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Wir alle sind Fremde

FREMDE UNTER FREMDEN
(Dalia Schaechter et al.)

Besuch am
13. Monat 2017
(Premiere)

 

Oper Köln im Staatenhaus, Saal 3

Kammer­sän­gerin Dalia Schaechter und ihre Freunde haben zu einem Lieder­abend einge­laden – und dafür, dass es ein Dienstag ist, bleiben erstaunlich wenig der 200 Plätze im Saal 3 des Staaten­hauses leer. Fremde unter Fremden soll ein emotio­naler, unpoli­ti­scher Abend werden. Also so, wie es sich für einen Lieder­abend gehört. Ansonsten ist an diesem Abend so ziemlich alles anders, als man es von einem Lieder­abend erwartet. Und das ist gut so.

Die Grundidee: Schaechter hat „Fremde“, also Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, gebeten, ihr ein Lied zu schenken. Nicht irgendein Lied, sondern ein Lied, zu dem diese Menschen eine besondere Beziehung haben – welche, ist egal. Gemeinsam mit der Medien-Künst­lerin Valerie Schaller hat die Sängerin diese Menschen in den letzten vier Monaten in ihren Wohnzimmern besucht, sich über die persön­liche Bedeutung des ausge­wählten Liedes erzählen lassen und mit den „Schen­kenden“ das Lied eingeübt. In eigenen Arran­ge­ments sollen diese Lieder in Verbindung mit den Videos vorge­tragen werden.

Auf der schlichten Bühne, ein Podest vor einer doppel­flü­ge­ligen Tribüne, die nach hinten von Paravents begrenzt wird, finden ein „Erzäh­ler­sessel“ mit Tischchen, ein paar Stühle, ein Flügel, Instru­mente und die Musiker Platz. Dahinter ist eine Leinwand aufge­hängt, auf die nach alter Väter Sitte wie bei den berühmt-berüch­tigten Dia-Abenden die Videos proji­ziert werden. Unwill­kürlich erwartet man, das Sirren des Projektors zu hören. Das erzeugt trotz der Größe eine schöne Intimität, und die ist auch gewollt.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Publikum     
Chat-Faktor     

Im Wortsinne an ihre Seite hat sich Schaechter den Schau­spieler Bert Oberdorfer geholt, der sich ein paar hübsche Geschichten für seine Moderation ausge­dacht hat. Und da nur ein einziges deutsch­spra­chiges Lied den Weg in diesen Abend gefunden hat, sorgt Oberdorfer auch mit Überset­zungen gezielter Ausschnitte für das nötige Verständnis, wenn er nicht sowieso gleich selbst singt. Hinzu­kommen Jan Weigelt am Flügel, Lajos Tar an Gitarre und Laute sowie an Bratsche und Violine Gerhard Dierig, die mit Virtuo­sität und Humor den Abend tatkräftig unterstützen.

Dalia Schaechter eröffnet mit einem Lied aus ihrer Heimat Israel und greift dabei zur Gitarre. Der guten Parität halber folgt ein paläs­ti­nen­si­sches Heimatlied, das dem israe­li­schen vor allem textlich erstaunlich ähnlich ist. Die Quechua-India­nerin Bettza, die aus einem Dorf in den perua­ni­schen Anden kommt, empfiehlt ein trauriges Lied, das sie bei ihrer Mutter gelernt hat. Schaechter findet sich auch in dieser Sprache ein. Zwischen­durch erzählt sie auch von ihren eigenen Empfin­dungen im Umgang mit all den „fremden“ Menschen. So wie Reem, die aus Syrien geflüchtet ist und seit einem Jahr in Köln lebt. „Du bist Syrerin, ich bin Israeli, ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll“, eröffnet Dalia das Gespräch. „Ich treffe keine Völker, ich treffe Menschen“, gibt Reem freundlich zur Antwort. Vergessen wir so oft. Aber genau das macht diesen Abend aus: Egal, um welche Nation es gerade geht, ist vollkommen uninter­essant. Wir treffen Menschen. Ohne jedes Pathos, ohne jeden Falsch. Denn die israelstämmige Sängerin, die seit so vielen Jahren in Köln-Mülheim wohnt und auf der ganzen Welt arbeitet, ist über jeden Dünkel erhaben.

Und wer bei all der Fremd­spra­chigkeit bis jetzt noch keinen rechten Zugang gefunden hat, trifft die Ameri­ka­nerin Andrea Andonian wieder, die über vier Jahrzehnte als Mezzo­sopran im Ensemble der Kölner Oper gearbeitet hat. Obwohl sie längst in Deutschland ihre Heimat gefunden hat, bedeutet ihr John Denvers 1969 erschie­nenes Lied Leavin‘ on a Jet Plane – fast – alles. Zum Thema Einwan­derung hat Andonian noch einen kleinen Hinweis parat. In Amerika sind die Indianer Urein­wohner – alle anderen sind Einwan­derer. Kein neues Argument, aber immer wieder nachden­kenswert. Stimmlich gehört der Song zu den einfa­cheren Heraus­for­de­rungen, aber hier geht es auch nicht um die Kunst­fer­tigkeit, sondern um das Sentiment. Und auch das löst Schaechter hervor­ragend. Sprachlich anspruchs­voller wird es, wenn Flugbe­glei­terin Marcia eine portu­gie­sische Ballade am Herzen liegt. Wer arabische, hebräische und griechische Weisen hinbe­kommt, für den kann portu­gie­sisch allen­falls eine Übungs­stunde mehr bedeuten. Zum brasi­lia­ni­schen Dialekt aller­dings fehlt dann noch ein Stück. Als ob das zu diesem Zeitpunkt noch irgend­je­manden interessierte.

Foto © Paul Leclaire

Schon wartet die nächste Überra­schung. Evan ist Mexikaner und hat sich nichts weniger als Besame mucho gewünscht. Folklore? Wie kommt ein Mexikaner auf dieses Lied? Evan hat eine einfache Erklärung. Es war diese Musik, die lief, als er seine Großmutter zum letzten Mal umarmte. Also rühren Oberdorfer und Schaechter mit einem Duett an die Seele der Besucher.

Zum Wieder­ein­stieg nach der Pause gibt es Humor­volles. Weigelt und Dierig präsen­tieren eine Impro­vi­sation über Zigeu­ner­weisen. Als der Pianist erschöpft mit dem Kopf auf die Klaviatur nieder­sinkt, ist die Aufführung nahe am Siede­punkt. Das ist einfach alles völlig unver­krampft und überzeugend darge­boten. Und entspannt geht es mit Schaechters Geständnis weiter, dass sie vor einem Liedwunsch kapitu­liert ist. Statt­dessen lässt sie Hamid, der vor einem Jahr aus dem Nordirak geflohen ist, im Video ein eigenes Gedicht vortragen, das Oberdorfer übersetzt. Ohne die geringste Mühe gibt es hier Zugang zu fremden Kulturen mit der Erkenntnis, dass sie so fremd nicht sein können, wenn man diese Worte hört.

Johannes Eßer ist Kontra­bassist im Gürzenich-Orchester und wasch­echter Kölner. Wie geht so einer damit um, dass sein Dialekt in Gefahr gerät, weil so viele Ausländer das Land überschwemmen? Er kontert mit dem Titel Ming herrlich Kölle – einem Karne­valshit, der die unver­brüch­liche Hoffnung der Kölner auf den Wieder­aufbau nach dem Krieg beschwört. Hier bricht das Lokal­ko­lorit endgültig durch. Begeistert singen die Besucher nach Auffor­derung den Refrain mit. Und bewundern einmal mehr die Gastge­berin des Abends, die auch am kölschen Dialekt nicht scheitert.

In einem furiosen afrika­ni­schen Finale, bei dem der „Schen­kende“ David gleich mitsingt, endet der Abend. Ob das Geschenk hier nicht etwas überstra­pa­ziert ist? Uninter­essant. Der marginale Abend­zettel – spielt keine Rolle. Dalia Schaechter ist mit ihren Musikern und Schau­spieler Bert Oberdorfer – übrigens als Kärntner ein Fremder unter Fremden – ein gnadenlos guter Abend gelungen, der berührt und verzaubert. Ach so, und Fremde zu Freunden macht. Denn fremd sind wir alle doch nur, bis wir Freunde gefunden haben. So unkapriziös lautet das Fazit dieses Abends. Und wie gut, dass er am 21. und 22. Juni noch einmal wiederholt wird. Denn den muss eigentlich jeder erleben. Findet das Publikum, das lang und herzhaft applaudiert.

Michael S. Zerban

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