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Foto © Marcello Orselli

In Marmor gemeißelt

DON CARLO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
21. April 2017
(Premiere)

 

Teatro Carlo Felice, Genua

Don Carlo ist eine der belieb­testen Opern von Giuseppe Verdi. Ursprünglich kompo­nierte er die Vorlage von Friedrich Schiller als Grand Opéra für seinen Eintritt ins Pariser Opern­ge­schehen, 20 Jahre später reali­sierte er eine verkürzte italie­nische Fassung, die ohne Vorspiel im Wald von Fontaine­bleau in Genua eine Neuin­sze­nierung erlebt. Dicht ist der Stoff und enthält eine Vielzahl von Konflikt­ebenen, die auch durch die musika­lische Unter­malung die Beliebtheit der Oper unter­stützen. Hier prallen die weltliche und religiöse Macht aufein­ander, Vater und Sohn, höfisches Protokoll mit dem Ruf nach Freiheit und politi­scher oder persön­licher Unabhän­gigkeit. Dazu so tiefe mensch­liche Gefühle wie Liebe und Eifer­sucht, Treue und Mut.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

All das konnte Cesare Lieve, ein vielbe­schäf­tigter Theater- und Opern­re­gisseur nicht wirklich zum Leben erwecken. Zu wenig agieren die Sänger und Darsteller mitein­ander, statisch verharren sie oft lange in ihren Posen, ungeschickt in ihren Gesten und ausdruckslos. Dazu taucht Maurizio Bola das Bühnenbild in ein gewal­tiges abstraktes Konstrukt aus hell schim­merndem Marmor mit grauer Musterung, monochrom seine Kostüme in hell und dunklem grau gehalten. Das passt sicherlich zur erdrü­ckenden, dumpfen Grund­stimmung der Inqui­sition und des kühlen Palast­leben im Escorial, bringt aber wenig Abwechslung für die Handlung. Mehr Licht­regie als Andrea Bolli gestaltet das unkon­zen­trierte Publikum mit seinen Handys im störenden Dauerbetrieb.

Auch der junge gesten­reiche Dirigent Valerio Galli kann am Pult nicht überzeugen und musika­lisch Spannung erzeugen. Er unter­drückt den Schwung und die Kraft des sehr gut vorbe­rei­teten Orchesters des Teatro Carlo Felice, denn zu sehr möchte er die Sänger unterstützen.

Foto © Marcello Orselli

Die sind aber durchweg sehr gut besetzt und benötigen diese Übervor­sicht nicht. Der junge Venezue­laner Aquiles Machado verfügt über einen wohlklin­genden, sicheren Tenor bis in die Höhe. In seiner Stimme steckt viel Kraft und Potenzial, leider verliert seine überzeu­gende Präsenz durch seine kleine, kompri­mierte Gestalt und unsichere Bewegung aufgrund der verbor­genen hohen Absätze in seinen Stiefeln. Svetla Vassileva glitzert wahrlich mit ihrem hellen und silbrigen Sopran, voller Kraft und Farbe. Energisch setzt sie sich gegenüber ihrem Gatten und der Neben­buh­lerin durch. Riccardo Zanaletto kommt nach anfäng­licher Zurück­haltung in seiner großen Arie und dem kämpfe­ri­schen Duett mit dem Großin­qui­sitor – stimm­ge­waltig Marco Spotti – zu großer Form. Besonders aufge­laden erscheint Franco Vassallo als streit­barer, treuer Marquis Posa. Selbst in den letzten Zügen siechend, schwingt er sich zu einem mächtigen Gesang auf, der durch das ganze Haus dringt. In der dunklen Wärme seines Timbres bleibt er unver­kennbar. Mit Hingabe zieht er seine Melodie­bögen, schwelgt im Legato und trifft die Töne sicher. Viel Beifall erhält Giovanna Casolla für ihre eindring­liche Darstellung der Eboli, ihr Schmerz und ihre Wut über ihr schick­sal­haftes Geschenk ist durch­dringend, wenn auch ab und an gepresst. Ihr Mezzo ist dunkel, breit in der Tiefe steigt er, ohne schrill zu werden, in die Höhe. Im Schlussbild bricht das mächtige marmorne Grabmal Karls des Fünften ausein­ander, und Mariano Buccino holt Don Carlo mit seinem Mantel und hoheits­voller Stimme zu sich.

Viel Beifall für alle Sänger und die Musiker, das Regieteam erscheint nicht an diesem Premierenabend.

Helmut Pitsch

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