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LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
21. Mai 2017
(Premiere)
Kein Wunder, dass im Hause Almaviva alle durchdrehen. Das ist ja völlig normal bei so einer Tapete, die über vier Akte angefangen beim Attribut „interessant“ zur Feststellung „ich kann sie nicht mehr ertragen“ abrutscht. Das grün-weiße Muster in angedeuteter Blätteroptik, das irgendwann im letzten Jahrhundert irgendwo in einem Sommerschlussverkauf für kurze Zeit mal modern war, hat Bühnen- und Kostümbildner Tim Northam wohl dazu inspiriert, sie gar für die Gartenszene des vierten Aktes wie einen Teppich aus dem Hintergrund hereinzurollen. Wie schwer dieser Akt sinnvoll zu inszenieren ist, zeigt an der Oper Köln auch Regisseurin Emmanuelle Bastet, die die Protagonisten zwischen knapp ein Dutzend Paravents Verstecken spielen lässt. Immerhin: Nachdem Bastet und Northam in der letzten Saison den Don Giovanni in den Treibsand der Langeweile gesetzt hatten, ist ihnen Le nozze di figaro nun temporeicher gelungen. Teilweise geht das nun sogar ins Gegenteil über, weil ständig jemand hin und her rennt.
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Das übliche Hickhack mit einer emsig-fleißig Dienerschaft im aristokratischen Haushalt der Moderne ist unterhaltsam, aber eben auch von New York bis Wien genutzt. Die türenreiche Kulisse von Northam lässt sich auf der Bühne 2 im Staatenhaus schön vom Kammerspiel in die Tiefe strecken. Die Kostüme sind von Zofenkleidchen bis zum Smoking standesgemäß ausgearbeitet und wesentlich ansehnlicher als die Tapete. Aber für eine richtige Atmosphäre sind die schönen Schattenspiele von Nicol Hungsberg zu wenig. Es gibt Ansätze einer tiefergehenden Interpretation, die aber irgendwo in der Opera buffa auf der Strecke bleiben. Susanna scheint an dem Grafen tatsächlich interessiert zu sein und erinnert ihn sogar daran, Figaro auf das anonyme Briefchen anzusprechen, das den Grafen eifersüchtig machen sollte. Auch dessen Misstrauen seiner Gräfin gegenüber ist interessant ausgearbeitet. Ebenso auch der Charakter Cherubinos, der nebenbei noch mit Barbarina verheiratet wird und am Ende der Oper dann doch überraschend allein zusammenbricht. Zu wenig werden diese Ansätze wirklich entwickelt. Auch die Auseinandersetzung der Charaktere mit dem eigenen Ego vor dem Spiegel ist nur ein weiteres Puzzleteilchen, das dem Ganzen aber keinen größeren Tiefgang gibt.
Neben den Sängern sieht man auch immer wieder ihn in den Spiegeln: François-Xavier Roth leitet die Oper in einer fast quirligen Körpersprache und sichtlich gut gelaunt. Im Gegensatz zur Regie ist seine Interpretation in sich geschlossen und noch dazu hörenswert, weil das Gürzenich-Orchester seine Klangvorstellung meistens sehr sicher transportiert. Da, wo Roth den tollen Tag in feinsinnigen Presti mit begeht – wie beispielsweise in der Ouvertüre – da streben die Achtel in den Streichern noch etwas auseinander. Das fällt deshalb so auf, weil sich das Orchester ansonsten mit großer Präzision in Szene setzt, vor allem in diesen Herzklopfmomenten. Wenn statt Cherubino Susanna aus dem Wandschrank kommt, dann sind alle so erstaunt, dass die Zeit stehen bleibt. Roth hat ein Händchen für diese Momente, kostet sie sogar richtig aus, um die Farben von Holzbläsern und Streichern schön zu mischen. Auch die Blechbläser setzen sich mit einer reichen Palette an Ausdrucksmöglichkeiten bestens in Szene, erinnern im Forte an revolutionsnahe Zeiten. Theresia Renelt am Hammerklavier setzt in den Rezitativen die Akzente, fühlt genau den Puls des Gesagten mit. Mit dieser Interpretation wird Roth dem großen Kosmos von Mozarts Musik gerecht, ähnlich wie schon beim Don Giovanni.

Die Sänger sind da nicht alle so vielseitig aufgestellt, wenngleich der Gesamteindruck positiv ausfällt. Ohne Fehl und Tadel tritt der Chor von Andrew Ollivant in Erscheinung, und auch Kölns bekannte Recken liefern ab: John Heuzenroeder als Basilio, Alexander Fedin als Don Curzio, Reinhard Dorn als Antonio. Maria Isabell Segarra aus dem Opernstudio lässt als Barbarina aufhorchen. Obwohl als schrullige Marzellina eine echte Nummer auf der Bühne, wird man mit Kismara Pessatti aufgrund ihrer unruhigen Stimme nicht ganz glücklich. Paolo Battaglia ist ein kräftiger, aber auch etwas knorriger Bartolo. Der aktive Robert Glaedow muss als Figaro im vierten Akt seine Spielfreude auf die Spitze treiben, übertreibt es auch vokal gerne ein wenig. Das wirkt ein bisschen zu viel deklamiert. Die Höhe bleibt gegenüber der kräftigen Mittellage blass. Emily Hindrichs beginnt ihr Rollendebüt als Susanna noch etwas vorsichtig, steigert sich aber von Akt zu Akt und weiß dann ihren charmanten Sopran immer besser einzusetzen. Den Rest wird die Erfahrung mit sich bringen.
Für das Sängerfest sorgen die: Bo Skovhus ist als Graf ein Alpha-Bühnentier, der sich herrlich wundert, wie um ihn herum alles schiefgeht. Seine leicht neurotische Darstellung, sein nach wie vor markanter Bariton haben Wiedererkennungswert. Andreea Soare gibt als Gräfin Almaviva ihr Rollendebüt, was angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der sie die Partie singt, kaum zu glauben ist. Wunderschön unforciert und bruchlos schwebt sie durch die Melodien und weiß vokal wie darstellerisch zu berühren. Und dann gibt es ja noch diesen verdammten Pagen, der überall auftaucht und trotzdem gar nicht so viel zu singen hat. Aber wenn Regina Richter singt, dann ist alles andere egal, dann ist alles gut. Ihr wunderbar burschikos-pubertierend gespielter Cherubino ist das Glanzstück dieser Aufführung.
Der Kollektiv-Aufschrei im Publikum brandet für sie wie eine Welle auf. Ein Kompliment von einem Publikum, dass die Leistungen aller positiv bewertet, in der Einzelbewertung aber durchaus kritisch ist. Das bekommt vor allem das Regieteam zu spüren: Weder Bravo noch Buh, nur müder Applaus. Eine Strafe nach einer Figaro-Inszenierung, in der man doch an diversen Lachern mitbekommen hat, dass sich das Publikum gut unterhalten fühlt. Den Erfolg dafür schreibt das Premierenpublikum offensichtlich anderen zu.
Rebecca Hoffmann