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Im Zeichen der Doppelhelix

DAS MOLEKÜL
(William Ward Murta)

Besuch am
19. Mai 2017
(Urauf­führung)

 

Theater Bielefeld

Der in Oklahoma aufge­wachsene William Ward Murta ist seit 1984 musika­li­scher Vorstand des Musicals am Biele­felder Theater. Mit der jüngsten Urauf­führung bringt der Kapell­meister-Komponist sein viertes Werk dieses Genres auf die Bühne seines Stammhauses.

Zur Handlung: Die weit ausgrei­fende Exposition beleuchtet die entschei­denden Stationen in der Geschichte der Verer­bungs­lehre seit Gregor Mendel bis in die Mitte des 20. Jahrhun​derts​.In der Folge legt das Statio­nen­stück von Szene zu Szene den Schalter zwischen den 50-er und 90-er Jahren des vergan­genen Jahrhun­derts um. Der zeitlich frühere Handlungs­strang schildert die wissen­schaft­liche Rivalität zwischen den briti­schen Labora­torien am Londoner King’s College, in dem Maurice Wilkins und Rosalind Franklin arbeiten, und dem von Francis Crick und James D. Watson in Cambridge. Während die Männer einen britisch fairen Wettkampf unter wissen­schaft­lichen Sports­männern austragen, wird die Biologin Franklin von der männlichen Konkurrenz rücksichtslos ausge­bootet. So organi­siert Maurice Wilkins, der eigene Insti­tuts­kollege, den Diebstahl des entschei­denden Röntgen­fotos Nummer 51, auf dem das mensch­liche Genom endlich in Scharf­ein­stellung zu betrachten ist, durch Crick und Watson. Der zweite Handlungs­strang zeigt das Wettrennen um die Veröf­fent­li­chung des vollständig sequen­zierten mensch­lichen Erbgutes zwischen der Natio­nalen Gesund­heits­be­hörde der Verei­nigten Staaten, verkörpert durch deren Chefin Claire Fraser im Verein mit ihrem Forschungs­leiter Francis Collins und der privat­wirt­schaft­lichen Celera Genomics mit dem Chefex­pe­ri­men­tator Craig Venter. Um wenige Wochen nur wird das staat­liche Forschungs­pro­gramm vom nach geneti­scher Manipu­lation trach­tenden kapita­lis­ti­schen Profit­streben überrundet. Daher erweist sich dessen Sieg als nur bedingt. Im Jahr 2000 kann Bill Clinton verkünden, die Nationale Gesund­heits­be­hörde werde das vollständig sequen­zierte mensch­liche Genom als allgemein zugäng­liche Quelle ins Netz stellen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Ward Murtas Libretto, das von Thomas Winter und Constanze Grohmann unter Murtas Betei­ligung ins Deutsche übersetzt wurde, operiert im Feld der Schnitt­menge von fachwis­sen­schaft­lichem Diskurs und persön­lichen Motiven und Empfin­dungen. Die Exposition gerät deutlich zu lang. Der launige Dozenten- und Konver­sa­ti­onston verflacht. Bald aber nimmt das Musical Fahrt auf. Die zeitliche Diskon­ti­nuität der beiden Handlungs­stränge überwölbt die Szenen­folge mit effekt­sicher inein­an­der­grei­fenden Spannungs­kurven. Bei sechs tragenden sowie zahlreichen mittleren und kleinen Rollen bleibt die Figuren­zeichnung notwendig panora­ma­tisch. Die geist­reichen Dialoge beweisen Sinn für Komik auch in drama­tisch geladenen Situa­tionen. Die Liedtexte fallen ein wenig ab, sie bleiben oft plakativ auch dort, wo diese Absicht fern liegt, etwa in Rosalind Franklins weit ausgrei­fender Solonummer.

Murtas Partitur zeigt sich mit den meisten Wassern des Genres gewaschen. Die stärksten Ensem­ble­szenen erinnern an den Stephen Sondheim der 50-er Jahre und Jerry Hermann. Murta bedient sich hier einer musika­li­schen Sprache, die chrono­lo­gisch zu den Ereig­nissen in den briti­schen Forschungs­la­bo­ra­torien passt, kaum zu den Rankünen der 90-er Jahre. Innovativ ist die melodisch von den anspruchs­vol­leren Nummern Lloyd-Webbers inspi­rierte große Szene für Rosalind Franklin, in der Refrain und Strophen geschickt inein­ander verwoben werden. Ein bunt satiri­sches Knall­bonbon serviert das Referat des ebenso berühmten wie eitlen Linus Pauling. Permanent wechselt der Chemiker zwischen Sachvortrag und großer Show. Im Verlauf des Abends wird immer wieder heftig gejazzt.

Foto © Bettina Stöß

Thomas Winters Perso­nen­führung zielt auf Pointen­ge­nau­igkeit. Dass die zahlreichen Haupt­rollen lediglich bedingt erlauben, die Figuren zu facet­tieren, liegt auf der Hand. Dennoch arbeitet Winter die Schlüs­sel­szenen aus der Geschichte der Genetik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun­derts und die Kernmotive der Personen prägnant heraus. Um Wissen­schaft als Show und Geschäft vor Augen zu führen, finden sich reichlich Anlässe. Winter nutzt sie effektsicher.

Ganz in dieser Absicht lässt die Choreo­grafie von Frank Wöhrmann die Ensembles heiter und immerfort wissen­schafts­gläubig über die Szene marschieren.

Bühne und Kostüme von Ulv Jakobsen mischen bioche­mische Forschungs­ab­teilung und Show inein­ander. Klinisch weiße Labor­wände wandeln sich unver­sehens in eine geome­trisch und farblich von Mondrian beein­flusste Bildwelt.

Optischer Höhepunkt der Urauf­führung sind Konrad Kästners Video­pro­jek­tionen. Wenn das berühmte Foto 51 von der Zweidi­men­sio­na­lität ins dreidi­men­sionale Moleku­lar­modell aufwächst, um von dort aus die Doppel­helix zu konsti­tu­ieren, wird es pathe­tisch. Final bedenkt Kästner den Saal mit Heiterkeit. Ein monumen­tales Portraitfoto Gregor Mendels beginnt zu sprechen, um mit dem Hinweis auf seine Erbsen­zucht zu verkünden, das Rätsel des Lebens sei weiterhin ungelöst.

Der von Hagen Enke einstu­dierte Biele­felder Opernchor entledigt sich seiner wenig exponierten Aufgabe im Einheitsforte.

Überlaut dringt es auch aus dem Graben, wo unter Leitung des Kompo­nisten die einzelnen Stimm­gruppen der Biele­felder Philhar­mo­niker wenig zur Geltung kommen. Murta ist nicht der bestechendste Anwalt seiner Partitur, die deutlich mehr hergibt.

Mit Ausnahme von Thomas Klotz als Craig Venter und Carlos H. Rivas als James D. Watson sind sämtliche Solisten in doppelte Haupt­rollen und insgesamt Drei- bis Fünffach­parts einge­spannt. Klotz hat einen umfang­reichen, dozie­renden Rollen­anteil zu bewäl­tigen, Rivas ist mit seiner Figur auf beiden Zeitsträngen unterwegs. Das Ensemble agiert nach den Kriterien kommer­zi­eller Musical­pro­duk­tionen schau­spie­le­risch wie musika­lisch hochpro­fes­sionell. Das gilt für die bereits Genannten wie auch für Alexander Franzen als Maurice Wilkins und Profithai Mike Hunka­piller, Veit Schäfermann als Francis Crick und Francis Collins sowie Carolin Soyka als Odile Crick und Bernadine Healy. Roberta Valentini bringt als von den männlichen Kollegen betrogene und Jahre vor der Verleihung des Nobel­preises verstorbene Forscherin eine tragische Note ins Unter­hal­tungs­genre, als Venters Sekre­tärin deckt sie die Rolle ab.Das Publikum stimmt der Urauf­führung einhellig zu.

Michael Kaminski

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