fes­sionell. Auch in der übrigen Organi­sation ist das Ganze eher Pfadfin­der­lager als eine wohlor­ga­ni­sierte Theater­auf­führung. Und so bleibt dann auch die Hälfte der Sitze an den eigens aufge­stellten Café-Tischen leer, die doch die Zuschau­er­be­tei­ligung bezeugen sollen. Vor den Zuschau­er­ti­schen ist eine vielver­spre­chende Bühnen­land­schaft aufgebaut. Links befindet sich eine Bar, über der das Schild „Not safe“ aufge­hängt ist. In der Bühnen­mitte ist ein Podest aufgebaut, auf dem Klavier, Schlagzeug und Sänger­mi­krofon aufgebaut sind. Rechts ist die Bühne von Jamina Audick abgehängt. Im Firmament hängen Pappen mit den Porträt-Fotografien von Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart, die die Möglichkeit bieten, Dollar­zeichen in den Augen aufblenden zu lassen. Auf der Rückseite der Bühne ist eine asymme­trische Projek­ti­ons­fläche angebracht. Da kann viel passieren. Theoretisch.

In der Praxis kommt es anders. Und man staunt erst mal, was Theater offenbar alles nicht mehr ist. Textbe­herr­schung: Brauchen wir nicht. Das reicht, wenn stotternd abgelesen wird. Oder wir wieder­holen den Text einfach noch mal. Deutsche Sprach­kennt­nisse: Überflüssig. Radebrechen reicht. Publi­kums­ori­en­tierung: Überflüssig. Hier gilt’s der Kunst, und wir genügen uns selbst. Soll das Publikum doch verstehen, was es will. Haupt­sache, die Akteure kommen durch den Text und die fehlende Handlung. Und da ist dann auch keiner böse, wenn nach 70 Minuten statt der angege­benen 90 Minuten Schluss ist.

Foto © Sebastian Hoppe

So genannte Freie Szene trifft auf Stadt­theater trifft auf Bürger­bühne. Da sind wohl viele Inter­essen zu berück­sich­tigen, um allen gerecht zu werden. Und aus dem Stück Café Casablanca: Everybody comes to stay! wird eine willkür­liche Ansammlung von Szenen, die alles Mögliche beleuchtet. Haupt­sache bunt und laut, in Englisch, Arabisch und Deutsch übertitelt. Es hagelt künst­le­risch verfremdete Filmzitate, die ohne Kenntnis des Films nicht zu verstehen sind, die Darsteller können mit gar nicht genug Pistolen auf der Bühne herum­fuchteln. Geflüchtete, die seit langer Zeit in Deutschland leben, dürfen zeigen, dass man auch nach 40 Jahren die deutsche Sprache noch nicht beherr­schen kann. Deutsche Betrof­fen­heits­bürger dürfen mitspielen, weil sie den Film so oft gesehen haben, und die Schau­spieler zeigen, wie sehr sie auf einen guten Stoff angewiesen sind, um gut spielen zu können. Ständig neue und gedop­pelte Rollen­zu­wei­sungen sorgen für Verwirrung, aus der auch die Kostüme von Audick nicht heraus­helfen. Auch die Video­pro­jek­tionen von Sacha Benedetti wirken eher selbst­ver­liebt als hilfreich.

Lehrreich ist das Event ebenfalls. Das Publikum erfährt, dass sich die Flücht­lings­ströme inzwi­schen umgekehrt haben, dass nicht alle Flüch­tenden gleich schlecht behandelt wurden und werden, ja, auch, dass es wichtig ist, einen gültigen Pass respektive ein gültiges Visum zu haben. Gern wird auch noch mal darauf hinge­wiesen, dass auch „Schlepper“, also Flucht­helfer, nicht die Bösen sind, als die sie medial darge­stellt werden. Aber das wussten wir ja schon aus der Schlepperoper.

Wie schön, dass die Darsteller ihr Bestes geben und zwischen­durch auch hübsch musizieren. Und es gibt ja auch durchaus komödi­an­tische Augen­blicke an diesem Abend. Für diese Leistungen gibt es sehr großzü­gigen Applaus im durchaus nicht vollbe­setzten Haus. Das Leitungsteam schleicht zum Schluss­beifall ebenfalls auf die Bühne, die Gesichter und Körper­hal­tungen zeigen deutlich, wie lästig ihnen diese Prozedur ist. Oder ist ihnen nur peinlich, was sie hier statt einer ernst­haften Ausein­an­der­setzung mit einem brisanten Thema abgeliefert haben? Dann hätte der Abend wenigstens etwas genützt.

Michael S. Zerban

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