O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Zwölfton-Belcanto

ELEGIE FÜR JUNGE LIEBENDE
(Hans Werner Henze)

Besuch am
5. Mai 2017
(Premiere)

 

Landes­theater Detmold

Im Lippi­schen ist man nicht post bis in extenso, also postmodern, postdra­ma­tisch, postse­riell et cetera post post, vielmehr lässt man die Nachkriegs­mo­derne zu ihrem Recht kommen. Und die klingt im Fall des im nicht weit entfernten Gütersloh geborenen Henze noch immer höchst gegen­wärtig. Das Detmolder Haus setzt mit seiner jüngsten Produktion szenisch und musika­lisch Maßstäbe.

Zwar belässt Kay Metzger dem Großdichter Gregor Mitten­hofer Selbst­sucht, Anmaßung und Rücksichts­lo­sigkeit. Doch zeigt der Detmolder Hausherr nicht weniger deutlich, wie des Erzpoeten Umfeld nach dessen Huld giert. Mitten­hofer ist Projek­ti­ons­fläche der Sehnsüchte seiner Paladine und Maitressen, selbst dann noch, wenn sie andere Liebes­be­zie­hungen eingehen. Der Dichter­fürst segnet die neuen Verhält­nisse jovial ab, wenn für ihn künst­le­ri­scher Mehrwert heraus­springt. Lammfromm und unbedarft machen sich daher die jungen Liebenden ins wetter­wen­dische Hochge­birge auf, um dort das von Mitten­hofer als Lösegeld für die Freigabe der Gespielin begehrte Edelweiß zu brechen. Metzger schickt das arglose Paar willig auf die hochalpine Schlachtbank. Einzig der zunächst von Gesichten heimge­suchten Hilda Mack gelingt die Emanzi­pation aus dem Dunst­kreis des Genius. Nachdem die Leiche ihres vor Jahrzehnten beim Bergsteigen verun­glückten Gemahls aufge­funden wurde, zeigt sie sich von der Spöken­kie­kerei spontan geheilt. Für den sich an ihren Visionen bedie­nenden Poeten ist die Witwe deshalb nicht weiter von Belang. Sie darf ungehindert abreisen. Der Zug ist pünktlich wie des Regis­seurs Sinn für Zeitab­läufe. Passgenau wägt Metzger die burlesken und sarkas­ti­schen Momente der Handlung gegen die ernst­haften ab. Stilis­tisch disparate Elemente greifen bei ihm als Zahnräder eines Uhrwerks inein­ander. Das reicht von der nur scheinbar unwill­kür­lichen Geste, wenn der Dichter­titan sich beim Frühstück grazil die Finger am weißen Tischtuch abwischt bis zum final stummen Vortrag der Elegie nach einfüh­renden Worten, die auf die Verhält­nisse eines einst selbst­stän­digen Klein­staates wie Lippe zugeschnitten scheinen, so aber wortwörtlich im Libretto stehen. Das Publikum lächelt wissend und mit zur Selbst­ironie begabtem Patrio­tismus. Das kann nur bei sorgfäl­tigster Behandlung auch des Sprech­textes gelingen. Metzger hat die Sänger­dar­steller zu natür­licher Diktion verpflichtet, was besonders in den Dialogen mit dem Bergführer Josef Mauer, der reinen Sprech­rolle des Stücks, angenehm auffällt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Für Bühne und Kostüme zeichnet Michael Heinrich verant­wortlich. Das Bild verschachtelt Hotel und Hochge­birgswelt. In die zum Gipfel des mords­ge­fähr­lichen, aber edelweiß­tra­genden Hammer­horns fluch­tende Alpen­sil­houette sind die Türen zu Zimmern und Hotel­foyer eingebaut. Entspre­chend der vom Libretto vorge­ge­benen Zeit um 1910, in der die Oper in Detmold belassen wird, ist genau jener Jugendstil angesagt, der mit dem des Zuschau­er­raums des Landes­theaters korre­spon­diert. Auch die teilweise um älple­rische Trach­ten­ele­mente ergänzten Kostüme entsprechen dem Geschmack kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Kunst­titan Mitten­hofer wird mit zurück­ge­kämmtem, langem Silber­schopf, atlas­be­setzter samtener Hausjacke und Knicker­bo­ckern zu einer Chimäre aus Liszt, Wagner und Gerhart Hauptmann.

Lutz Rademacher am Pult des Sympho­ni­schen Landes­theater-Orchesters sorgt für klare Struk­turen, um zugleich Henzes reiche Klang­pa­lette voll zu entfalten. Keines der Instru­mente, die solis­tisch einer jeden Figur zugeteilt sind, verselbst­ständigt sich. Das Zusam­men­spiel ist perfekt. Das sympho­nische Inter­mezzo im Schlussakt gerät zum monumental kräftigen, aber deutlich kontu­rierten Tonge­mälde. Den Sängern ist Rademacher ein umsich­tiger Begleiter, der es ihnen ermög­licht, den von Henze inten­dierten Zwölfton-Belcanto zu realisieren.

Foto © Kerstin Schomburg

Dieser erstreckt sich wie selbst­ver­ständlich bis in die vollendet aufein­ander abgestimmten großen Ensembles hinein. Andreas Jören kreiert den Erzpoeten Mitten­hofer über weite Strecken als unbewegten Beweger, dessen charis­ma­tische Schwer­kraft die Trabanten magisch anzieht. Sich allzu stimm­potent aufzu­führen, würde diesem Rollenbild wider­sprechen. Jören lässt aber seine Fähigkeit zu vokal autori­ta­tiver Kundgabe in jedem Augen­blick fühlen und in einigen Schlüs­sel­mo­menten trumpft er in der Tat mächtig auf. Katharina von Bülow gibt eine devote Gräfin Kirch­stetten. Ihre Mitschuld am Tod des Liebes­paares reali­sierend, bricht sie effektvoll in die heftigste szenisch-musika­lisch Verzweiflung aus. Michael Zehe stellt einen allzeit loyalen stimmlich gedie­genen Dr. Reischmann dar. Stephen Chambers als sein Sohn Toni verfügt über beträcht­lichen tenoralen Schmelz. Eva Bernard gestaltet dessen Braut Elisabeth Zimmer rollen­de­ckend. Der Schau­spieler Josef Mauer als Robert Oschmann fügt sich nahtlos ins Ensemble. Holger Tessmann als Sprecher aus dem off amüsiert das Publikum durch lakonische Anmer­kungen. Kirsten Labonte ist die in Gesichte abdrif­tende Witwe Hilda Mack. Labonte jagt ihren Sopran durch eine Partie, in der Henze vokale Moden der fünfziger Jahre des vergan­genen Jahrhun­derts aufs Korn nimmt, um sie bis ins Absurde hinein zu treiben. Die Kolora­turen sowie zahllosen Septimen- und Nonen­in­ter­valle meistert Labonte beinahe als vokalen Spaziergang, zudem mit ausge­spro­chenem Sinn für das Bizarre und Skurrile ihrer Rolle.

Der Beifall ist überaus herzlich. Die Produktion hat alle Chancen, die Musik­dra­matik der Nachkriegszeit durch Gastspiele in die Fläche zu tragen.

Michael Kaminski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: