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Foto © Arno Declair

Kein guter Mensch

BERLIN ALEXANDERPLATZ
(Alfred Döblin)

Besuch am
25. Mai 2017
(Premiere am 24. Mai 2017)

 

Ruhrfest­spiele Recklinghausen,
Festspielhaus

Sebastian Hartmann, von den Ruhrfest­spielen Reckling­hausen als „Ausnah­me­re­gisseur“ einge­führt, liebt die Kontraste. Auf der offenen, abgedun­kelten Bühne tauchen schon vor Beginn dunkle Gestalten wie Schat­ten­risse auf und wandern scheinbar ziellos umher. Hin und wieder bricht einer von ihnen in lautstarkes Gelächter aus, als wolle er sich tot lachen. Dann knallt gleißend-weißes Licht von mehreren Neonflächen in den Zuschau­erraum, blendet fast bis zur Schmerz­grenze, ein Confé­rencier erzählt aus dem Leben eines Franz Biberkopf, der gerade seine Knastzeit hinter sich hat und nun den Anschluss ans Leben sucht. Das kann nicht gut gehen, das muss schief laufen …, wie die donnernd einset­zende Pop-Musik andeutet. Und dann wendet sich Alfred Döblin Berlin zu. „Mein Denken und Arbeiten gehört … zu Berlin … dieses Steinmeer ist der Mutter­boden aller meiner Gedanken“. Und so wandern Biberkopf und seine oft zufäl­ligen Berliner Bekannten durch Situa­tionen und Situa­ti­önchen, die ein buntes Kalei­doskop des Berliner Lebens zwischen den Weltkriegen spiegeln und sagen, hier ist „ein Mann nicht größer als die Welle, die ihn trägt.“

POINTS OF HONOR

Musik  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

In den Gesprächen und Erzäh­lungen der Protago­nisten tauchen histo­rische Gestalten wie Hiob, Abraham und Isaak auf, schräge Figuren, die klassi­schen Ganoven, deftige Beischlaf­szenen an der Rampe, der Berliner Dialekt, ein ortho­doxer Jude aus Osteuropa mit seinem unför­migen Stremel auf dem Kopf, Situa­ti­ons­komik mit Schnaps und Blumen – alles mit vollem Einsatz und kraftvoll bis zum Limit gespielt. Wie heißt es in dem hübschen Couplet Berlin, det is so groß, so groß. Eine witzige, oft rätsel­hafte Idee ist die „weiße Frau in der Alu-Kiste“, die mit merkwür­digen Aktionen manche Komik bringt, oft begleitet von einer Figur, die man als Franz Biberkopf sehen kann. Immer wieder wechseln die grell­weißen Neonflächen und erzeugen mal scharfe Schatten oder Scheren­schnitte, mal eine drohende Figur ohne Schatten. Und trotz der mehrfachen direkten Hinwendung der Schau­spieler zum Publikum fragt sich mancher Besucher, warum diese oder jene Vignette des Berliner Lustlebens auch noch auftaucht und die Aufführung auf vier Stunden dehnt. Da bringen die an sich origi­nellen Video­ein­spie­lungen von Tilo Baumgärtel kaum zusätz­liche Abwechslung. Wenn dann noch bei intimen Dialog­szenen aus dem hinteren Parkett der Ruf ertönt „Lauter!“, wird erkennbar, dass der Spannungs­boden flacher wird und es einige Verständ­nis­pro­bleme im Publikum gibt. Das Fehlen einer Entwick­lungs­dra­ma­turgie macht sich bemerkbar, und nicht alle Besucher sind neugierig auf den Schluss.

Foto © Arno Declair

Das schwarz-weiß gekleidete Ensemble, die Männer meist mit Melone ausstaf­fiert, hat „det Balinern“ gut trainiert und spielt pralles Theater. Das Deutsche Theater wie die Ruhrfest­spiele verzichten darauf, den Mitwir­kenden einzelne Figuren zuzuordnen, so können immer nur Ensemble-Mitglieder erwähnt werden. Immerhin seien Andreas Döhler, Felix Goeser,  Moritz Grove, Wiebke Mollen­hauer,  Katrin Wichmann und Almut Zilcher in tragenden Rollen genannt.

Entspre­chend dem Roman von Döblin geht es Hartmann um „das schreck­liche Ding, sein Leben“, über das nicht viel Gutes zu berichten ist. Biberkopf ist zwar entlassen, aber keineswegs gebessert. Er weiß das sehr wohl, er ist „kein anstän­diger Mensch“. Wer sich Döblins Roman als Vorlage zuwendet, der findet Stoffe und Bilder in Fülle, viele Teile für eine Montage. Manche der Besucher, die sich langan­haltend für einen schau­spie­le­risch fulmi­nanten Abend bedanken, wären mit einer stärkeren drama­tur­gi­schen Konzen­tration sehr zufrieden gewesen. Aber – wenn Alfred Döblin sein Schreiben als „ständigen Besin­nungsakt“ begreift, muss auch ein darauf basie­rendes Theater­stück nicht zu einem plausiblen Schluss führen – es bleibt offen und „endet mit einer neuen Frage.“

Horst Dichanz

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