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UN BALLO IN MASCHERA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
11. Juni 2017
(Premiere am 25. April 2011)
Wenn der Bühnenvorhang vor dem ersten Ton anfängt, leicht zu zittern, bedeutet das meist nichts Gutes. Die Bewegung im Stoff kündigt nämlich einen Ausfall an. Für die Vorstellung von Giuseppe Verdis Un ballo in maschera letzten Sonntag war es sogar eine An- und eine Absage. Tenor Marcelo Álvarez musste sich aufgrund einer Erkältung ansagen lassen. Er singt die Titelpartie des Gustavo angeschlagen. Sopranistin Sondra Radvanovsky, die in Zürich mit der Amelia ihr Hausdebüt gibt, muss sogar passen. Das Opernhaus Zürich findet mit Sopranistin Hui He einen mehr als würdigen Ersatz.
Verdis Dreiakter Un ballo in maschera mit dem Libretto von Antonio Somma, 1859 in Rom uraufgeführt, wird denn auch zu einem Abend der großen Stimmen. Marcelo Álvarez singt seine Indisponiertheit scheinbar locker weg. Einzig in den Tieflagen ist das Volumen noch nicht ganz zurück, der Tenor kaschiert das jeweils mit Parlando. Mit Hui He landet das Opernhaus Zürich einen Coup. Die Kraft und Weite ihrer Stimme lässt die Zeit still stehen. George Petean als Renato ist ein weiteres Highlight. Die Protagonisten kämpfen sich dafür durch ein mehrheitlich düsteres Theater-im-Theater-Konzept von Regisseur David Pountney, das trotz starker Bilder etliche Fragezeichen hinterlässt. Die szenische Einstudierung von Nina Russi, das unheimliche Bühnenbild von Raimund Bauer, das sinistere Lichtspiel von Jürgen Hoffmann sowie die barock-verrockten Kostüme von Marie-Jeanne Lecca verfehlen ihre dämonische Wirkung nicht, aber sie sorgen vereinzelt auch für unfreiwillige Lacher.
Während Verdis Preludio, in dem auch das Leitmotiv enthalten ist, senkt sich eine riesengroße Hand vom Schnürboden, um eine auf der Bühne liegende Puppe zum Leben zu erwecken. Alles ist Schicksal und der Mensch nur eine Marionette, mahnt die Regie mit unübersehbarem Zeigefinger. So segelt auch Gustavo seiner traurigen Bestimmung entgegen, weil er kein richtiger Monarch sein will und lieber mit seiner Handpuppe König spielt. Die Illustration dazu wirkt allzu pointiert, denn das Staatsoberhaupt sitzt wie ein Kind auf einem riesigen Thron.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Im Drama, das nach Eugène Scribes Vorlage vertont wurde und einen echten Königsmord in einem Theater thematisiert, illustrieren pechschwarze Vorhänge aus Stahl das unheilvolle Setting. Ein Guckfenster mit roten Vorhängen mittendrin bietet dem Zuschauer zusätzliche Hilfestellung zur an sich kristallklaren Deutelei. Die Dramaturgie lässt nichts unversucht, auf diesen Regieeinfall hinzuweisen. Eine Drehbühne, die wie ein Kinderkarussell angelegt ist, bringt die einzelnen Szenen mit ihren Protagonisten nach und nach zum Vorschein. Der Chor und Zusatzchor der Oper Zürich unter der Einstudierung von Janko Kastelic und der Choreografie von Beate Vollack agieren mitunter holzschnittartig. Die von unsichtbarer Hand aufgezogenen Tambourmajoren und Majoretten bilden jedoch einen agilen Kontrapunkt zur mehrheitlich schwachen, starren Personenführung.
Geradezu grotesk sind die Momente, wenn das Garde-Ballett in seinen gelackt-gelederten Uniformen an einen Kölner Karnevalsverein erinnert oder die Wahrsagerin Ulrica im roaring twenties look einen überdimensionalen Medusenkopf als Sprachrohr einsetzt. In der Racheszene im dritten Akt, in der Renato Amelia für ihre Untreue mit dem Tod bedroht, gibt die Symbolik der drei weißen Schränke Rätsel auf. Sie sind mit lederartigem Chesterfield verkleidet und im mittleren Teil steht eine gefesselte Amelia. Während im ersten Akt der Chor im schwedisch angehauchten Rokoko-Stil vor einem Duplikat des Zuschauerraums ein munteres Tänzchen wagt, ist die Abteilung für Kostüme im Finale mit den unisono gehaltenen Skelettsujets weniger mutig. Die Sterbeszene ist hingegen gelungen. Gustavo, von seinem Freund Renato auf dem Ball niedergeschossen, singt sich nicht etwa minutenlang und blutüberströmt ins Jenseits. Er hält sein Alter Ego in Form einer lebensgroßen Puppe in den Händen und schließt danach mit Furor den Theatervorhang.

Die plakative Umsetzung der Verdi-Oper eignet sich bestens für ein breites Publikum. Am Samstag, 17. Juni, wird die Inszenierung als Oper für alle per Liveschaltung und Videoscreen am Sechseläutenplatz Schaulustige anziehen. Das Opernhaus Zürich setzt beim Gratis-Event auf das richtige Pferd dieses Jahr, zumal die Produktion auch mit einem starken Sängerensemble und einem von Fabio Luisi vortrefflich geführten Orchesterapparat aufwarten kann.
Álvarez ist ein leidenschaftlicher Gustavo, seine Kantilenen sind aus einem Guss. Der Tenor bleibt auch in der Reduktion geschmeidig und farbig. Radvanovsky erhält von den Medien gute Noten. Petean ist eine Klasse für sich. Sein Renato ist stimmlich weit offen im Forte und überzeugt mit feinen Schattierungen im Piano. Sen Guo als Page hat leichtes Spiel beim Publikum; ihr Sopran ist hell, klar und glänzt mit exakter Linienführung. Marie-Nicole Lemieux als Ulrica fällt in der Gesamtleistung etwas ab. Während sie in der Tief- und Mittellage mit ihrem purpurnen Mezzosopran formschön schwingt, sorgen ihre Ausbrüche im Forte für ein deutlich hörbares Vibrato.
Verdis viel gespielte Oper mit ihren bekannten Arien, Duetten und Ensembles, ist trotz oder gerade wegen der skurrilen Lesart von David Pountney ein Hingucker. Und der eignet sich für das Bezahlpublikum genauso wie für die Fans auf dem Platz mit Verpflegung im Gepäck.
Peter Wäch