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Das Theater Basel wagt viel und gewinnt. Die Oper Satyagraha mag zwar musikalisch zur Gattung Minimal Music gehören, die Umsetzung des Stücks mit seinen komplexen Bildern und verschiedenen Ebenen bedeutet aber maximalen Genuss. Das Haus am Rhein zeigt das selten gespielte Opus, das auf Deutsch übersetzt in etwa Kraft der Wahrheit bedeutet, als Schweizer Erstaufführung. Sie ist gleichzeitig eine Referenz an den US-amerikanischen Musiker und Komponisten Philip Glass, der Anfang des Jahres seinen 80. Geburtstag feierte.
Erzählt wird eine Episode aus dem Leben des indischen Widerstandskämpfers Mahatma Gandhi. Das 1980 in Rotterdam uraufgeführte Werk ist mit Einstein on the beach und Akhnaten Teil einer Trilogie von Porträt-Opern des Komponisten über die drei historischen Figuren Albert Einstein, Mohandas Karamchand Gandhi und Echnaton. Satyagraha beleuchtet Gandhis frühe Jahre von 1893 bis 1914 in Südafrika. Im Erleben der Unterdrückung einer indischen Minderheit im Land entwickelte der Pazifist das Konzept des gewaltlosen Widerstands und gab dieser Bewegung den Namen Satyagraha. Die Kraft der Wahrheit sollte später ähnliche Protestbewegungen von Minderheiten auslösen, darunter auch diejenige von Martin Luther King jr. in den Vereinigten Staaten. Letzterer versinnbildlicht im Dreiakter die Zukunft. Für die Vergangenheit steht der russische Schriftsteller Leo Tolstoi im ersten Akt, der gleichzeitig Namensgeber war für die Tolstoi-Farm, von der aus die genossenschaftlich organisierte Truppe Gandhis in Südafrika agierte. Die Gegenwart verkörpert der Autor Rabindranath Tagore im zweiten Akt, er ist ein Freund und Zeitgenosse des indischen Revolutionärs.
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Für den geneigten Opernfreund endet die Auseinandersetzung aber nicht mit der Geschichte Gandhis. Wer das Werk in seiner Vielschichtigkeit verstehen will, muss tiefer ins Libretto von Philip Glass und Constance DeJong eintauchen. Hier manifestiert sich eine eigentliche Krux, denn der gesungene Text entstand bereits 1200 Jahre vor Christus und stammt aus der Bhagavad Gita, einer heiligen Schrift des Hinduismus. In die Oper wird ein Zwiegespräch zwischen der Gottheit Krishna und dem Kriegsfürsten Arjuna eingewoben, in dem die zentralen Fragen der Spiritualität und des menschlichen Handelns diskutiert werden. Ein Handlungsablauf im Stück fehlt ebenso, wie die stringente Weiterentwicklung des Stoffs. Glass und DeJong verzichten bewusst auf eine chronologische Erzählweise. Das drückt sich auch in der Musik aus, die keine Spannungen zwischen den einzelnen Figuren aufbaut oder die Charaktere weiterentwickelt.
Sidi Larbi Cherkaoui, der für Inszenierung und Choreografie verantwortlich zeichnet, bringt die skizzierten Einblicke in den Lebensabschnitt Gandhis mit seinen damaligen Weggefährten plausibel zur Anschauung und ermöglicht somit eine verständliche Sichtweise auf ein tiefgründiges Werk mit assoziativen Aufzügen. Das facettenreiche Mysterienspiel gelingt vor allem durch den Verzicht einer speziellen Lesart des ohnehin schon intellektuell überbordenden Konstrukts. Lediglich gegen Ende der Oper platziert Cherkaoui ein politisches Statement, indem er die Vertriebenen als „Fag“, „Muslim“, „Cunt“ oder „Jew“ an die Bühnenrampe und wieder zurück defilieren lässt. Davor wirken die Schriftzüge und Skizzen bei Indian Opinion im zweiten Akt eher aufgesetzt und bemüht.
Zur freien Entfaltung nutzt Cherkaoui die offene Bühne von Henrik Ahr, die wiederum mit einer mehrteiligen Hebebühne für Aktion und Interaktion sorgt. Die Kostüme von Jan-Jan Van Essche sind zeitgenössisch interpretiert und nähern sich der traditionellen indischen Kleidung mal konkret, mal subtil. Das Licht von Roland Edrich sorgt für stimmungsvolle Bilder. Besonders eindrücklich ist die Sequenz im dritten Akt während Der Marsch auf Newcastle, wenn sich die Bühne als Ganzes hebt und darunter Chor wie Tanzensemble als mutige Protestbewegung vereint.

Den dezidiert repetitiven, ja sogar mantrischen Dreiklängen von Philip Glass, die mit wenig Kontrasten und scharfen Instrumenten wie Blechbläsern auskommen, begegnet Regisseur Sidi Larbi Cherkaoui und die Chorleitung unter Henryk Polus mit viel Bewegung in Form von Ausdruckstanz und Pantomime. Das mag an einzelnen Stellen ein Zuviel des Guten sein, aber im Großen und Ganzen erfüllt dieser Aktivismus zwei Aufgaben: Bei den gesungenen und ausgedehnten Soli tritt die Bewegung als eine Art Kontrapunkt auf, bei den rhythmischen Chorpassagen nimmt sie die wiederkehrenden Akkorde und die repetitive Harmonie des Komponisten bewusst redundant auf. Die Absicht der Regie, die Oper mit dem Besuch einer Ausstellung oder mit dem Betrachten eines Fotoalbums zu vergleichen, erfüllt die Produktion in hohem Maß. Die Oper ist ein Gesamtkunstwerk aus betörendem Sologesang, sirenenhaften Chorpassagen und virtuosem Bewegungstheater.
Das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Jonathan Stockhammer präsentiert einen Glass von feiner Hand, dem es nicht an hypnotischer Sogkraft mangelt. Rolf Romei ist mit seinem zarten Tenor, der leicht ins Lyrische drängt, eine Idealbesetzung für den Asketen Gandhi. Cathrin Lange als Miss Schlesen führt ihren Sopran zeitweilig gar spitz in den Höhen, beweist aber dafür Ausdauer bei den anhaltenden Tönen. Mezzosopranistin Maren Favela überzeugt in der Rolle der Kasturbai mit warmem Timbre, Sovia Pavone steht dem in der gleichen Stimmlage als Mrs. Alexander in nichts nach. Anna Rajah verzückt als Mrs. Naidoo mit einem luziden und flexiblen Sopran. Bassbariton Andrew Murphy als Mr. Kallenbach macht seine Sache gut, sein Stimmkollege Nicholas Crawley überzeugt aber in der Rolle des Parsi Rustomji sowie Krishna in der Tief- und Mittellage wesentlich mehr. Karl-Heinz Brandt rundet als Arjuna mit seinem klaren Tenor die Solistenriege angenehm ab.
Satyagraha im Theater Basel ist eine kongenial umgesetzte Inszenierung eines polydimensionalen Werks und dürfte das Stammpublikum wie Liebhaber von Raritäten in gleichem Maße anziehen. Die Premiere wird mit entsprechend großem Applaus gefeiert.
Peter Wäch