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Foto © Sandra Then

Minimal Music in maximaler Dichte

SATYAGRAHA
(Philip Glass)

Besuch am
28. April 2017
(Premiere)

 

Theater Basel

Das Theater Basel wagt viel und gewinnt. Die Oper Satyagraha mag zwar musika­lisch zur Gattung Minimal Music gehören, die Umsetzung des Stücks mit seinen komplexen Bildern und verschie­denen Ebenen bedeutet aber maximalen Genuss. Das Haus am Rhein zeigt das selten gespielte Opus, das auf Deutsch übersetzt in etwa Kraft der Wahrheit bedeutet, als Schweizer Erstauf­führung. Sie ist gleich­zeitig eine Referenz an den US-ameri­ka­ni­schen Musiker und Kompo­nisten Philip Glass, der Anfang des Jahres seinen 80. Geburtstag feierte.

Erzählt wird eine Episode aus dem Leben des indischen Wider­stands­kämpfers Mahatma Gandhi. Das 1980 in Rotterdam urauf­ge­führte Werk ist mit Einstein on the beach und Akhnaten Teil einer Trilogie von Porträt-Opern des Kompo­nisten über die drei histo­ri­schen Figuren Albert Einstein, Mohandas Karam­chand Gandhi und Echnaton. Satyagraha beleuchtet Gandhis frühe Jahre von 1893 bis 1914 in Südafrika. Im Erleben der Unter­drü­ckung einer indischen Minderheit im Land entwi­ckelte der Pazifist das Konzept des gewalt­losen Wider­stands und gab dieser Bewegung den Namen Satyagraha. Die Kraft der Wahrheit sollte später ähnliche Protest­be­we­gungen von Minder­heiten auslösen, darunter auch diejenige von Martin Luther King jr. in den Verei­nigten Staaten. Letzterer versinn­bild­licht im Dreiakter die Zukunft. Für die Vergan­genheit steht der russische Schrift­steller Leo Tolstoi im ersten Akt, der gleich­zeitig Namens­geber war für die Tolstoi-Farm, von der aus die genos­sen­schaftlich organi­sierte Truppe Gandhis in Südafrika agierte. Die Gegenwart verkörpert der Autor Rabin­dranath Tagore im zweiten Akt, er ist ein Freund und Zeitge­nosse des indischen Revolutionärs.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Für den geneigten Opern­freund endet die Ausein­an­der­setzung aber nicht mit der Geschichte Gandhis. Wer das Werk in seiner Vielschich­tigkeit verstehen will, muss tiefer ins Libretto von Philip Glass und Constance DeJong eintauchen. Hier manifes­tiert sich eine eigent­liche Krux, denn der gesungene Text entstand bereits 1200 Jahre vor Christus und stammt aus der Bhagavad Gita, einer heiligen Schrift des Hindu­ismus. In die Oper wird ein Zwiege­spräch zwischen der Gottheit Krishna und dem Kriegs­fürsten Arjuna einge­woben, in dem die zentralen Fragen der Spiri­tua­lität und des mensch­lichen Handelns disku­tiert werden. Ein Handlungs­ablauf im Stück fehlt ebenso, wie die strin­gente Weiter­ent­wicklung des Stoffs. Glass und DeJong verzichten bewusst auf eine chrono­lo­gische Erzähl­weise. Das drückt sich auch in der Musik aus, die keine Spannungen zwischen den einzelnen Figuren aufbaut oder die Charaktere weiterentwickelt.

Sidi Larbi Cherkaoui, der für Insze­nierung und Choreo­grafie verant­wortlich zeichnet, bringt die skizzierten Einblicke in den Lebens­ab­schnitt Gandhis mit seinen damaligen Wegge­fährten plausibel zur Anschauung und ermög­licht somit eine verständ­liche Sicht­weise auf ein tiefgrün­diges Werk mit assozia­tiven Aufzügen. Das facet­ten­reiche Myste­ri­en­spiel gelingt vor allem durch den Verzicht einer spezi­ellen Lesart des ohnehin schon intel­lek­tuell überbor­denden Konstrukts. Lediglich gegen Ende der Oper platziert Cherkaoui ein politi­sches Statement, indem er die Vertrie­benen als „Fag“, „Muslim“, „Cunt“ oder „Jew“ an die Bühnen­rampe und wieder zurück defilieren lässt. Davor wirken die Schriftzüge und Skizzen bei Indian Opinion im zweiten Akt eher aufge­setzt und bemüht.

Zur freien Entfaltung nutzt Cherkaoui die offene Bühne von Henrik Ahr, die wiederum mit einer mehrtei­ligen Hebebühne für Aktion und Inter­aktion sorgt. Die Kostüme von Jan-Jan Van Essche sind zeitge­nös­sisch inter­pre­tiert und nähern sich der tradi­tio­nellen indischen Kleidung mal konkret, mal subtil. Das Licht von Roland Edrich sorgt für stimmungs­volle Bilder. Besonders eindrücklich ist die Sequenz im dritten Akt während Der Marsch auf Newcastle, wenn sich die Bühne als Ganzes hebt und darunter Chor wie Tanzensemble als mutige Protest­be­wegung vereint.

Foto © Koen Broos

Den dezidiert repeti­tiven, ja sogar mantri­schen Dreiklängen von Philip Glass, die mit wenig Kontrasten und scharfen Instru­menten wie Blech­bläsern auskommen, begegnet Regisseur Sidi Larbi Cherkaoui und die Chorleitung unter Henryk Polus mit viel Bewegung in Form von Ausdruckstanz und Pantomime. Das mag an einzelnen Stellen ein Zuviel des Guten sein, aber im Großen und Ganzen erfüllt dieser Aktivismus zwei Aufgaben: Bei den gesun­genen und ausge­dehnten Soli tritt die Bewegung als eine Art Kontra­punkt auf, bei den rhyth­mi­schen Chorpas­sagen nimmt sie die wieder­keh­renden Akkorde und die repetitive Harmonie des Kompo­nisten bewusst redundant auf. Die Absicht der Regie, die Oper mit dem Besuch einer Ausstellung oder mit dem Betrachten eines Fotoalbums zu vergleichen, erfüllt die Produktion in hohem Maß. Die Oper ist ein Gesamt­kunstwerk aus betörendem Sologesang, sirenen­haften Chorpas­sagen und virtuosem Bewegungstheater.

Das Sinfo­nie­or­chester Basel unter der Leitung von Jonathan Stock­hammer präsen­tiert einen Glass von feiner Hand, dem es nicht an hypno­ti­scher Sogkraft mangelt. Rolf Romei ist mit seinem zarten Tenor, der leicht ins Lyrische drängt, eine Ideal­be­setzung für den Asketen Gandhi. Cathrin Lange als Miss Schlesen führt ihren Sopran zeitweilig gar spitz in den Höhen, beweist aber dafür Ausdauer bei den anhal­tenden Tönen. Mezzo­so­pra­nistin Maren Favela überzeugt in der Rolle der Kasturbai mit warmem Timbre, Sovia Pavone steht dem in der gleichen Stimmlage als Mrs. Alexander in nichts nach. Anna Rajah verzückt als Mrs. Naidoo mit einem luziden und flexiblen Sopran. Bassba­riton Andrew Murphy als Mr. Kallenbach macht seine Sache gut, sein Stimm­kollege Nicholas Crawley überzeugt aber in der Rolle des Parsi Rustomji sowie Krishna in der Tief- und Mittellage wesentlich mehr. Karl-Heinz Brandt rundet als Arjuna mit seinem klaren Tenor die Solis­ten­riege angenehm ab.

Satyagraha im Theater Basel ist eine kongenial umgesetzte Insze­nierung eines polydi­men­sio­nalen Werks und dürfte das Stamm­pu­blikum wie Liebhaber von Raritäten in gleichem Maße anziehen. Die Premiere wird mit entspre­chend großem Applaus gefeiert.

Peter Wäch

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