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Schicksal einer Außenseiterin

MEDEA
(Aribert Reimann)

Besuch am
21. Monat 2017
(Premiere)

 

Komische Oper Berlin

Letztes Jahr feierte Aribert Reimann seinen 80. Geburtstag – und wird dafür nachträglich von der Komischen Oper mit der Berliner Erstauf­führung seiner 2010 in Wien urauf­ge­führten Oper Medea beschenkt. Reimanns Vertonung der griechi­schen Sage, zu der er selbst das Libretto schrieb, basiert auf dem roman­ti­schen Schau­spiel von Franz Grill­parzer. Sie zeigt Medea, anders als die meisten Bühnen­werke über die mytho­lo­gische Frauen­ge­stalt, weniger als rasende Kinder­mör­derin denn als Vertriebene und Ausge­grenzte. Ihre Bemühungen, in der Fremde anzukommen, scheitern. Jason, für den sie die Heimat verließ und das mystische Goldene Vlies stahl, hat sich mit der Königs­tochter Kreusa einge­lassen, der Herrscher selbst will sie ausweisen. Die Bluttat ist die radikale Konse­quenz ihres vergeb­lichen Kampfes um Anerkennung und Integration. Mutig entscheidet sie sich am Ende, das Vlies, Ursache alles Leidens, zurück nach Delphi zu bringen, um dort ihre Strafe zu empfangen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Reimanns Medea lässt einen nicht kalt. Was einer­seits an der emotio­nalen Musik liegt, die der Komponist, als beson­derer Verehrer der weiblichen Stimme, speziell seinen Protago­nis­tinnen in die Kehle geschrieben hat, anderer­seits an der Thematik. Es liegt nahe, den Stoff zu aktua­li­sieren und als Flücht­lings­drama zu insze­nieren. Nicht so Benedict Andrews. Der Regisseur zeigt die Oper als archaische und gleich­zeitig zeitlose Tragödie, verbild­licht durch den leeren Bühnenraum von Johannes Schütz und die histo­risch neutralen Kostüme von Victoria Behr. Eine Leuchte verbreitet, einer brennenden Sonne gleich, teils gleißendes, teils diffuses Licht. Erdgeröll bedeckt den Boden. Begrenzt von einer niedrigen Stein­mauer, deuten ein paar Stangen die Umrisse eines Hauses an. An diesem tristen Ort lebt Medea, verstoßen und missachtet. Wie weit entfernt sie von der Gesell­schaft ist, zeigt Andrews sehr anschaulich. Während Medea getrieben dauer­agiert, sitzen die anderen Personen statisch vor der hinteren Bühnenwand und begeben sich nur für ihre Auftritte ins Zentrum des Geschehens. Die Kinder sind Spielball zwischen der Mutter, dem untreuen Vater und seiner Geliebten. Folge­richtig ist da Andrews Einfall, sie von lebens­großen Mario­netten darzu­stellen, die sich beliebig bewegen lassen.

Foto © Monika Rittershaus

Die Medea ist eine weitere Glanz­partie im Reper­toire von Nicole Chevalier, die für ihre Rollen­iden­ti­fi­ka­tionen – die Traviata in Hannover und die vier Frauen­rollen in Hoffmanns Erzäh­lungen – bereits zweimal einen Preis erhielt. Und auch dieser Abend wird zum Triumph für die Sopra­nistin. Sie hat sich die Medea in allen Facetten zu Eigen gemacht, wechselt beständig zwischen Raserei, Hoffnung und Verzweiflung, ohne ins Hyste­rische zu verfallen. Wie sie dabei die kräfte­zeh­rende Rolle, die fast die Hälfte der gut zweistün­digen Oper umfasst, ohne Mühe meistert und noch die exaltier­testen Sprünge bis in die höchste Lage mit traum­wand­le­ri­scher Sicherheit und Stimm­schönheit gestaltet, ist überwäl­tigend. Vorzüglich sind auch die weiteren Solisten: Nadine Weissmann, die mit expres­siven Tönen warnende Amme, und Anna Bernacka, die mit verspielten Kolora­turen brillie­rende Kreusa. Günter Papendell gibt mit kernig-nuanciertem Bariton den wankel­mü­tigen Jason, Ivan Turšić verdeut­licht mit fein gespon­nenen Tenor­linien die Exaltiertheit des Kreon. Den Episo­den­auf­tritt des Herolds nutzt Eric Jurenas für eine eindring­liche Demons­tration seines schönen, agilen Countertenors.

Steven Sloane führt das blendend dispo­nierte Orchester der Komischen Oper souverän durch Reimanns zerklüftete, schroffe Klang­land­schaft. Großartig gelingt die Balance zwischen Instru­menten und Solisten, die Trans­parenz ist durch­gehend gewährleistet.

Es gibt viele Bravorufe für Nicole Chevalier und den anwesenden Kompo­nisten und langan­hal­tenden Beifall für eine starke Aufführung.

Karin Coper

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