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Munter geht es zu im Hagener Theater, wenn Ludger Vollmers neueste Oper erfreulich viele junge Besucher anzieht. Mit Tschick ist dem Komponisten nach den Erfolgen von Gegen die Wand und Lola rennt erneut eine geschickte Vertonung eines auch bei jungen Leuten beliebten Stoffs gelungen. Der Roman Tschick des 2013 verstorbenen Schriftstellers, Malers und Illustrators Wolfgang Herrndorf ist zwar ebenso wenig wie das entfernte Vorbild, Mark Twains Geschichten um Huckleberry Finn und Tom Sawyer, als reines Jugendbuch gedacht, doch trifft er mit seiner Thematik und seiner bildhaften Sprache den Nerv der Teenager. Und seine Bühnentauglickkeit hat der Roman bereits in ebenfalls erfolgreichen Versionen als Theaterstück und Filmvorlage unter Beweis stellen können.
Einen schlagenden Beleg für die Eignung als Opernstoff muss das freilich nicht bedeuten, schließlich haben sich selbst an so grandiosen Dramatikern wie Kleist oder Tschechow auch renommierte Komponisten wie Henze, Kelterborn oder Eötvös mit mäßigem künstlerischem Erfolg die Zähne ausgebissen.
Ludger Vollmer bleibt bei Tschick seiner Methode des Stilmixes treu und fährt gut damit. Für die 29 kurzen Szenen findet er pointierte Lösungen, die die Atmosphäre des Milieus oder die Stimmung der Figuren recht treffsicher ausdrücken. Dafür arbeitet er mit raffinierten Klangmischungen, wenn es um bedrohliche oder weltentrückte Hintergrundklänge geht und mit Anleihen an Rock, Jazz und Hip-Hop, wenn ganz tief in die Welt der jungen Leute eingetaucht wird.
| Musik | ![]() |
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Die Handlung in Kürze: Tschick, Spross russischer, auf der unteren sozialen Sprosse angesiedelter Einwanderer, trifft auf Maik, den Sohn aus reichem, aber nicht weniger entwurzeltem Elternhaus. Die Mutter ist alkoholabhängig, der Vater beschäftigt sich ausschließlich mit seinen Immobiliengeschäften und seiner adretten Freundin. Beide Jungen gelten als Außenseiter und beschließen, mit einem gestohlenen Auto auszubrechen und in die „Walachei“ auszuwandern. Es beginnt eine Odyssee dramatischer, komischer und anrührender Abenteuer. Wegen diverser Vergehen kommt es schließlich zur Gerichtsverhandlung. Tschick muss ins Heim, Maik einen sozialen Dienst ableisten. Das Ende bleibt offen und wird durch ein bizarres Bild in der Schwebe gehalten. Die alkoholsüchtige Mutter Maiks wirft ihren Luxusschrott in den Swimming-Pool, Maik springt dazu und denkt unter Wasser an die gemeinsame Zeit mit Tschick zurück.
Die Oper, strukturiert als Stationendrama, angesiedelt mit vielen prall charakterisierten Figuren, bietet dem in Sachen Vollmer versierten Regisseur Roman Hovenbitzer ausreichend Gelegenheit, für Abwechslung auf der Bühne zu sorgen. Angesichts der vokalen Anforderungen sind die beiden Hauptfiguren zwar älter besetzt als im Roman vorgesehen, können aber immer noch genügend jugendlichen Elan für die verrückten Ideen und Abenteuer versprühen. Auf Verschlüsselungen oder abgehobene Überinterpretationen verzichtet der Regisseur und erzählt die Geschichte recht brav, aber fantasievoll am Libretto von Tina Hartmann entlang. Die grotesken Verhältnisse in Maiks Familie werden ebenso deutlich gezeichnet wie die Feindschaft der „normalen“ Gesellschaft gegenüber den Outlaws. Dafür tritt der Chor meist mit anonymen Masken in Erscheinung. Auch die vielen Nebenfiguren erhalten Profil und Genre-Szenen wie die Schüler-Fete mit fetzigen Tanzrhythmen genügend Schwung. Gelegentlich öffnet sich die Bühne zu visionären Ausblicken, bei denen die reich verwendete Bühnentechnik das Sagen hat.

Bühnenbildner Jan Bammes begnügt sich mit wenigen Versatzstücken und illustriert die vielen Szenenwechsel durch skizzenhafte Rollbilder, in denen teilweise mit effektvollen Schattenrissen gearbeitet wird. Eindrucksvoll gelingt die Illusion der Unterwasserwelt, in der am Ende die Figuren wie orientierungslose Fische zappeln. In diesem Kontext verdient auch Licht-Designer Ulrich Schneider ein besonderes Kompliment.
Dass sich Generalmusikdirektor Florian Ludwig persönlich des Stücks annimmt, spricht für die Bedeutung, die das Theater Hagen dem Jugendtheater beimisst. Dass der verstärkte Chor des Theaters und das Philharmonische Orchester der Stadt ebenso viel Engagement hören und erkennen lassen, trägt wesentlich zum Erfolg der Produktion bei.
Gesanglich wird freilich auf recht bescheidener Flamme gekocht. Karl Huml als Tschick und Andrew Finden als Maik bieten solide Leistungen wie die Sänger der meisten kleineren Rollen. Dazu gehört Kristine Larissa Funkhauser in der für sie etwas unglücklich hoch gelegenen Partie der Isa. Positiv stechen Rainer Zaun als Maiks Vater und Heikki Kilpeläinen in gleich drei Rollen mit seinem auch in den Tiefen kerngesunden Bariton hervor.
Das junge Publikum reagiert äußerst lebhaft auf die turbulente Vorstellung, die an sprachlicher Drastik keine Wünsche offenlässt und auch szenisch für manchen Knaller sorgt, wenn die attraktive Isa ihren Busen blankzieht. Mit anderen Worten: Auch, wenn sich die Produktion jedem Mainstream entzieht, hat sie ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt. Und das ist nicht wenig.
Pedro Obiera