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Als kölsche Mädche noch fromm waren

KÖLSCHE MÄDCHE: URSULA
(Bibiana Jiménez)

Besuch am
1. Juni 2017
(Urauf­führung)

 

Tanztheater Bibiana Jiménez – Tanzbrunnen Köln-Deutz

Wenn es um die heilige Ursula geht, die Patronin der Stadt Köln, die Schutz­herrin der Jungfrauen, der Jugend, der Lehre­rinnen und der Kölner Univer­sität, lässt sich eine angemes­senere Kulisse als die des Vaters Rhein mit der Silhouette des Doms kaum vorstellen. Das Gelände des rechts­rhei­ni­schen Tanzbrunnens mit unver­stelltem Blick auf die malerisch anmutende Altstadt ist für Bibiana Jiménez‘ zweiten Teil ihrer Tanztri­logie „XX“ um berühmte Kölner Frauen­ge­stalten an Authen­ti­zität und pitto­reskem Reiz nicht zu überbieten.

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Aller­dings geht es ein Jahr nach dem ebenfalls erfolg­reichen Auftakt der Trias im Römisch-Germa­ni­schen Museum mit Fortuna, der römischen Kaisers­gattin Agrippina und Gründerin der Stadt, im zweiten Teil erheblich frommer zu. Ließ es Agrippina unter festlich-sinnlichen Klängen Händels und anderer barocker Meister vor dekadenter Lebens­freude munter krachen, begnügt sich Choreo­grafin und Tänzerin Bibiana Jiménez diesmal mit einer geradezu asketi­schen musika­li­schen Kulisse. Den einsamen Ton gibt eine Tuba an, auf der Carl Ludwig Hübsch impro­vi­siert und sich als Darsteller ins Spiel integriert. Gelegentlich klingen noch ein paar Pfeifentöne an und an einer einzigen Stelle kommt sogar Party­stimmung auf. Tatsächlich wirft Hübsch mit „Kamelle“ um sich und das von Mädchen dominierte zehnköpfige Tanzensemble gebärdet sich in knappen Kleidchen so, wie man sich freche „kölsche Mädche“ vorstellt.

Das bleibt aller­dings Episode im Rahmen der Geschichte um die heilige Ursula, die sich der Legende nach im vierten Jahrhundert mit 11.000 Jungfrauen den anrückenden Hunnen entge­gen­ge­stellt und den Märty­rertod erlitten haben soll. Elf Bluts­tropfen zieren seitdem das Stadt­wappen Kölns.

Foto © Meyer Originals

In vier Akten und 18 Szenen skizziert Bibiana Jiménez das Leben und Wirken der Heiligen, angelegt als eine feier­liche Prozession, die mit dem Anlegen eines Bootes beginnt. Die in langen Gewändern geklei­deten Damen und zwei Herren schreiten den Rhein entlang und lockern die Prozession mit lebenden Bildern, darunter eindrucks­volle Pietà-Reminis­zenzen, auf. Gelegentlich wird auch die Tuba wie eine Reliquie herum­ge­tragen. Akustisch wird dieser erste Akt nur mit leisen, hell summenden Pfeif­ge­räu­schen untermalt. Die Gemeinde macht dann auf einem überdachten Gang unterhalb der Rhein­ter­rassen Halt und insze­niert verschiedene Rituale, deren Bedeutung oft im Dunklen bleibt. Man kniet vor kleinen, an Puppen­stuben erinnernden Altären, beschwört Yemaya, die Göttin des Meeres und der Mutter­schaft, bis die kölsche Karne­vals­episode einen scharfen, aber nur kurz anhal­tenden Kontrast zur Frömmigkeit der Nonnen­schar bildet.

Der dritte Akt ist der Rolle der Frau in der Kirche und dem Martyrium der Frauen gewidmet. Als Illusion verwandeln sich die Nonnen in Päpstinnen, in einem großen Pas de deux nähert sich der Hunnen­könig der stand­haften Ursula, die im vierten Akt hinter einem schat­tenhaft beleuch­teten Schleier stirbt, während ihre Gefähr­tinnen recht brutal erschlagen werden.

Eindrucksvoll, wie geschickt Bibiana Jiménez ihre Bewegungs­sprache dem Thema anpasst. Das Tanzensemble führt das Mammut-Ritual mit gebotener Inten­sität und profes­sio­neller Präzision aus. Und die etwa 150-köpfige Besucher­schar folgte dem Event mit großer Aufmerk­samkeit. Man darf gespannt sein, wie die Choreo­grafin im nächsten Jahr den dritten Teil der Trilogie gestalten wird, wenn es um den Prozess der als Hexe angeklagten Katharina Henot gehen wird.

Pedro Obiera

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