O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
10. Juni 2017
(Premiere)
Insgesamt kann Intendant Michael Schulz auch auf die jetzt zu Ende gehende Saison des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier zufrieden zurückblicken. Was Spielplangestaltung und Ensemblepflege angehen, liefert er mit seinen Ergebnissen auch den hartnäckigsten Zweiflern überzeugendes Beweismaterial für die Existenzberechtigung der international einzigartig dicht besetzten Theaterlandschaft Deutschlands und insbesondere der Rhein-Ruhr-Region. Dass dabei der Unterhaltungswert guter Oper nicht zu kurz kommen muss, zeigt das Musiktheater im Revier mit der letzten Produktion der Saison, einer Neuinszenierung von Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen.
Dabei muss man Regisseur Michiel Dijkema eines zubilligen: Dass Offenbach seine letzte, leider nur fragmentarisch hinterlassene Oper als „Fantastische Oper“ verstanden wissen wollte, merkt man seiner Inszenierung in jeder Sekunde des kurzweiligen Abends an. Somit schließt das Gelsenkirchener Musiktheater seine Saison mit einer Produktion voller Bühnenzauber ab, die mit ihrer üppigen Ausstattung, ihrem Fantasiereichtum und ihrer ironisch gefärbten Dämonie vitales und pralles Theater in Hülle und Fülle bietet. Und zwar sowohl für das Auge wie für das Ohr.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Was den Fassungssalat des Werks betrifft, gehen Dijkema und Kapellmeister Valtteri Rauhalammi undogmatisch vor. Sie verwenden die Rezitative von Michale Kaye, verzichten auf allzu viele Zutaten aus der eher philologisch als dramaturgisch überzeugenden Oeser-Fassung und bringen auch noch musikalische Rosinen wie die Spiegel-Arie Dapertuttos und das Septett aus dem Giulietta-Akt ein, auch wenn sie im Stück eigentlich nichts zu suchen haben. Dass die Pause den Antonia-Akt zerschneidet, darüber darf gestritten werden. Um die Proportionen des Abends zu wahren, stünden als Alternative zwei Pausen zur Diskussion, die den Abend freilich, wie die Bonner Neuproduktion zeigt, erheblich in die Länge zögen.
Es gibt viel zu sehen bei Hoffmanns vergeblicher Suche nach der echten Liebe, wenn er von der Puppe Olympia, der sterbenskranken Sängerin Antonia und der Kurtisane Giulietta getäuscht und enttäuscht wird, bis er als Poet die Erlösung in den Armen seiner lange Zeit vernachlässigten Muse findet. Ein Werk, das von romantischer Ironie und „schwarzer Romantik“ überquillt, was Regisseur und Bühnenbildner Dijkema sowie die Kostümbildnerin Jula Reindell als Vorlage für ein spannendes Bilderbuch voller Poesie und Skurrilität nutzen. Die puppenhafte Motorik der Olympia arbeitet Dijkema filigran aus, Antonia begleitet sich selbst auf dem Cello, residierend und sterbend auf dem Hals eines überdimensionalen, zerbrochenen Streichinstruments, und die sinnliche Welt der Giulietta mit eifrig kopulierenden Gespielinnen und mit allerlei venezianischem Zierrat streift fein dosiert klischeehafte Vorstellungswelten. Die vier Bösewichter erscheinen wie Wesen aus der Unterwelt, Anleihen an Gruselschocker aus der Horror-Küche des frühen Schwarz-Weiß-Films um Dr. Caligari & Co. inbegriffen.

Etwas zu kurz kommt allerdings die Profilierung der Titelfigur. Joachim Bäckström tritt zwar wie ein dandyhafter Halbbruder romantischer Exzentriker aus der Umgebung Paganinis, Berlioz‘ oder Oscar Wildes auf und verteidigt tapfer seine Außenseiterrolle. Der Verfallsprozess seiner Persönlichkeit wird jedoch nur angedeutet, so dass der finale Rettungsakt durch die Muse und die sich anschließende Hinwendung zu seiner eigentlichen Bestimmung, der Poesie, ein wenig blass bleiben. Das berührt freilich nicht die erstaunlichen gesanglichen Qualitäten des bisher fast ausschließlich in skandinavischen Gefilden in Erscheinung getretenen schwedischen Tenors Joachim Bäckström, der für die Titelrolle nicht nur das nötige helle Timbre und die unerlässlich federnde Eleganz einbringt, sondern auch lyrischen Schmelz und kraftvoll strahlende Höhen.
Rauhalammi am Pult der vorzüglich aufspielenden Neuen Philharmonie Westfalen dirigiert so beflügelt und spielfreudig, wie Dijkema das Spiel auf die Bühne bringt. Und das überträgt sich auf das Ensemble, das das anspruchsvolle Werk freilich nicht ohne Gäste stemmen kann. Dazu gehören neben Joachim Bäckström die koloratursichere Dongmin Lee als Olympia und die mit großer, in den Höhen allerdings leicht verhärteter Stimme auffahrende Solen Mainguené als Antonia. Eine deutliche Aufwertung erfährt die kleinere, aber dramaturgisch wichtige, fast zentrale Doppelrolle der Muse und des Nicklausse durch Almuth Herbst, die ihre Aufgabe mit beeindruckender Bühnenpräsenz und ungewöhnlich starkem Stimmeinsatz gestaltet und neben Bäckström den stärksten Applaus des Premieren-Publikums einfahren kann.
Die etwas undankbare Rolle der Giulietta ist bei Petra Schmidt vorzüglich aufgehoben, die vier Bösewichter charakterisiert Urban Malmberg pointiert, auch wenn es seiner Stimme ein wenig an dämonischer Tiefenschwärze fehlt. Komödiantische Kabinettstückchen liefert Edward Lee in den Dienerrollen und auch sonst muss von einer außerordentlich geschlossenen Leistung gesprochen werden, zu der auch die Chöre des Musiktheaters im Revier beitragen.
Ein würdiger Schlusspunkt einer rundum überzeugenden Saison, der ungetrübte Begeisterung auslöst.
Pedro Obiera