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Foto © Matthias Stutte

Neurologischer Totalausfall

DER MANN, DER SEINE FRAU MIT EINEM HUT VERWECHSELTE
(Michaele Nyman)

Besuch am
27. Mai 2017
(Premiere am 19. Mai 2017)

 

Theater Krefeld Mönchengladbach,
Theater Krefeld

Eigentlich wäre es ganz gut gewesen, wenn diese Kammeroper den Weg so vieler Kammer­opern gegangen wäre. Nach der Urauf­führung und den zwei Folge­vor­stel­lungen hätte man das Mäntelchen des Schweigens darüber gedeckt, und alles wäre gut gewesen. Im Theater Krefeld Mönchen­gladbach ist etwas schief­ge­laufen. Da hat irgend­jemand Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwech­selte von 1986 in irgend­einer Schublade gefunden und sie nicht etwa schnell wieder geschlossen, sondern das Libretto von Oliver Sacks, Chris­topher Rawlence und Michael Morris zusammen mit der Partitur von Michael Nyman heraus­ge­zogen. Und damit nahm das Unheil seinen Lauf. Alle Siche­rungs­me­cha­nismen versagten. Das Stück kam bis auf die Bühne.

The Man Who Mistook His Wife For A Hat – so der Origi­nal­titel – beruht auf einem medizi­nisch sicher hochin­ter­es­santen Fall einer Agnosie oder Seelen­blindheit. Dabei verliert der Patient die Fähigkeit, Gesichter, später auch Gegen­stände zu erkennen. Im vorlie­genden Fall konnte der begnadete Sänger diesen Defekt lange über seine Musika­lität ausgleichen – ein sicher nicht alltäg­liches Phänomen. Dass der behan­delnde Arzt, Oliver Sacks, an der Entstehung des Librettos beteiligt war, mag sicher zur medizi­nisch korrekten Wiedergabe des Falls beigetragen haben. Der Dramatik hilft es nicht. Und so darf man nach einer guten Stunde mehr oder minder gesun­gener Diagnostik froh sein, dass es keine seriellen Nachah­mungs­täter gab. Die Befürchtung ist nicht ganz unbegründet, wenn man weiß, wie viele Krank­heiten die Menschheit kennt. Aber es ist gut gegangen. Und in Krefeld schließlich auch.

Das ist in erster Linie dem Einfalls­reichtum von Regisseur Robert Nemack zu verdanken. Der lässt die Oper nämlich nicht in einer Kammer, vulgo einem Studio, aufführen, sondern verlegt das Werk mutig auf die große Bühne. Und nimmt das Publikum gleich mit. Das Ausstat­tungsduo Clement & Sanôu lässt den Graben hochfahren und stellt das kleine Orchester auf der rechten Seite an die Rampe. In der Bühnen­mitte ist eine kleine, knarrende Drehbühne aufgebaut. Acces­soires wie Garde­ro­ben­ständer, Wohnzimmer-Stehlampen oder Bilder­rahmen werden bei Bedarf aus dem Bühnen­himmel herun­ter­ge­lassen. Rechts vor der Drehscheibe der Schreib­tisch des Arztes, rechts dahinter eine Patien­ten­liege. Das Ganze wird umrahmt von Tribünen mit Stühlen für die Zuschauer, die bis auf den letzten Platz besetzt sind.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Die Idee, das Publikum mit auf die Bühne zu nehmen, ist nun wahrlich nicht neu. Aber Nemack und Clement & Sanôu richten das Bühnen­ge­schehen so ein, dass die Bühnen­gäste die Perspektive des Darstellers erleben. Eine großartige Idee, die nicht wenige Zuschauer mit Neugierde und Begeis­terung erleben, während die Monotonie von Handlung und Musik ihren Lauf nehmen. Da werden die offen­ge­blie­benen Seiten­bühnen mit ihrer ganzen Technik bestaunt. „Wie klein der Zuschau­erraum von hier aus aussieht!“ Vor Beginn der Aufführung wird das Geplappere der Zuschauer einge­spielt, und man kann staunen, welchen Lautstärke-Pegel es erreicht. Sämtliche Monitore werden bespielt, teils mit Nahauf­nahmen, teils mit dem eigent­lichen Grund ihres Vorhan­den­seins – dem Blick auf den Dirigenten. Das Alles ist für den gewöhn­lichen Sterb­lichen aufregend und anders. Da ist die Stunde bei halbwegs schöner Hinter­grund­musik und der Bewegung auf der Bühne wie im Flug vorbei.

Foto © Matthias Stutte

Denn der monotone Singsang der drei Bühnen­ak­teure, über weite Strecken gar nicht verständlich, kann nicht einmal einen Hund hinter dem Ofen hervor­locken. Und dabei mögen Hunde eigentlich Soprane. Aber die, so die staunende Erkenntnis des Publikums, hätten auf so einer Bühne gar keinen Spaß. Weil man von der Klang­qua­lität, die im Zuschau­erraum aufbrandet, hier so gut wie nichts mitbe­kommt. Davon abgesehen, ist es unheimlich aufwändig, Hunde auf die Bühne lassen zu dürfen. Also lieber keine Hunde. Statt­dessen höchst erfahrene Sänger­dar­steller, bei denen man sich wundert, dass nicht zuletzt sie inter­ve­niert haben. Debra Hays spielt absolut lebensecht die Frau des Sängers. Sie ist die Unter­stüt­zerin, das hat sie in all den vergan­genen Jahren gelernt, kümmert sich um die Belange abseits der beruf­lichen Tätigkeit ihres Gatten, hält ihm den Rücken frei und muss doch allmählich erkennen, wie ihr die Situation entgleitet. Das ist wahrhaft gekonnt. Die denkbar undank­barste Rolle hat Andrew Nolen als Sänger Dr. P übernommen. Denn das Libretto versagt hier vollkommen. Welche psycho­lo­gi­schen Schätze ruhen hier, die gehoben gehören. Aber weil es die im Libretto nicht gibt, muss sich Nolen auf die dementen Anteile stützen. Das gelingt ihm so großartig, als habe er im Vorfeld Monate im Altersheim zugebracht, um sich auf die Rolle vorzu­be­reiten. Das Spiel des Arztes übernimmt bei allen Beschränkt­heiten Markus Heinrich. Und glänzt trotz der wirklich infantil angelegten Rolle. Klein Fritzchen stellt sich vor, wie Onkel Doktor ohne jede Lebens­er­fahrung zu einer Diagnose kommt. Heinrich überwindet das. Sänge­risch gibt es keine Herausforderungen.

Michael Preiser hat ein kleines Collegium musicale aus den Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­nikern um sich versammelt. Fünf Streicher, eine Harfe­nistin und der Pianist reichen aus, um die Musik Nymans zu intonieren, der mit den Musiken für die Filme Peter Greenaways und vor allem Jane Campions Das Piano berühmt wurde. Dass Preiser nicht zur rechten Balance zwischen Stimmen und Musik finden will, liegt sicher nicht an seinen Fähig­keiten, sondern eher an der Kompo­sition, die zwar immer wieder mit schönen Zitaten aufwartet, aber nicht zu rechter Größe kommt, weil zur Kompo­sition des Gesangs eben doch Meister­schaft gehört.

So entsteht am Ende eines künst­le­risch nichts­sa­genden Abends die kuriose Situation, den Besuch der Aufführung dringend zu empfehlen, um die Bühnen­si­tuation mal ganz hautnah und prickelnd zu erleben. Ein Tag der offenen Tür ist schließlich ein Fliegen­schiss dagegen.

Michael S. Zerban

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