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Satire statt Charisma

LA DAMOISELLE ÉLUE/​JEANNE D’ARC AU BÛCHER
(Claude Debussy, Arthur Honegger)

Besuch am
11. Juni 2017
(Premiere)

 

Oper Frankfurt

Honeggers „drama­ti­sches Oratorium“ dauert keine neunzig Minuten, daher wird ihm in Frankfurt Debussys Kantate La Damoi­selle élue voran­ge­stellt, ein 1893 urauf­ge­führtes Frühwerk des Kompo­nisten. Debussy vertont darin einen Text Dante Gabriel Rossettis in der sehr freien Übertragung des franzö­si­schen Poeten Gabriel Sarrazin. Von Handlung kann die Rede nicht sein. Im Himmel bittet eine junge Frau die Gottes­mutter um Fürsprache beim Erlöser für die dauer­hafte Verei­nigung mit ihrem noch auf Erden weilenden Geliebten. Das statische Werkchen möchte zeitty­pisch himmli­schen mit irdischem Eros verein­baren. Es verlangt nach keinerlei Perso­nen­zeichnung. Dem wird in Frankfurt entsprochen. Àlex Ollé, einer der Köpfe von La Fura dels Baus, beschränkt sich auf die vertikale Anordnung des Liebes­paares in irdischer und himmli­scher Sphäre.

Der elegant parfü­mierte Hauch der Debus­sy­schen Petitesse verfliegt vor dem dichte­risch wie musika­lisch existen­ti­ellen Zugriff des Jeanne-d’Arc-Orato­riums, der auf der Frank­furter Opern­bühne freilich nur bedingt reali­siert wird.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Ollé zeigt Johanna als junge Frau von heute oder in einer nahen Zukunft, die es unmit­telbar von der Straße, vielleicht gar – versehen mit einem Studen­ten­billett – aus dem Zuschau­erraum auf die Bühne verschlagen hat. Warum diese denkbar unauf­fällige Gestalt an den Schand­pfahl des Schei­ter­haufens gefesselt wird, ist völlig unerfindlich. Weder Heiligkeit noch sonst irgend Charis­ma­ti­sches geht von ihr aus. Dass Johanna einem Ruf folgt, der sie im Dienst des Aller­höchsten für König und Volk sowohl Adel als auch Geist­lichkeit brüskieren und den Engländern aufs Haupt schlagen heißt, hinter­lässt bei Ollé nicht die Spur. Der Fura-dels-Baus-Mann zeigt die Jungfrau als angenehm idealis­tische, gewiss bemit­lei­dens­werte, aber letztlich banale Person. Ollés Johanna mag eine Namens­vet­terin der pucelle sein, die Leugnung gesell­schaft­licher und religiöser Rollen­kon­ven­tionen und Hierar­chien ist ihr schlicht nicht zuzutrauen.

Johanna Wokalek – Foto © Barbara Aumüller

Die satiri­schen Handlungs­ele­mente zeichnet Ollé hingegen trefflich und mit kräftigsten Strichen. Des Gerichts­hofes Vorsit­zender, Schreiber und Geschworene in Gestalt von Schwein, Esel und blökenden Schafen verwandeln sich aus bloßen Allegorien zu tatsäch­lichen, doch gänzlich vertierten Menschen einer in völliger Auflösung begrif­fenen Gesell­schaft. Drastische Bilder der Blutzeu­gen­schaft zeigen, wie die Heiligen Katharina und Marga­rethe, deren süße Stimmen Jeanne aus ihrem Heimatdorf in die Welt rufen, ihr im Martyrium voraus­gingen. Kopfüber aufge­hängt wie Schlachtvieh verbluten die beiden Frauen.

Das Bühnenbild von Alfons Flores ist für beide Stücke des Abends prakti­kabel. Wenn auch der himmlische und irdische Sphären trennende Plafond durch­sichtig ist, wären beide Bezirke ohne den mit seiner Stand­fläche als Aufzug einsetz­baren Schand­pfahl des Schei­ter­haufens streng geschieden. So aber steht der Jungfrau Himmel­fahrt nichts im Weg. Für den Schau­prozess und später das Volk werden abgetreppte, mobile Stahl­rohr­tri­bünen einge­setzt. Die üblichen La-Fura-dels-Baus-Versatz­stücke werden bis auf einige Autowracks sparsam verwendet.

Lluc Castells schickt Jeanne für Jeans und Tanktop in den Textil­dis­counter um die Ecke. Die im Himmel blond­pe­rückten, weiblichen Heiligen sind als Rausch­gold­engel Restposten vom letzten Weihnachts­markt.  Die verrohte und vertierte Menschenwelt bietet die optische Attraktion des Abends.  Der Mob wütet in verschmutzter Unter­wäsche mit oft freilie­genden, täuschend echt nachge­ahmten Genitalien.

Der von Tilman Michael einstu­dierte Chor und Extrachor der Oper Frankfurt meistert seinen kontra­punk­tisch häufig vertrackten Part souverän und mit ausge­spro­chener Spiel­freude. Markus Ehmann hat den Kinderchor des Hauses präzise vorbe­reitet. Die Kinder sind bühnen­präsent bei der Sache.

Das Frank­furter Opern- und Museums­or­chester unter Marc Soustrot entledigt sich der Debussy-Kantate mit Delika­tesse. Soustrot lässt die Polysti­listik der Honeg­ger­schen Partitur, die von geist­lichem Gesang über das Volkslied bis zu Anklängen an die Unter­hal­tungs­musik der Entste­hungszeit reicht, zu ihrem Recht kommen, ohne das letztlich doch homogene Klangbild preis­zu­geben.  Waches Stilemp­finden und eine auch im rabia­testen Geschehen nie völlig unter­drückte Eleganz zeichnen Soustrots Dirigat aus.

Johanna Wokalek als Jeanne zieht die mannig­fachen Register Ihrer schau­spie­le­ri­schen Virtuo­sität, ohne je wirklich an die Titel­figur zu erinnern. Wie immer Wokalek die Stimme moduliert und dynamisch abstuft, nichts hilft, um sie aus der regie­ge­wollten Durch­schnitt­lichkeit zu befreien. Richter Porcus in der Tenor­ge­stalt von Peter Marsh beugt das Recht im vokalen Spaziergang durch die unentwegt hoch liegende Partie. Nicht nur, dass Marsh über genügend Reserven verfügt, um satirisch perfekt pointierte stimm­liche Akzente zu setzen, mit denen er das Groteske der Rolle voll auskostet, auch darstel­le­risch legt er sich mächtig ins Zeug. Das gemischt deutsch-franzö­sische Schau­spiel­ensemble agiert wie aus einem Guss. Die Leistungen der Sänger­dar­steller entsprechen dem, was sich für die entspre­chenden Partien an einem großen Haus erwarten lässt.

Der Beifall für die Akteure auf der Bühne und das Regieteam ist ausge­sprochen freundlich, für Johanna Wokalek sogar sehr herzlich. Die Leistung von Marc Soustrot wird unterbewertet.

O‑Ton hat Ende Januar über die zutiefst berüh­rende Lyoner Produktion des Honegger-Orato­riums in Regie und Bühnenbild von Romeo Caste­lucci berichtet. Die Frank­furter Jeanne ist solide, in manchen Augen­blicken bildstark, ans Innerste des Publikums rührt sie nicht.

Michael Kaminski

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