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Für eine Kammeroper muss man in der Bundesstadt nicht zwingend ins große Haus. Die positiven Erfahrungen wie beispielsweise mit Rossinis Opera buffa L’occasione fa il ladro, belegen das eindrücklich. Konzert-Theater Bern verzichtet für die kammerartige Spukoper The Turn of the Screw auf die neu renovierte Bühne im Stadttheater und zieht auch mit Benjamin Britten wieder in die Vidmarhallen. Etwas außerhalb von der Schweizer Hauptstadt gelegen, hat sich dort vor allem das Schauspiel etabliert. Warum also nicht auch das Musiktheater?
Die Gänge und einzelnen Räume in der zusätzlichen Spielstätte sind etwas unheimlich. Der Betonbau mit seiner Grau-in-Grau-Ästhetik und den glatten Wänden ist geradezu prädestiniert, Brittens sinistrer Schraube den nötigen Rahmen zu verpassen. Regisseur Maximilian von Mayenburg und Dramaturgin Katja Bury versetzen die unheimliche Geschichte in einem englischen Landgut um 1900 aber nicht ins moderne Zeitalter der vorhandenen Architektur, sondern spuken mit der offenen Bühne, den strengen Kostümen von Frank Lichtenberg und dem schummrig-schauerhaften Licht von Rolf Lehmann und Jürgen Nase in der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Eine Ära, die auch Filmemacher gerne für ihren Geisterhorror entdecken. In Bern trifft diese retrospektive Kinoästhetik auf eine Oper, die 1954 im Teatro La Fenice in Venedig anlässlich der Biennale uraufgeführt wurde. Myfanwy Piper schrieb das Libretto nach einer Erzählung von Henry James. Britten faszinierte aber nicht etwa die Spukgeschichte, sondern vielmehr der dramaturgische Hintergrund, der auf einen Kindsmissbrauch hindeutet. Der Komponist, der mit dem Tenor Peter Pears liiert war, soll als Junge in einem Internat misshandelt worden.
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Das Thema Kinderschändung ist denn auch ein zentraler Angelpunkt in der Oper. Es geht aber auch um verdrängte Sexualität einer Erziehungsperson und die Folgen einer fatalen Projektion auf ihre Schützlinge. Maximilian von Mayenburg verknotet beide Aspekte geschickt und verliert sich in seiner Lesart nicht in unnötigen Deutungen. Direkt und schonungslos bringt er das Unaussprechliche dieser verklausulierten Geisterjagd aufs Tapet und liefert ein stringentes, wie atmosphärisches Kammerspiel. Zwei Waisenkinder, die von einer Gouvernante und der Haushälterin Mrs. Grose erzogen werden sollen, sehen sich plötzlich mit dem Erscheinen zweier verstorbener Dienstboten konfrontiert. Bald stellt sich heraus, dass es der einstige Hausdiener nicht auf die junge Flora, sondern auf ihren Bruder Miles abgesehen hat. Und dieser Domestike namens Quint hatte dem Knaben schon zu Lebzeiten nachgestellt. Auch die Gouvernante nimmt die Präsenz der Untoten wahr, nur Mrs. Grose bleibt blind für die haarsträubenden Geschehnisse auf dem Landgut. Es ist ein genialer Einfall vom Regieteam, aus dem Part einer Sehenden eine Blinde zu machen. In der Deutung ist es eine Frau, die nicht sehen will, was nicht sein darf. Hier erschließt sich auch das erste Bild dieses filmschnittartigen Spektakels. Noch bevor die ersten Takte des Zweiakters mit Prolog ertönen, wird der Zuschauer Zeuge eines Selbstmords. Man birgt die Leiche der Dienstbotin Miss Jessel, einer Vertrauten von Quint, die sich im Haus erhängt hat.
Damit sich während zweier Stunden die Nackenhaare sträuben, spart die Regie nicht mit Schreckmomenten, die unter die Haut gehen. Einem Panoptikum gleich, öffnen sich in einem Halbrund, das einer Zirkusmange gleicht, einzelne Kammern und geben den Blick frei auf Verborgenes und Verdrängtes. Diese Tore ins Unterbewusste, darunter auch ein Varieté-Vorhang, werden mit Zahnrädern angetrieben, wie das bei einem überdimensionalen Uhrwerk der Fall wäre. Damit veranschaulicht von Mayenburg geschickt den Dauerdreh der Schraube, der gnadenlos den Takt vorgibt bis hin zur unvermeidlichen Katastrophe. Und er beleuchtet mit seiner Büchse der Pandora die Seelenleben der Protagonisten, die sich zunehmend in einer ausweglosen Situation befinden. Auch die Selbstmörderin Miss Jessel hat auf diese Weise ihre schauerlichen Auftritte, wenn sie wasserleichenblass und mit einem Strick um den Hals aus dem Bad schreitet. Gruselig ist auch die Szene mit den mannsgroßen Spielzeugfiguren, darunter ein Clown, der einem Stephen-King-Roman entsprungen sein könnte.

Das gezielte Grauen steckt aber auch in der Partitur von Benjamin Britten. In der ersten Hälfte der Oper sind es wiederkehrende melodienreiche Phrasen, die sich subtil in die expressive, leicht bizarre Klangsprache fügen und gut ins Genre Horrorfilm passen. Wenn die Schraube überdreht und sich das Drama zuspitzt, steigert sich auch Brittens Polyphonie zu spitzen, krassen Tönen, die aber weit mehr an Free Jazz als an Alban Berg erinnern. Die dreizehn Musiker des Berner Symphonieorchesters unter der musikalischen Leitung von Jochem Hochstenbach interpretieren diesen mitunter sperrigen Sound mit einem feinen Gespür für die Zwischentöne, ohne dabei dem Werk die nötige Dramatik zu verweigern.
Die Rollengestaltung der verklemmten und gleichermaßen getriebenen Gouvernante gelingt Oriane Pons stimmlich wie schauspielerisch auf hohem Niveau. Ihr Sopran ist wendig, hat Kraft und birgt viel Leidenschaft. Andries Cloete ist der Held des Abends. Seine Phrasierung ist sublim, seine Diktion lupenrein. Warm und elegant lässt der Tenor seinen Sirenengesang ertönen, wenn er als Geist nach Miles ruft. Mezzosopranistin Claude Eichenberger hat als Mrs. Grose durchwegs starke Auftritte. Ihre volle, dunkle Stimme garantiert kalte Schauer. Miss Jessel ist mit Sopranistin Evgenia Grekova ideal besetzt, ihre Stimmkollegin Yun-Jeong Lee macht in der Rolle der jungen Flora das einzig Richtige: Sie passt ihren klaren Sopran ihrem Bühnenpartner an, der noch ein Teenager ist. Elias Siodlaczek, der bei der Premiere singt, hat den Dreh als Miles fein raus und prästiert sein Rollendebüt sehr gut.
Das Publikum feiert das Gesangsensemble, das Orchester und das Regieteam mit großem Jubel und Stampfen. Dass einige Zuschauer nach der Pause nicht mehr an ihren Platz zurückkehren, liegt wohl weniger an dieser kongenialen Inszenierung, sondern womöglich an den ungewohnten Klängen, auf die man sich anders einlassen muss als auf einen Rossini.
Peter Wäch