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DON PASQUALE
(Gaetano Donizetti)
Besuch am
29. April 2017
(Premiere)
Rolando Villazón ist einer der ganz Großen. Nicht, weil er mal viel Erfolg als Sänger hatte, oder weil er eine Preisverleihung im Fernsehen mehr oder minder erfolgreich moderierte. Seine Regie-Arbeiten polarisieren bis heute. Nein, er ist einer der ganz großen Lebenskünstler, die mit Lebensfreude, unendlicher Fantasie und Fröhlichkeit durch das Leben gehen. Niederschmetternde Kritiken werfen ihn nicht aus der Bahn. Was die Kritiker offenbar noch wütender macht. Es ist keine Naivität, die ihn von Erfolg von Erfolg treibt, wenn auch auf immer anderen Gebieten. Es ist die Poesie des Lebens, die ihn begeistert, antreibt und von der er glaubt, dass er auch andere daran teilhaben lassen muss. Das versteht, wer seine beiden Romane gelesen hat. Kunststücke wie Lebenskünstler, inzwischen liegen beide in einer grandiosen deutschen Übersetzung vor, sind literarische Meisterwerke. Und eigentlich möchte man ihm zurufen: Vergeude deine Zeit nicht als Regisseur, du wirst als Schriftsteller gebraucht.
Aber dann wäre es eben nicht Villazón. Und so präsentiert er in einer Koproduktion von Deutscher Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg und Volksoper Wien in Düsseldorf seine neueste Regie-Arbeit. Don Pasquale von Gaetano Donizetti ist eine wunderbare Oper, die es in sich hat. Wer sich hier als Regisseur – oder als Dirigent, dazu gleich mehr – mit leichter Hand über die Tücken hinwegzusetzen versucht, wird schnell einen Reinfall erleben. Es ist wie immer mit Komödien: Sie müssen hart erarbeitet werden, um wirklich witzig zu sein. Villazón hat inzwischen zu so etwas wie einer eigenen Bühnensprache gefunden. Dazu braucht er ein eingespieltes Team. Johannes Leiacker gehört längst zu den „Helden der Bühnenbildner“, Thibault Vancraenenbroeck erarbeitet seine Kostüme mit akribischer Fantasie und Davy Cunningham setzt die Arbeiten Villazóns meist überaus gekonnt ins rechte Licht.
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Auch an diesem Abend gelingt dem Lichtbildner bis auf ein paar Patzer ein ordentliches Licht-Design. Originell der schiefe LED-Lichtrahmen, der das Bühnenbild umfasst, offenbar stimmungsabhängig seine Farben ändert und den Guckkasten-Effekt verstärkt. Villazón versteht „seinen“ Don Pasquale als „Pop-Pasquale“ und verlegt ihn in die 1970-er Jahre. Das erlaubt ihm, die Moral der Oper, auf die Donizetti viel Wert legte, in Frage zu stellen und gar eine andere Lösung zu finden. Der gelungenste Kunstgriff des Abends übrigens, weil er ohne Worte und quasi en passant funktioniert, wenn Pasquale die erheblich jüngere Luftakrobatin anflirtet. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, gepflastert von allerlei überflüssigen Stereotypien – Bagwan, Joints und das Peace-Zeichen lassen grüßen – bis hin zu einer durchaus ambivalenten Personenführung. Schön, wenn es ihm gelingt, die Umbauphasen mit dem running gag einer „wertvollen“ Büste zu überbrücken. Schade, dass er das nicht bis zum Schluss durchhält. Geradezu sensationell die späteren Begegnungen von Pasquale und Norina in ihren Bewegungsabläufen. Das ist Spitz auf Knopf. Warum aber dann Sängerallüren der 1960-er Jahre? Und der freezing frame funktioniert ebenfalls nur in ganz bestimmten Situationen. Konsequenter ist schon Leiacker, der die Bühne in ein Loft verlegt, in dem zunächst eine ausgesprochen konventionelle Ausstattung vorherrscht. Bilder in großen Goldrahmen stehen vor einer Fensterwand, hinter die verschiedene Landschaften projiziert werden. Davor eine Sofa-Kombination des Biedermeiers. Später werden die Bilder gegen Warhol-Motive, die Möbel gegen Sitzgelegenheiten der 1970-er Jahre ausgetauscht und der Zuschauer atmet auf, weil die piefige Atmosphäre ausgeatmet hat. Wirklich gelungen sind die Kostüme, die bis in das kleinste Detail funktionieren. Insgesamt ist das alles gelungen, der ganz große Wurf ist es nicht.

Und so ist das auch bei den Sängern. Die Titelfigur in Gestalt von Lucio Gallo ist insofern schwierig, als Gallo es mit der Textverständlichkeit nicht so genau nimmt. Ein Bass, der auf die Übertitel vertraut. Auch ist Don Pasquale ja im Grunde ein Hahnrei, ein eitler Fatzke. Hier greift das alles nicht so richtig. Vielleicht fehlt das Quäntchen an Überzeichnung. Ein Höchstmaß an Präzision liefert Elena Sancho Pereg ab. Auch gesanglich begeistert die Norina, aber vor allem darstellerisch gefällt sie mit ihren à‑point-Gesten, überzeugt, nachdem der „Schleier“ gefallen ist, als Sofronia und macht einen im Liebesduett geradezu verliebt in die Bühnenfigur. Neben den wunderbaren Koloraturen der Sängerin fühlt man sich bei dem Tenor Ioan Hotea an die großen Tenöre der Vergangenheit im italienischen Fach erinnert. Hier stimmt einfach alles, was man sich von einem italienischen Abend erwartet. Für Dmitri Vargin als Dottor Malatesta springt an diesem Abend Mario Cassi ein. Auch bei ihm hadert man deutlich mit der Textverständlichkeit, obwohl ihm die Rolle beileibe nicht fremd ist.
Der Chor der Deutschen Oper am Rhein unter Leitung von Gerhard Michalski zeichnet sich, wie gewohnt, durch hohe Spielfreude aus. Aber auch hier muss man sich auf die Übertitel verlassen.
Dass Sänger und Chor kaum verständlich sind, mag zum einen an den Sängern liegen. Zum andern ist es aber sicher der überbordende Klang, den niemand Geringeres als Nicholas Carter im Graben erzeugt. Eigentlich „im Fach“ erfahren, unterschätzt er offenbar hier die Wirkung des Grabens und der Düsseldorfer Symphoniker. Die scheren sich herzlich wenig um die Sänger auf der Bühne. Und da passt vieles nicht zusammen.
Das Publikum allerdings erfreut sich zuvörderst an den Regie-Einfällen. Schließlich ist es nicht gekommen, um die musikalische Qualität des Abends fachkundig zu beurteilen, sondern will sehen, was Villazón aus dem Don Pasquale gemacht hat. Und ist hingerissen. Selten hat man solchen Beifall in Düsseldorf erlebt. Pereg, Villazón und Hotea wie auch die übrigen werden wie Helden gefeiert.
Trotzdem bleibt es dabei: Rolando Villazón sollte seine Zeit darauf verwenden, uns mit Romanen zu überschütten. Und das liegt nicht an seiner Regie-Arbeit, sondern an den wunderbar poetischen Büchern, von denen wir mehr wollen.
Michael S. Zerban