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DIE MAßNAHME/DIE PERSER
(Bertolt Brecht, Aischylos)
Besuch am
5. Juni 2017
(Premiere)
Die Zuschauer blicken ein wenig irritiert auf eine granitgraue Wand, die die Bühne lückenlos nach vorn verschließt, kalt, abweisend, leblos. Vier Figuren treten auf, Parteiagitatoren, knallrote Jacketts und Gesichtsmasken kennzeichnen sie als Zugehörige zu einer Gruppe. Eine Bläsergruppe intoniert lautstark und in hellem Licht ein Lied, das der Chor übernimmt und das sich als Revolutionslied entpuppt. Die namenlose Figur 1 berichtet fast protokollmäßig: „Er wollte das Richtige und tat das Falsche.” Das kostet den jungen, unerfahrenen Genossen sein junges Leben. Die vier Figuren sind diejenigen, die die „Maßnahme” durchgeführt haben, vorurteilslos, zwingend und erbarmungslos, satzungsgemäß – und vielleicht mit schlechtem Gewissen, wenn es so etwas gibt in einer kommunistischen Gesellschaft. Sie wären schon gern „linientreu”, und damit auch „unschuldig” und hätten gern ein Volksurteil, das ihnen bestätigt, sie hätten keine andere Wahl, sie hätten „richtig” gehandelt, als sie ihren jungen Genossen dem Volksurteil übergeben.
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Zu gern nehmen sie das Urteil des Kontrollchores „Wir sind einverstanden” an, das sie von jeder persönlichen Verantwortung befreit und als konform mit den Parteistatuten erklärt. Enrico Lübbe nutzt die so abweisend-kühle Wand auf überraschend vielfältige Weise. In wechselnden Fenstern, zu denen sich die Granitwürfel öffnen und schließen, tauchen verschiedenste Positionen und Figuren auf, die sich alle hinter der Maske der Partei und ihren eingeblendeten Prinzipien verstecken. Da tauchen die immer wieder leeren Parolen aus dem Parteiprogramm, fallende Schatten, irritierend blinzelnde Augenprojektionen auf und symbolisieren die Widersprüche zwischen programmatischen Aussagen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die wahren Gesichter der Agitatoren wie des Kontrollchores bleiben verborgen, „Maskierung und Tarnung ist Pflicht”. In der Schlussszene schütten rote Farbfilter alle noch vorhandenen individuellen Nuancen zu und übergießen die Szene mit der ideologisch-roten Einheitssoße – die Revolution „kann weitermarschieren”. Wenn sich die „Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Fiktion” aufgelöst hat und es von „purer Willkür” abhängt, „ob man in einem Prozess als Ankläger oder Angeklagter, als Richter oder Hingerichteter endet”, dann haben die Maßnahmen ihren systemerhaltenden Zweck erfüllt, ihr Sinngehalt wird nicht hinterfragt, es genügt, sie als „Rituale” zu praktizieren.

Zur Zeit des Aischylos um 500 vor Christus durchaus ungewöhnlich, ja verpönt, bringen im zweiten Teil des Abends Die Perser die Sicht der Ereignisse, der verlorenen Seeschlacht der Perser bei Salamis 472 vor Christus durch die Griechen zur Sprache. Lübbe verzichtet auf jegliches Schlachtengetümmel, die „Grande Armée” ist schon untergegangen, wie ein Bote berichtet. Durs Grünbein, der Übersetzer, sieht in den Persern kein Antikriegsstück, sondern entdeckt in Aischylos‘ Drama den Krieg „als Lebensprinzip” mit hohem gesellschaftlichem Ansehen. Doch auch hier verliert die machtbesessene Elite, die politische Avantgarde mit der totalen Niederlage ihre Legitimation als Führer, sie wird Opfer der „Hybris der Herrscher”. Als Chorführerin gibt Hannelore Schubert den Trauernden eine bewegende Stimme, der endlich auftauchende Bote bringt mit einer langen Namensliste die Gewissheit der Niederlage, die anonym Beherrschten erhalten plötzlich sehr individuell Toter für Toter einen Namen. Griechen und Perser erfahren auf geradezu widersprüchliche Weise die Doppelseite des gleichen Ereignisses, je nachdem, welche Perspektive sie als Betrachter einnehmen, die Hybris oder Leid sein kann.
Auch bei den Persern verzichtet Lübbe auf großen szenischen Aufwand und bietet in seiner direkten, am Text orientierten kühlen Inszenierung ein Spiel, das der Intention von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, ein „politisches Lehrstück” zu verfassen, sehr nahekommt. Die Bühneneinrichtung von Etienne Pluss und die Kostüme von Bianca Deigner folgen diesem Ansatz. Starke Einfälle wie etwa die gefesselte Figur des Königs Xerxes oder sein grausig verschnürtes Gesicht sind einfache, aber wirkungsvolle Gestaltungsmittel.
So erleben die Zuschauer einen konzentrierten, intensiven, vielfach klassischen Theaterabend mit Elementen einer griechischen Tragödie, deren Intensität sie zu einem „Paradigma für menschliches Handeln” macht. Ein aufmerksames, nachdenkliches Publikum braucht Minuten, um sich mit langanhaltendem Beifall für einen gelungenen Theaterabend zu bedanken und über die beängstigende zeitliche Nähe des „Phantasma der Allgewaltigen” nachzudenken.
Horst Dichanz