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Der in Oklahoma aufgewachsene William Ward Murta ist seit 1984 musikalischer Vorstand des Musicals am Bielefelder Theater. Mit der jüngsten Uraufführung bringt der Kapellmeister-Komponist sein viertes Werk dieses Genres auf die Bühne seines Stammhauses.
Zur Handlung: Die weit ausgreifende Exposition beleuchtet die entscheidenden Stationen in der Geschichte der Vererbungslehre seit Gregor Mendel bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.In der Folge legt das Stationenstück von Szene zu Szene den Schalter zwischen den 50-er und 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts um. Der zeitlich frühere Handlungsstrang schildert die wissenschaftliche Rivalität zwischen den britischen Laboratorien am Londoner King’s College, in dem Maurice Wilkins und Rosalind Franklin arbeiten, und dem von Francis Crick und James D. Watson in Cambridge. Während die Männer einen britisch fairen Wettkampf unter wissenschaftlichen Sportsmännern austragen, wird die Biologin Franklin von der männlichen Konkurrenz rücksichtslos ausgebootet. So organisiert Maurice Wilkins, der eigene Institutskollege, den Diebstahl des entscheidenden Röntgenfotos Nummer 51, auf dem das menschliche Genom endlich in Scharfeinstellung zu betrachten ist, durch Crick und Watson. Der zweite Handlungsstrang zeigt das Wettrennen um die Veröffentlichung des vollständig sequenzierten menschlichen Erbgutes zwischen der Nationalen Gesundheitsbehörde der Vereinigten Staaten, verkörpert durch deren Chefin Claire Fraser im Verein mit ihrem Forschungsleiter Francis Collins und der privatwirtschaftlichen Celera Genomics mit dem Chefexperimentator Craig Venter. Um wenige Wochen nur wird das staatliche Forschungsprogramm vom nach genetischer Manipulation trachtenden kapitalistischen Profitstreben überrundet. Daher erweist sich dessen Sieg als nur bedingt. Im Jahr 2000 kann Bill Clinton verkünden, die Nationale Gesundheitsbehörde werde das vollständig sequenzierte menschliche Genom als allgemein zugängliche Quelle ins Netz stellen.
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Ward Murtas Libretto, das von Thomas Winter und Constanze Grohmann unter Murtas Beteiligung ins Deutsche übersetzt wurde, operiert im Feld der Schnittmenge von fachwissenschaftlichem Diskurs und persönlichen Motiven und Empfindungen. Die Exposition gerät deutlich zu lang. Der launige Dozenten- und Konversationston verflacht. Bald aber nimmt das Musical Fahrt auf. Die zeitliche Diskontinuität der beiden Handlungsstränge überwölbt die Szenenfolge mit effektsicher ineinandergreifenden Spannungskurven. Bei sechs tragenden sowie zahlreichen mittleren und kleinen Rollen bleibt die Figurenzeichnung notwendig panoramatisch. Die geistreichen Dialoge beweisen Sinn für Komik auch in dramatisch geladenen Situationen. Die Liedtexte fallen ein wenig ab, sie bleiben oft plakativ auch dort, wo diese Absicht fern liegt, etwa in Rosalind Franklins weit ausgreifender Solonummer.
Murtas Partitur zeigt sich mit den meisten Wassern des Genres gewaschen. Die stärksten Ensembleszenen erinnern an den Stephen Sondheim der 50-er Jahre und Jerry Hermann. Murta bedient sich hier einer musikalischen Sprache, die chronologisch zu den Ereignissen in den britischen Forschungslaboratorien passt, kaum zu den Rankünen der 90-er Jahre. Innovativ ist die melodisch von den anspruchsvolleren Nummern Lloyd-Webbers inspirierte große Szene für Rosalind Franklin, in der Refrain und Strophen geschickt ineinander verwoben werden. Ein bunt satirisches Knallbonbon serviert das Referat des ebenso berühmten wie eitlen Linus Pauling. Permanent wechselt der Chemiker zwischen Sachvortrag und großer Show. Im Verlauf des Abends wird immer wieder heftig gejazzt.

Thomas Winters Personenführung zielt auf Pointengenauigkeit. Dass die zahlreichen Hauptrollen lediglich bedingt erlauben, die Figuren zu facettieren, liegt auf der Hand. Dennoch arbeitet Winter die Schlüsselszenen aus der Geschichte der Genetik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die Kernmotive der Personen prägnant heraus. Um Wissenschaft als Show und Geschäft vor Augen zu führen, finden sich reichlich Anlässe. Winter nutzt sie effektsicher.
Ganz in dieser Absicht lässt die Choreografie von Frank Wöhrmann die Ensembles heiter und immerfort wissenschaftsgläubig über die Szene marschieren.
Bühne und Kostüme von Ulv Jakobsen mischen biochemische Forschungsabteilung und Show ineinander. Klinisch weiße Laborwände wandeln sich unversehens in eine geometrisch und farblich von Mondrian beeinflusste Bildwelt.
Optischer Höhepunkt der Uraufführung sind Konrad Kästners Videoprojektionen. Wenn das berühmte Foto 51 von der Zweidimensionalität ins dreidimensionale Molekularmodell aufwächst, um von dort aus die Doppelhelix zu konstituieren, wird es pathetisch. Final bedenkt Kästner den Saal mit Heiterkeit. Ein monumentales Portraitfoto Gregor Mendels beginnt zu sprechen, um mit dem Hinweis auf seine Erbsenzucht zu verkünden, das Rätsel des Lebens sei weiterhin ungelöst.
Der von Hagen Enke einstudierte Bielefelder Opernchor entledigt sich seiner wenig exponierten Aufgabe im Einheitsforte.
Überlaut dringt es auch aus dem Graben, wo unter Leitung des Komponisten die einzelnen Stimmgruppen der Bielefelder Philharmoniker wenig zur Geltung kommen. Murta ist nicht der bestechendste Anwalt seiner Partitur, die deutlich mehr hergibt.
Mit Ausnahme von Thomas Klotz als Craig Venter und Carlos H. Rivas als James D. Watson sind sämtliche Solisten in doppelte Hauptrollen und insgesamt Drei- bis Fünffachparts eingespannt. Klotz hat einen umfangreichen, dozierenden Rollenanteil zu bewältigen, Rivas ist mit seiner Figur auf beiden Zeitsträngen unterwegs. Das Ensemble agiert nach den Kriterien kommerzieller Musicalproduktionen schauspielerisch wie musikalisch hochprofessionell. Das gilt für die bereits Genannten wie auch für Alexander Franzen als Maurice Wilkins und Profithai Mike Hunkapiller, Veit Schäfermann als Francis Crick und Francis Collins sowie Carolin Soyka als Odile Crick und Bernadine Healy. Roberta Valentini bringt als von den männlichen Kollegen betrogene und Jahre vor der Verleihung des Nobelpreises verstorbene Forscherin eine tragische Note ins Unterhaltungsgenre, als Venters Sekretärin deckt sie die Rolle ab.Das Publikum stimmt der Uraufführung einhellig zu.
Michael Kaminski