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Er vernascht seine Geliebten im spanischen Designerbett, lässt sich den Champagner von Damen mit roten Samthandschuhen reichen und singt auf einem Luxus-Totenschädel seinem Ende entgegen. Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Zweiakter Don Giovanni, 1787 im Prager Nationaltheater uraufgeführt, haben die meisten Opernfreunde viele Vergleichsmöglichkeiten, was die szenische Interpretation anbelangt. Aber selten ging eine Lesart so nahe an das Dramma giocoso heran, wie jetzt in der Opéra de Lausanne. Eric Vigié, der Direktor der Opéra de Lausanne, inszeniert Mozarts Meisterwerk als lustiges Drama und setzt in seiner Anschauung gezielt auf den Humor, der im Libretto von Lorenzo da Ponte zur Genüge vorhanden ist.
Der gebürtige Franzose, der das Haus am Genfersee seit vielen Jahren erfolgreich führt, zeichnet auch für die Kostüme im Sevilla-Stil verantwortlich, und die bestehen jede Haute-Couture-Modenschau. Das sexy Leder verleiht dem Lüstling zusätzliche Virilität, die bauschigen Volants umhüllen die Edeldame und werden alsbald von einem eng anliegenden Torero-Bolero abgelöst. Es gilt edler Zwirn für den gehobenen Stand und wilde Vivienne-Westwood-Kreationen für die Domestiken um die Magd Zerlina und ihren Bräutigam Masetto. Halb Mensch, halb Fabelwesen, erinnert die Kostümierung der Bauern und somit des Chors der Opéra de Lausanne unter Pascal Mayer an die Mittelerde aus der Saga Herr der Ringe. Mit der weitgehend entrümpelten Bühne von Emmanuelle Favre, der differenzierten Lichtgestaltung von Henri Merzeau und dem kühlen Dekor bildet die fantasievolle Gestaltung eine ästhetische Einheit. Dabei spiegelt das polierte Parkett den Charakter eines aalglatten Verführers wider, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt.
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Die Oper, die in d‑Moll beginnt und mit diesem Akkord am Ende der Oper den Tod des Lebemanns intoniert, erhält in der Bühnengestaltung von Vigié trotz einfallsreichem Schabernack genug Düsterheit. Das Zentrum, in dem der Don seine Gelage mit Wein, Weib und Gesang feiert, ist eingezäunt von dunklem Gemäuer. Es mahnt die Zuschauer von Beginn weg an das tragische Ende des Antihelden. Im vorletzten Bild ergänzt ein monumentaler Grabstein mit dem Konterfei des Komturs den bedrohlichen Rahmen.
Bis der Casanova spanischen Geblüts von dunklen Höllengestalten in den Bühnenboden gezerrt wird und vom Schwerenöter nur noch eine feine Rauchsäule sichtbar bleibt, punktet die Regie mit einer quicklebendigen Personenführung und viel Humor. Die Kurzweil im fast dreistündigen Opus ist garantiert. Herzhafte Lacher erntet Donna Elvira, die in ihrer spanischen Tracht nicht nur verheult und derangiert wirkt, sondern gut sichtbar einen kleinen Giovanni unter ihrem Herzen trägt. Die Madonnenfigur, die ihr geräuschlos auf Schritt und Tritt folgt, symbolisiert Elviras Ambivalenz zwischen Keuschheit und Sünde. Geschickt drückt Lucia Cirillo diese Zerrissenheit mit ihrem facettenreichen Sopran aus, der sowohl spitz zuschlagen als auch sanft nachgeben kann.

Don Giovannis Diener Leporello ist mit Riccardo Novaro glänzend besetzt. Der Bariton ist der geborene Komiker und verzückt sein Publikum nicht nur bei der Registerarie mit kullernden Augen und sonorer Stimme. Kostas Smoriginas verkörpert die Titelpartie mit ostentativer Männlichkeit. Sein vor Kraft strotzender Don Giovanni ist im Spiel glaubhaft, wirkt aber stimmlich manchmal etwas schroff und trocken. Für seine virtuos dargebotene Serenade Deh, vieni alla finestra, o mio tesoro wäre jedoch ein Szenenapplaus fällig gewesen. Novaro als schusseliger Untertan darf in jeder Szene auf seinen timbrierten, wendigen Bariton zählen. In die Herzen der Premierengäste singt sich jedoch ein anderer, nämlich Anicio Zorzi Giustiniani als Don Ottavio. Seine Arien Dalla sua pace sowie Il mio tesoro intanto singt der Tenor jeweils vor einer gazeähnlichen Wand mit feinem Schattenspiel, und er erzeugt mit seiner Kunst, subtil zu reduzieren und vollendete Legati zu kreieren, wohlige Gänsehaut.
Catherine Trottmann versprüht als Bauernmagd Zerlina jugendlichen Esprit, ihr warmes Timbre in der Tief- und Mittellage ist eine Verheißung für größere Partien. Anne-Catherine Gillet kennt die Grand Opéra gut und mir ihr die tragenden Rollen, wie diejenige der Manon von Jules Massenet. Scheinbar mühelos meistert sie mit ihrem beweglichen Sopran die Koloraturen in Crudele! … Non mi dir und setzt im Forte markante wie im Piano sinnliche Akzente. Ruben Amoretti als Komtur und Leon Kosavic als Masetto ergänzen das starke und gut aufeinander abgestimmte Sängerensemble.
Das Orchestre de Chambre de Lausanne unter der Leitung von Michael Güttler offeriert ein wahrhaft musikalisches Soufflé, dem es nicht an rhythmischer Dramatik fehlt. Streicher, Blech und Holz sind meisterlich herausgearbeitet und verleihen diesem vorwiegend heiteren, aber auch düsteren Don die Leichtigkeit, ohne die kein Mozart besteht. Auch wenn der auf Hochglanz getrimmte Schein mitunter über Gebühr zelebriert wird, eignete sich diese Produktion hervorragend für eine Direktübertragung in einen Kinosaal. Die Premierengäste honorieren die Gesamtleistung von Ensemble, Orchester und Regie mit lautem Jubel und begeistertem Applaus.
Peter Wäch