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Unauflösbare Seelenrätsel

PELLÉAS ET MÉLISANDE
(Claude Debussy)

Besuch am
29. April 2017
(Premiere am 4. November 2012)

 

Oper Frankfurt

Die Produktion von Pelléas et Mélisande wurde in Frankfurt zum ersten Mal am 4. November 2012 gezeigt. Auch die neu besetzte, szenisch von Tobias Heyder sorgfältig einstu­dierte Wieder­auf­nahme ist ein Faszi­nosum. Konven­tionen werden zum Hort von düsteren Geheim­nissen, in denen die Figuren eine ihnen selbst und den Mitle­benden rätsel­hafte Existenz führen, die im Letzten nicht zu erschließen ist. Das hinzu­nehmen, produktiv zu machen, das Rätsel als Seins­weise anzuer­kennen, es nicht auf das Prokrus­tesbett der Analyse zu zwingen und so zu verge­wal­tigen, die Kühnheit, Text, Musik und Bilder im Raum stehen zu lassen, darin weist sich das Verdienst Claus Guths und seines Ausstatters Christian Schmidt.

Die Figuren bewegen sich oft mit der Tendenz zum Opern­gestus, gelangen aber nicht im Stereotyp an, sondern bleiben durch­gehend als eigen­ge­prägte Geschöpfe erkennbar. In sich selbst und die sie umgebende Dunkelheit einge­kerkert, stößt sie gerade die Konvention, nach der sie streben, um darin eine gewisse Fassung zu finden, zurück in die Finsternis. Noch wenn sich Mélisande dem Geliebten im Negligé mit über die Lehne des Sessels geschla­genem Bein darbietet, fällt das Geheim­nis­volle nicht in die laszive Routine eines Salon­stücks ab. Mélisande handelt auch hier wie unter übermäch­tigem Zwang. Erst die Nieder­kunft eröffnet ihr die Lizenz zum Sterben dürfen. Keine Liebe und Zuneigung kann Mélisande aus ihrer leiden­schafts­losen Todes­er­wartung heraus­lösen. Die seelische Auszehrung ist vollständig.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das Bühnenbild Christian Schmidts führt nicht ins König­schloss. Das Geschehen – denn von Handlung kann kaum die Rede sein –  trägt sich in einer großbür­ger­lichen Villa zu, deren klassi­zis­tische Zurück­haltung an die fünfziger Jahre des vergan­genen Jahrhun­derts denken lässt. Für sich genommen legen die sehr aufge­räumten Salons und diversen Räume vom Schlaf- bis zum Kinder­zimmer nicht die Spur eines Rätsels nahe. Indem freilich die Figuren wie noble Gefangene ihrer selbst und der Umwelt darin agieren, offenbart sich das übermäßig Geordnete als bestens eignet, die tief geheimen Regungen der Seele darin zu verbergen.

Dem entsprechen die ebenfalls von Schmidt verant­wor­teten Kostüme mit ihrer schlicht-raffi­nierten Eleganz und dem unter­kühlten Selbst­ver­ständnis. Sie sitzen wie angegossen, um innere Nöte zu kaschieren.

Die Erfurter General­mu­sik­di­rek­torin Joana Mallwitz leitet das Opern- und Museums­or­chester mit wachem Sinn für dynamisch feinste Abstu­fungen und das breite Spektrum düsterer Klang­farben. Zwar leisten Violinen und Blech präzise das ihre, indessen formu­lieren Holz und vor allem die tiefen Streicher zahllose, immer neu gewendete abgründige Rätsel, aus denen die Vorgänge auf der Bühne herauf­steigen und in die sie zurück­sinken. Die dunkle Klang­pa­lette auszu­dif­fe­ren­zieren ist, weil Debussys Musik ja sonst beinahe jedes Gerüst fehlt, die entschei­dende Möglichkeit, Zusam­men­hänge zu stiften. Den tiefen Strei­chern, die gleichsam die Essenz des Dramas enthalten, inten­siver als die Szene erlaubt zu lauschen, diese Gefahr ist unabweisbar.

Foto © Barbara Aumüller

Der Pelléas von Björn Bürger bleibt ein Schemen. Gewiss, Bürgers Stimme spricht leicht an. Aber, was delikat anmuten soll, hinter­lässt doch einen allzu blassen Eindruck. Für die drama­ti­schen Augen­blicke fehlt Bürgers Bariton das Kernhafte. Gaëlle Arquez als Mélisande trans­por­tiert in Stimme wie Darstellung das immerdar Unbehauste, im Dasein grund­sätzlich Fremde, das die Rolle ihr abfordert. Arquez vereinbart runde, volle Tongebung mit schwebend Unwirk­lichem. Keinen Zweifel lässt solche Rollen­auf­fassung daran, dass Mélisande auf Erden noch weniger zu helfen ist als den anderen Figuren. Golaud findet in Brian Mulligan einen denkbar engagierten Anwalt. Auf seine Art ist der auch stimm­liche Kraftkerl nicht weniger fremd in der Welt als die übrige Familie. Es ist ihm ernst damit, Mélisande verstehen zu wollen. Er kommt ihr so weit entgegen wie für ihn nur möglich, scheitert aber an seiner Eifer­sucht. Wie Mulligan die Stimme in mitfüh­lender Zuwendung zurück­nimmt und führt, um sich schließlich von seinen vermeint­lichen Besitz­an­sprüchen auf die Gemahlin hinreißen zu lassen, beglaubigt seinen sänger­dar­stel­le­ri­schen Rang. Mit Alfred Reiter bietet die Besetzung eine vox mystica auf, die in Tiefe und Höhe über eine Noblesse und Diskretion gebietet, die Reiter zu einer Ideal­be­setzung machen. Judita Nagyová als Geneviève gibt eine Königin, die ohne jede Kälte allen emotio­nalen Stürmen standhält. Anthony Muresan setzt in der Partie des Yniold seinen geradeaus geführten Knaben­sopran rollen­dienlich ein.

Der Applaus ist herzlich. Das Publikum scheut aber merklich davor, dem fragilen Werk durch vehementen Beifall womöglich zu nahe zu treten. Die Produktion ist abgespielt. Wehmut stellt sich ein.

Michael Kaminski

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