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Der Hölle Kraft kocht in jedem Herzen. Wer denkt, er könnte nach Sergej Prokofjews drastischer Oper Der feurige Engel entspannt nach Hause trotten, irrt sich. Das musikalisch wie dramatisch aufgeladene Werk nach dem Roman von Waleri Jakowlewitsch Brjussow elektrisiert Körper und Geist und wirkt nach zwei Stunden Höllenfahrt intensiv nach. Während dieser Zeit taucht der Zuschauer ein in die wirre Welt von Renata. Es ist ein Dasein zwischen Wahn und Wirklichkeit und ein Leben in permanenter Bedrängnis. In der Lesart des Regisseurs Calixto Bieito liefern nicht Dämonen, sondern Renatas frühe Kindheitserlebnisse den Grund für ihre Getriebenheit. Er stellte die Frage oder vielmehr den Fakt eines Missbrauchs in den Vordergrund und diese Perspektive ist derart schlüssig, als ob sie Prokofjew, der auch für das Libretto verantwortlich zeichnet, selbst ersonnen hätte.
Der ursprüngliche Stoff ist im Zeitalter der Burgen und des Aberglaubens angelegt und thematisiert vordergründig eine Besessenheit durch Dämonen. Renata begegnet im Kindesalter einer engelshaften Gestalt namens Madiel. Als werdende Frau verlangt sie nach körperlicher und geistiger Vereinigung mit dem feurigen Wesen, aber der Geist zieht sich zurück. Später glaubt sie den Engel in der Gestalt des Grafen Heinrich, gespielt von Ernst Alisch, wiederzuerkennen. Die Geschichte wiederholt sich, Renata wird auch von ihm nach einem Jahr verlassen. Die Folge sind Alpträume und Wahnvorstellungen. In einer Gasstätte lernt die Geplagte den Ritter Ruprecht kennen und der erweist sich schnell als leidenschaftlicher Geisterbeschwörer. Aber seine Liebesmühen sind umsonst: Renatas Wahnhaftigkeit gewinnt immer wieder die Oberhand und lässt keine Verbindung zu. Schließlich landet die seelisch Zerrüttete in einem Kloster, wo ihr die Nonnen und ein Inquisitor die Besessenheit mit einem Dämon attestieren und sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen.
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Sergej Prokofjew war selbst ein Getriebener in seiner Heimat, denn als Modernist wurde seine Musik im kommunistischen Russland unter Stalin kritisch beäugt. Die Partitur zu seinem Engelswerk erhielt sogar den Stempel entartete Kunst. Die Uraufführung seiner wohl krassesten Oper Der feurige Engel, die 1954 in Paris konzertant und 1955 in Venedig szenisch und in italienischer Sprache stattfand, erlebte der vielseitige Komponist nicht mehr. Der Zufall wollte es, dass Prokofjew am selben Tag starb wie Diktator Josef Stalin, nämlich am 5. März 1953. Der Fünfakter, der zwischen 1919 und 1927 entstand, schaffte es in der Folge kaum auf die Spielpläne der Opernhäuser. Der Hauptgrund besteht in der Titelpartie der Renata, die nur wenige Sopranistinnen während insgesamt 120 Minuten stemmen können. Zürich fand mit Ausrine Stundyte eine Idealbesetzung. Sie sang die Rolle bereits mit Impetus in Lyon und München, Zürich ist nun ihr Hausdebüt.
Der dämonische Sog dieses Werks entfaltet sich am Opernhaus Zürich aus mehreren Gründen: Das Zusammenspiel zwischen Sängern, Orchester, Regie, Bühne und Licht ist auf einem teuflisch hohen Niveau und bietet ein entsprechend orgiastisches Vergnügen. Die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Gianandrea Noseda zelebriert Prokofjews expressionistische Polyphonie bis hin zum Exzess. Das Violinen-Staccato schneidet scharf wie die musikalischen Messerattacken in Alfred Hitchcocks Psycho, um sich im nächsten Moment in lyrischen Bögen zu ergeben und einzelne Melodiefetzen aufblitzen zu lassen. Die breite Palette an Farben leuchtet schroff und scharf, der Rhythmus ist pulsierend, fordernd, ja geradezu gnadenlos. Ein Geigenmeer ergießt sich flirrend zu einem Klangbild, wie man es aus Horrorstreifen kennt. Und tatsächlich, Prokofjew war nebst Ballett‑, Opern- und Orchester- wie Klavierwerken auch ein Avantgardist in der aufkommenden Filmindustrie, wo er passende Tonmalereien lieferte. Auch die Klangmuster anderer Zeitgenossen, wie zum Beispiel eines George Gershwin, sind deutlich zu erkennen, besonders wenn Schlagzeug oder Blech zum Einsatz kommen. Man hört in Prokofjews mehrschichtigem Psychogramm aber vor allem die schiere Verzweiflung einer Frau, der es nicht gelingt, aus dem circulus vitiosus zu entrinnen und die in dieser Abwärtsspirale beinahe den Menschen mitreißt, der sie begehrt und liebt.

Vom ersten bis zum letzten Moment hinreißend ist in diesem polternden Opus das schonungslose Regiekonzept von Calixto Bieito, der auch als Meister des Abgründigen bezeichnet wird. Mit dem Bühnenbild von Rebecca Ringst, den im Sechziger-Jahre-Mief gehaltenen Kostümen von Ingo Krügler, der magischen Lichtgestaltung von Franck Evin und den subtilen Videobildern von Sarah Derendinger gelingt dem Team eine komplexe wie plausible Anschauung. Die Gaststätte, ein Angelpunkt in der Oper, wird auf der Bühne mittels Drehscheibe und modularen Elementen in Szene gesetzt. Vielmehr treten dort aber Räume in Erscheinung, die gleichzeitig ein freudsches Abbild geben von Renatas aus den Fugen geratenem Innenleben. Der schwarz gekleidete Mann, der ins Kinderzimmer eindringt, ist weder Engel noch Graf, sondern ein rücksichtsloser Vergewaltiger. Die Praxis, in der ein Arzt Abtreibungen vornimmt, erklärt sich von selbst. Die gute Stube, in der Renata von einer Herrenrunde begutachtet und betatscht wird, braucht ebenso wenig Erläuterungen. Die Sicht ist beklemmend, wer zuschaut, verkommt zum Voyeur. Das Spiel um Macht, Begierde und Besessenheit dient auch als Spiegelbild jener Gesellschaft, die mit jedem Klick einen noch drastischeren Kick erwartet.
Dass bei einem solchen impulsiven Werk das Sängerensemble alles geben muss, versteht sich von selbst. Das Opernhaus Zürich darf sich freuen, dass keiner der Protagonisten und schon gar nicht der von Jürg Hämmerli meisterhaft einstudierte Chor der Oper Zürich gegen die donnernde Urgewalt des Orchesters ansingen muss und sogar noch in den seltenen Piano-Passagen deutlich hörbar bleibt. Ausrine Stundyte als Renata gelingt eine Rollengestaltung ohne Wenn und Aber. Ihre Mittel- und Tieflage ist von betörender Wärme und selbst im Dauer-Fortefortissimo mit seinen spitzen Kanten bleibt ihr Sopran bis zum letzten Ton elastisch und unverkrampft. Bariton Leigh Melrose gelingt ein starkes Rollendebüt. Sein Ruprecht ist schauspielerisch wie stimmlich authentisch. Er intoniert, ohne zu forcieren, und bietet dem anhaltenden Donnerwetter seiner Bühnenpartnerin sonor Paroli. Iain Milne als Jakob Glock sowie Arzt im Rollendebüt glänzt mit einem luziden Tenor, der über eine unverwechselbare Strahlkraft verfügt. Pavel Daniluks bedrohlich bebender Bass hat den richtigen Grad an Düsterheit, den es für einen Inquisitor braucht. Die Mezzosopranistinnen Agniezska Rehlis als Wahrsagerin und Äbtissin, Liliana Nikiteanu als Wirtin und Agrippa von Nettesheim sowie Tenor Dmitry Golovnin als Mephistopheles und Bass Stanislav Vorobyov als Faust fügen sich, um weitere Künstler zu erwähnen, in die grandiose Gesamtleistung ein.
Das Publikum lässt seinen aufgewühlten Emotionen beim Schlussapplaus freien Lauf und feiert Ensemble wie Orchester mit anhaltenden Jubelrufen und begeistertem Rhythmus-Klatschen.
Peter Wäch