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KALAKUTA REPUBLIK
(Serge Aimé Coulibaly)
Besuch am
14. Juni 2017
(Premiere)
Ganz oben auf der Wunschliste der Festivalleitung steht in großen Lettern Expansion. Und so präsentiert der tragende Verein Afrotopia mit der vierten Ausgabe der Biennale Africologne, der Name wird französisch ausgesprochen, zugleich das bislang größte Festival. Expansion will der Künstlerische Leiter Gerhardt Haag in jeder Hinsicht verstanden wissen. 2011 als reines Theaterfestival im Kölner Theater im Bauturm entstanden, versteht sich das Festival heute als afro-europäisches Netzwerk, das sich nicht nur in der Stadt Köln mit mehr Spielstätten denn je ausbreitet, sondern inzwischen auch über die Stadtgrenzen hinausschaut. Mit dem Tanzhaus NRW, das ja auch bereits über umfangreiche Erfahrung in der Auseinandersetzung mit dem afrikanischen Kontinent verfügt, ist in diesem Jahr erstmals ein veritabler Partner gefunden. Vom 14. bis zum 24. Juni werden zwölf Produktionen aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Film, Literatur und Bildende Kunst präsentiert. Erstmalig verfügt das Festival in diesem Jahr auch über ein Festivalzentrum im Stadtgarten.
Zum Auftakt haben Haag und sein Team um Kerstin Ortmeier gleich mal ein Zeichen gesetzt. In der Oper Köln im Staatenhaus wird politisches Tanztheater gezeigt. Denn Africologne will nicht etwa afrikanische Folklore am Rhein präsentieren, sondern „die nachhaltige Auseinandersetzung mit modernen Theaterformen und Künsten aus verschiedenen afrikanischen Ländern sowie die gemeinsame Beschäftigung mit inter- respektive transkulturell relevanten Thematiken“ vorantreiben. Und da passt das Werk Kalakuta Republik von Serge Aimé Coulibaly über den nigerianischen Künstler und Erfinder des Afro-Beats Fela Kuti gut hin. Der hatte Anfang der 1970-er Jahre in Lagos mit der „befreiten Republik“ eine Künstler-Kommune mitten im Herrschaftsgebiet der damaligen Militärdiktatur errichtet.
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In seiner zweiteiligen Choreografie befasst sich Coulibaly mit Fragen im Zusammenhang mit dem Begriff des Anführers. Geheimnisvoll überschreibt er den ersten Teil sinngemäß mit den Worten: Wenn du keine Geschichte hast, wirst du verrückt. Inhaltlich werden hier keine überraschend neuen Erkenntnisse geboten. Von der Eitelkeit und Selbstüberzeugtheit des Anführers über den Befehl zum Massengehorsam, die Diskriminierung bis zum Außenseiter kennt man das. Auf der Bühne im Hintergrund zwei Projektionsflächen, davor ein Sofa und ein paar Requisiten, die Kostüme, die Cathérine Cosme ebenfalls entworfen hat, bieder, weit geschnitten und bar jeder Erotik. Ein paar Farbtupfer an den Körpern fallen auf, bleiben aber ohne Auflösung. Anfangs gefällt der Afro-Beat, den Yvan Talbot zusammengestellt hat, eine Mischung aus Disco, Jazz und hartem Rhythmus, später dröhnt es nur noch. Ärgerlich auch, dass man zum Sprechgesang keinen Zugang findet, weil die auf der Website versprochenen Übertitel nicht stattfinden. Die Bewegungssprache hat Witz, chaplineske Bewegungen in der Gruppe wechseln mit Hiphop-Elementen, ein paar schöne Figuren hat Coulibaly sich einfallen lassen. Aber bitte, das erschöpft sich auch, und in der dritten Wiederholung wird’s ein wenig fad. Dazu gibt es schwammige Videoprojektionen von Eve Martin, die nichts hergeben, was sich auch im zweiten Teil nicht wesentlich ändern wird. Immerhin ist das Licht von Hermann Coulibaly ordentlich und hell genug, dass man alles erkennen kann. Insgesamt entsteht allerdings eher der Eindruck, als ginge es dem Choreografen darum, sein Publikum in die Langeweile zu führen. Da freut man sich letztlich auf die Pause.
Danach scheint endlich das Lysergdiäthylamid zu wirken, das Choreograf und Tänzer eingeworfen haben müssen. Der Trip beginnt. Das Volk hat seinen Anführer verloren. Um zu verstehen, was das bedeutet, brauchen wir nicht nach Afrika zu schauen. Die Farben explodieren, das Individuum verabschiedet sich aus der Sozialgemeinschaft und frönt seiner Dekadenz. Das Leben wird eine einzige Party. Diskokugeln verbreiten ihr waberndes Licht. Wir brauchen immer einen Dichter, hat Coulibaly über dieses Kapitel geschrieben. Aber Dichter – hier als Synonym für Kreativität – haben es schwer in einer ungeordneten Welt. Werden sie schon in einer geordneten Gesellschaft kaum wahrgenommen, kommen sie im Chaos kaum noch zu Wort.

Jetzt in ein hautenges, neonfarbenes Kleid geschmiedet, bekommt Antonia Naouele das zu spüren, wenn sie am Mikrofon ignoriert und ihr das Mikro kurz darauf kurzerhand weggenommen wird. Adonis Nebié, der sich als Volksaufklärer mit weißer Maske versucht, blüht ein ähnliches Schicksal. Ahmed Soura ist einer aus der einfallslosen Masse, dem immerhin Störaktionen einfallen. Und Serge Aimé Coulibaly frönt dem Körperkult. So bekommt man mit sieben Personen ein Abziehbild unserer Neon-Gesellschaft hin, die außer dem Rausch kaum mehr Befriedigung findet. Die siebte Tänzerin, im ersten Teil die fast schon bühnenflüchtige Außenseiterin, ist Marion Alzieu, eine Ausnahmeerscheinung. Ungeheuer ausdrucksstark hebt sie sich von der Menge ab, charismatisch entwickelt sie ihre eigene Sprache, um sich bei passender Gelegenheit immer wieder kurz in das Team einzufügen. Wie löst man eine solche Party auf, wie findet man aus dem Rausch wieder hinaus? Das Faso Danse Théâtre macht aus den Frauen die neuen Anführer, die sich mit militärischen oder anzüglichen Gesten auf den Schultern ihrer Tänzer von der Bühne tragen lassen. Ob diese – hier augenzwinkernde – Entscheidung wirklich die richtige ist? In Europa sieht es nach den bisherigen Erfahrungen eher nicht danach aus. Hier steht der große Kater nach dem Rausch noch aus.
In Köln gibt es keine Katerstimmung. Im Gegenteil. Das Publikum reißt es von den höchst ungemütlichen Sitzen, der Applaus will kaum enden. Erkenntnisreich geht der bravourös gelungene Festival-Auftakt zu Ende. Einmal mehr bestätigt sich, dass es immer schwerer wird, Unterschiede in den Kulturen zu finden. Das ist gut, denn, ob einige Ewiggestrige es wollen oder nicht: Die Weltgemeinschaft wächst weiter zusammen. Und: Die wirklich herausragenden Choreografen tragen immer seltener deutschsprachige Namen. Und sie sitzen auch nicht in Düsseldorf. Dort aber haben Menschen, die es nicht zum Staatenhaus in Köln-Deutz geschafft haben, am 16. und 17. Juni die Gelegenheit, das im besten Sinne wahnsinnige Werk noch einmal in voller Länge, aber ohne Eröffnungsreden, zu genießen. Und Kenner der Räumlichkeiten dürfen jetzt schon gespannt sein, wohin sich die neue Führungselite im Tanzhaus tragen lassen wird.
Michael S. Zerban