O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
b.32
(Martin Schläpfer)
Besuch am
2. Juni 2017
(Uraufführung)
An Martin Schläpfers Scheu vor abendfüllenden Handlungsballetten scheiden sich die Geister. Unscharf bei der Diskussion bleibt oft die Frage, was unter „Handlungsballett“ zu verstehen ist. Immerhin wird er sich in der nächsten Saison mit Schwanensee dem ultimativen Flaggschiff des Genres widmen. Und auch in seinen bisherigen abendfüllenden Kreationen, also Brahms‘ Deutschem Requiem, Mahlers 7. Symphonie und Hölszkys Deep Field, fischte er nicht nur in trüben Gewässern völliger Handlungsabstinenz.
Probleme bereiten freilich das hohe Abstraktionsniveau, das im Verlauf eines recht langen Abends die Orientierung erschwert, und das letztlich auch bei einem Choreografen mit nachgesagtem Kultstatus begrenzte Bewegungs- und Stilreservoir, so dass sich vieles, was bei den ersten Begegnungen mit Schläpfers Arbeiten noch für anregende Überraschungsmomente sorgen mag, wiederholt und austauschbar wirkt.
| Musik | ![]() |
| Tanz | ![]() |
| Choreografie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Das betrifft auch Schläpfers neuestes Projekt, b.32 zur Musik von Gioacchino Rossinis Petite Messe Solennelle, das jetzt mit begeistertem Beifall im Düsseldorfer Opernhaus uraufgeführt wurde. Schläpfer stellt trotz des geistlichen Gehalts stärkere konkrete Bezüge her als im Brahms-Requiem. Und zwar, indem er das Geschehen mit dem Alltagsleben einer süditalienischen Kleinstadt verknüpft. Da treten tatsächlich Bäckerjungen und Wurstverkäufer auf. Angesichts der ohnehin gewagten Stilklitterung, mit der der alte Rossini musikalisch sein Publikum mit Klängen aus Kirche, Oper und Volksfest irritiert, darf auch ein Choreograf die heilige Vorlage durchaus ein wenig säkularisieren. Dass Schläpfer auf Devotionalienkitsch und banale Folklore verzichtet, ist ohnehin selbstverständlich.

Was aber bekommt das Publikum zu sehen? Eine Frau erwacht, einen Rosenkranz umschlingend, versucht sich zu orientieren, gerät in Panik, während sich vier Männer zu regen beginnen und in ihrer Hilflosigkeit ebenso unerhört bleiben wie die Frau. Das Kyrie des Auftakts – Erhöre uns – bleibt ohne Antwort. Es setzt ein dörflich-städtisches Treiben ein, das Alltagsmomente einschließt und in den besten Momenten einen engeren Bezug zum geistlichen Text herstellt. So etwa, wenn Camille Andriot zum Crucifixus, mit Rosenkränzen überfrachtet, in religiöse Hysterie verfällt oder wenn die Figuren Pietà-ähnliche Posen einnehmen. Stark auch das introvertierte Agnus Dei, wenn die Damen von den Herren auf hoch erhobenen Händen getragen werden und eine imaginäre Körper-Kette bilden, die an einen Leichenzug erinnern. Es sind Momente, die herausragen, eingebettet in vielfach gesehenen, routinierten Ballast.
Dazu gehört auch Schläpfers Vorliebe für diverses Schuhwerk. Getanzt wird barfuß, auf Spitze und in klobigen Galoschen, womit die Bewegungen eine unterschiedliche Schwere erhalten. Effekte, die für Abwechslung sorgen, aber weniger für ein zwingendes Konzept. Und das gilt auch für viele andere austauschbare Elemente, die andeuten, dass Schläpfers Bewegungsreservoir für abendfüllende Projekte ausgereizt ist. Daran ändert auch der große Einsatz des 45-köpfigen Ensembles nichts. Auch nicht die herausragenden Leistungen von Christine Jaroszewski oder Mariana Dias.
Bühnen- und Kostümbildner Florian Etti schafft dafür eine schwarze Kulisse mit angedeuteten Bögen und Türmen, die sowohl eine Stadt-Silhouette als auch ein Kirchenschiff assoziieren. Die Kostüme sind bewusst schmuck- und farblos angelegt.
Musikalisch macht Generalmusikdirektor Axel Kober die Produktion zur Chefsache und leitet das mit zwei Klavieren und einem Harmonium originell besetzte Instrumentarium, den Chor der Deutschen Oper am Rhein und das insgesamt robust singende Solistenquartett forsch durch den Abend. Morenike Fadayomi, Katarzyna Kuncio, Corby Welch und Günes Gürle verfügen über große, nicht sehr Belcanto-nahe Stimmen, die aber vortrefflich zum gedeckten Italien-Bild Schläpfers passen.
Auf sein Publikum kann sich Schläpfer nach wie vor verlassen. Auch diesen Ritt zwischen Inspiration und Routine, zwischen angedeutetem Realismus und abgehobener Abstraktion, folgt es mit großer Begeisterung.
Pedro Obiera