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Nach Glass‘ The Fall of the House of Usher und Eichbergs Glare ist auch die dritte Koblenzer Opernpremiere in Folge ein Schauerstück. Doch wird der Spielplan nun in der Romantik fündig. Marschners 1828 in Leipzig uraufgeführter Vampyr ist ein wichtiges musiktheatergeschichtliches Verbindungsglied zwischen Freischütz und Fliegendem Holländer. Das Werk war in der Bearbeitung Hans Pfitzners bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts populär. Weil aber Pfitzners Fassung allzu sehr dessen persönlicher Auffassung von Romantik verpflichtet ist, besorgte Egon Voss die kritische Neuausgabe der Partitur. Die wird im Koblenzer Theater erstmals aufgeführt.
Die Handlung ist trotz erheblichen Personalaufwands rasch erzählt: Um für ein weiteres Jahr vor der Hölle bewahrt zu werden, muss der Vampir Lord Ruthven seiner diabolischen Dienstaufsicht binnen Tagesfrist drei durch seinen Biss hingeraffte Jungfrauen ausliefern. Zwei der Damen werden zur leichten Beute. Malwina Davenant aber ist ungeneigt. Sie liebt Edgar Aubry, dem der Vampir in vorblutsaugerischen Zeiten das Leben rettete. Ruthven nimmt dem einstigen Freund ein vierundzwanzigstündiges Schweigegelübde ab. Bevor aber der Vampir seine Zähne in Malwinas schlanken Hals versenken kann, schlägt die Uhr Mitternacht. Der Unhold fährt zur Hölle.
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Musikalisch liefert Marschner über weite Strecken eine hörenswerte, aber nicht eben hinreißende Spieloper mit gefällig eingängigem Melos. Manches ist schätzbar, haften bleibt wenig. Musiktheatergeschichtlich entscheidend ist die noch ganz andere Seite der Oper. Denn vor allem im musikdramatisch avancierten zweiten Akt schaffen formal recht frei gestaltete ausgreifende Ensembles ebenso wie deklamatorisches Changieren zwischen Rezitativ und Arie die Voraussetzung für das Werk Richard Wagners.
Hausherr Markus Dietze nimmt vor allem die Spieloper ins Visier, deren Elemente in einem schwarzromantischen Schauerstück aus heutiger Sicht deplatziert wirken. Tatsächlich fordert die betuliche Biedermeiermusik zur Parodie heraus. Die Vollständigkeit des in Koblenz präsentierten Aufführungsmaterials verlangt nach einem Feuerwerk von Einfällen, um das Stück in Gang zu halten. Ein grotesk zappelnder Chor und oft zum triefend ironischen Outrieren genötigte Sängerdarsteller nehmen sich amüsant aus, vermögen aber auf die Dauer ein tragfähiges Konzept nicht zu ersetzen. Die Gaudi nutzt sich ab. In den musikdramatisch zukunftsweisenden Passagen des zweiten Akts geht der Regie der Atem aus. Stehoper und Trockeneisschwaden sind die Folge. Die Dialoge sprechen Mitglieder des Koblenzer Schauspielensembles aus dem off, während die Sängerdarsteller stumm auf der Szene agieren. Das sorgt für heitere Augenblicke. Letztlich aber zielt auch dieser Regieeinfall an den Meriten des Stücks vorbei.
Die Bühne von Dorit Lievenbrück belegt die Leistungsfähigkeit des Koblenzer Malersaals. Mit hintereinander gestaffelten Prospekten von Vampirhöhle und Palastarchitektur feiert die Kulissenbühne fröhliche Urständ. Der abschließende weite Ausblick auf das schottische Hochland erinnert an die Landschaftsbilder Gerhard Richters.
Bernhard Hülfenhaus verleiht den Kostümen vor allem der Damen leichte charmant-ironische Schlenker. So eilt Hana Lee mit biedermeierlichen Schneckenzöpfen über den Ohren und in einem Jungmädchenkleid, das uns auf zahllosen Gemälden der Zeit begegnet, über die Bühne wie ihre legendäre Fachkollegin Henriette Sonntag einst durch die Koblenzer Straßen. Bei den Herren dominieren dunkle Tagesfräcke und wehende Umhänge.
Der von Ulrich Zippelius einstudierte Chor samt Extrachor absolviert seine umfangreichen Aufgaben versiert und verlässlich.

Enrico Delamboye setzt das Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter Überdruck. Die brillante Ouvertüre nimmt die Hürden rasanter Tempi um den Preis erheblicher Ungenauigkeiten in allen Instrumentengruppen. Auch später forciert Delamboye, was das Zeug hält. Sauber ausgehörte Details werden zur Seltenheit. Die Streicher klingen mager, das Holz tönt fahrig. Die Absicht, die Biedermeierlichkeit aus der Musik zu vertreiben, ist am Tag. Der Teufel hetzt dem Beelzebub nach.
Bei Bastiaan Everink als Lord Ruthven findet sich im ersten Akt nicht die Spur von Legato. Nach der Pause gewinnt Everinks Bariton an Statur und Durchschlagskraft. Auch werden die Töne nun gebunden. Iris Kupke in der Partie der dem Blutsauger trotzenden Malwina gestaltet ihre Partie innig und mit ausgesprochenem Stilempfinden. Der Einfluss des Kunstliedes ist allenthalben gegenwärtig. Im substanziellen Tenor von Tobias Haaks klingt deutlich der Max des Freischütz an, auf den Wagnersche Helden warten. Hana Lee ist die leichtsinnige Emmy. Ihre unter musikhistorischen Aspekten bedeutsame Romanze lässt das Freischütz-Ännchen hinter sich, um zu neuen unbekannten Ufern aufzubrechen. Nico Wouterses Sir Humpry ist ein tyrannischer, final dann geläuterter Brautvater. Mit dem Quartett Im Herbst da muss man trinken liefern Sebastian Haake, Marco Kilian, Michael Seifferth und Werner Pürling eine shakespearehafte, vokale Rüpelszene.
Das Publikum stimmt einer mäßig unterhaltenden romantischen Spieloper zu, deren zukunftsweisende musikdramatische Schätze vom Produktionsteam ungehoben bleiben.
Michael Kaminski