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LA GAZZA LADRA
(Gioachino Rossini)
Besuch am
2. Mai 2017
(Premiere am 12. April 2017)
Die Mailänder Scala bringt zum 200. Geburtstag des am eigenen Haus 1817 uraufgeführten Werkes eine selten gespielte Rossini-Oper neu heraus: La Gazza Ladra. Der Dirigent Riccardo Chailly hat sich für eine ungestrichene Fassung nach der neuen, kritischen Ausgabe von 1989 entschlossen, was den Abend mit fast vier Stunden Länge in fast wagnerianische Dimensionen katapultiert.
Die klassisch verwickelte Liebesgeschichte zwischen dem heldenhaft aus dem Krieg zurückkehrenden Sohn aus gutem Hause und seiner hübschen Ninetta als Dienerin gerät kurzzeitig an den Rand der Katastrophe, als diese wegen des vermuteten Diebstahls eines Silberlöffels zunächst zum Tode verurteilt wird, bevor der bewährte Deus ex machina die diebische Elster als Täterin entlarvt. Die Liebenden können sich glücklich in die Arme schließen.
So einfältig wie hier wiedergegeben, wird der Plot vom italienischen Film- und Schauspielregisseur Gabriele Salvatores auch auf die Bretter gebracht. Obgleich mit der Akrobatin Francesca Alberti eine anmutige Elster im Federkostüm an Seilen über die Bühne schwebt und tanzt und die Handlung wiederholt durch die Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli, eine Gruppe von professionellen Marionettenspielern, mit ihrem ausdrucksstarken Spiel und Puppen gespiegelt und begleitet wird, entwickelt sich den gesamten Abend über keinerlei geschlossenes Bühnenkonzept.
| Musik | ![]() |
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Die Sänger stehen – ob in Arien, Ensembles oder Finalszenen – den mehrstündigen Abend ausschließlich händeringend an der Rampe. Die einfallslosesten Operngesten, die heute als überwunden gelten sollten, sind an der Scala den gesamten Abend dominant. Lediglich in den Szenen höchster Verzweiflung erlebt man zwischen Vater Fernando und Tochter Ninetta ein intensiveres und berührendes, zugewandtes Spiel.
Die Bedrohlichkeit des alten Systems mit dem Amtsinhaber und Bürgermeister Gottardo, der Ninetta durch Liebeswerben massiv zusetzt, kommt im banalen Gestus nicht zur Geltung. Offensichtlich zielt die Umsetzung lediglich auf eine so verstandene, so genannte Traditionspflege des Rossinischen Erbes.
Die Kostüme von Gian Maurizio Fercioni wechseln zwischen traditioneller Aufmachung und – zeitweise – einem kuriosen Frankensteinkostüm für den Bürgermeister. Die Bühne – ebenfalls von Fercioni – und das Licht von Marco Fillibeck arbeiten feinfühlig und mit Versatzelementen, um eine Atmosphäre von Spiel und Zauber auf der Theaterbühne zu verdeutlichen, ohne allerdings den gigantischen Raum wirklich in den Griff zu bekommen.
An Durchleuchtung oder Verbildlichung einer zweiten psychologischen Ebene bei Rossini wie bei Marthalers Viaggio a Reims in Zürich im vergangenen Jahr oder Herheims La Cenerentola zu Beginn dieses Jahres in Oslo darf man auch nicht im Ansatz denken. Das ist auch deshalb besonders zu bedauern, weil die musikalische Seite der Aufführung Rossini alle Ehre bereitet.
Der Dirigent Riccardi Chailly hat eine Gruppe von jungen, überwiegend am Anfang ihrer Karriere stehenden Sängern um sich geschart, die den Abend im besten Sinne meistern. Rosa Feola gibt eine in ihrer souveränen, in jeder Hinsicht in der stimmlichen Gestaltung überragende Ninetta. Die Stimme scheint wie gemacht für diese Rossini-Rollen. Die Koloraturen erblühen in scheinbar mühelosem Glanz, und die Gesangsbögen werden in großer, souveräner Form zur Geltung dargebracht. Die anspruchsvolle Partie wird musikalisch grandios zum Leben erweckt – die Sängerin vermag Inhalt und Gehalt ihrer Rolle allein durch ihre wundervolle stimmliche Gestaltung im großen Theaterraum der Scala zu realisieren.

Der Bass Alex Esposito glänzt nicht minder in der Partie von Ninettas Vater Fernando Villabella. Seine junge, schlanke und makellose Stimme trägt nicht nur im großen Auditorium, sondern vermag die mehr als anspruchsvollen Koloraturbögen mit allergrößter Präzision zu „setzen“ und die Rossinische Kunstform des Gesangs in ausdrucksstarken Inhalt zu wandeln. Nur selten kann man einen Sänger in der Ausführung der allerschwierigsten Koloraturen solche Risiken durch pointierte Stimmgestaltung, Tempo und Präzision nehmen hören – Bravo! Die Altistin Serena Malfi gestaltet als junger Pippo einen im Gestus wunderbaren, ebenfalls in Ninetta heimlich verliebten jungen Mann, dessen stille Innigkeit als unauffälliger Gegenpol zum Liebhaber Giannetto zärtlich und mit sanftesten stimmlichen Phrasen über die Rampe kommt. Eine leise, ausdrucksstarke, bewegende Stimme der stillen, zugewandten und vergeblichen Liebe. Edgardo Rocha gestaltet mit seiner feinen, schmiegsamen, und mit einer im Kern klaren Klangsäule begnadeten Stimme den im Libretto nicht immer starken Charakter des Liebhabers Gianetto mit zartestem Schmelz und wunderbarer stimmlicher Flexibilität. Ninettas Dienstherr Paolo Bordogna als Fabrizio Vingradito und Teresa Iervolino als seine Frau Lucia runden das junge Ensemble in ebenso eindrucksvoller und untadeliger Weise ab. Der zudringliche Bürgermeister Gottardo wird von Michele Pertusi außerordentlich überzeugend verkörpert. Stimmlich souverän und mit geschmeidig geführtem Bass überzeugt Pertusi in dem jungen Ensemble mit seiner eindrucksvollen Stimmkultur und Bühnenerfahrung. Der szenische Auftritt in zeitweiser Kostümierung als eine Art Frankenstein und ohne nennenswerte Personenführung des gesamten Ensembles beeinträchtigt leider die Umsetzung dieser Figur am meisten.
Auch der Chor des Teatro alla Scala wird in bemerkenswerter Ziel- und Einfallslosigkeit geführt – allerdings können die Sänger und Sängerinnen, von kleinen Wacklern zwischen Bühne und Graben abgesehen, die spezifische Gesangskultur Rossinis makellos erfüllen.
Chailly setzt nicht so fokussiert wie andere Dirigenten auf die Sogkraft der sich dynamisch steigernden Rossinischen Ensemble- und Finalsätze, sondern eröffnet einen geradezu unendlich weiten und ausdifferenzierten Mikrokosmos von Orchesterstimmen und ‑farben. Eine ganz besondere Bedeutung kommt dabei der hochkarätigen Gruppe der Holzbläser zu, aber das gesamte Ensemble des Orchestra del Teatro alla Scala spielt so animiert und feinsinnig, wie das Sängerensemble auf der Bühne überzeugt. Bühne und Orchester lassen in großer, gemeinsamer Ensembleleistung und unter feinfühligstem Dirigat den gesamten Abend lang den Geist Rossinis erstrahlen.
Das Publikum besteht im Parkett der Scala aus Touristen aller Herren Länder: Amerikaner, Asiaten, Schweizer, Deutsche und viele andere Nationen. Der Applaus ist herzlich und mit reichlich bravi gespickt, besonders ausgeprägt bei Rosa Feola und Alex Esposito – allerdings drängt bald die Tischreservierung in den umliegenden Restaurants, die bis lange nach Mitternacht den Gästen der Stadt mit italienischer delicatezza aufwarten.
Achim Dombrowski