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Die letzte Premiere der ganz wesentlich durch die Regiearbeiten Michael Thalheimers geprägten Intendanz von Oliver Reese findet unter freiem Himmel statt. Zwar ist die Produktion als erstes der bedeutenden Antikenprojekte am Frankfurter Schauspiel bereits zu Reeses Einstand im Jahr 2009 herausgekommen, nun unter freien Himmel verlegt , wird dennoch eine regelrechte Premiere daraus. Die Bühne ist auf der einstigen Weseler Werft am Mainufer aufgeschlagen. Schräg hinter der Zuschauertribüne befindet sich die Europäische Zentralbank, davor in einiger Entfernung, aber noch eindrucksvoll genug ragen die Bürotürme der Frankfurter Innenstadt.
Ödipus vor der Stadt ist der im konkreten Fall griffigere Titel für den allbekannten König Ödipus in der Übertragung des sprachmächtigen Archäologen Ernst Buschor, der ein rhetorisch kraftvolles, aber niemals aufgesetztes Idiom pflegte.
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Thebens oder besser Frankfurts Bürgerschaft ist von der Pest befallen. Angesichts der Hochfinanz im Rücken und vor Augen der Zuschauer kann kein Zweifel sein, worin die besteht. Jenseits aller tiefenpsychologischen Spekulationen wird der Kern des Stückes endlich einmal wieder enthüllt. Sophokles greift den Mythos nicht um irgendwelcher individualpsychologischer Befindlichkeiten willen auf. Seelchen können ihm gestohlen bleiben. Die Polis ist in Gefahr. Ödipus, der Sphinxbezwinger und deshalb vom Volk erwählte König, sucht das Unheil auf neue Weise abzuwehren. Da die Verbindungen zu Sühneopfer und Gottesdienst gekappt sind, soll rechtsförmig ein Schuldiger ausgemacht werden. Ödipus reißt das Verfahren an sich. Sein Anspruch auf gerichtsverwertbare Wahrheiten wächst ins Monströse. Der unerbittliche Inquisitor bringt sich selbst zu Fall. Thalheimer trägt keine Scheu vor der Monumentalität solcher Figuren. Er unternimmt nicht den geringsten Versuch, den thebanischen König der Alltäglichkeit und dem menschlichen Durchschnitt anzunähern. Noch in seiner immensen Verstrickung bleibt Ödipus groß. Glaubhaft wird die Aufgipfelung allein, wenn Heroik und Pathos nicht hohl, sondern substanziell sind. Bei Thalheimer sind sie es. Die Aktion ist sparsam, meist harren die Figuren auf dem einmal eingenommenen Fleck. Desto eindringlicher, wenn Thebens König sich von unerträglicher Pein gemartert stoßartig aufbäumt. Gänzlich verloren in sich zusammen sinkt. Der Titelfigur massives Schmerzgebrüll hallt weithin über den Main und durch die Häuserzeilen. Nichts Humoreskes haftet dem an, aber Scherzbolde von außerhalb des Publikumsgevierts geben ein viehisches Echo auf das tiefmenschliche Leid. Süffisant lachend stimmen einige Zuschauer ein. Dreist paart sich die Verrohung draußen mit der zynischen Abgebrühtheit im Inneren.
Olaf Altmann baut das Proskenion des griechischen Theaters aus naturfarbenen Holzplatten. Für die Bühnenwand selbst sorgen die realen Bürotürme der Hochfinanz. Mit fortschreitender Dämmerung bedienen sie – nun illuminiert – hemmungslos sämtliche mit der Bankenmetropole verbundenen Klischees. Als Ersatz für die Türen in der Bühnenwand dient ein rückwärtiger Treppenabgang. Da im Stück kein deus ex machina vorkommt, bleibt der historische Hafenkran direkt seitlich hinter dem Proskenion ungenutzt. Die griechische Bühne verfügte ja über ähnliche Vorrichtungen für die Erscheinung der Gottheit. Der Raum zwischen Zuschauertribüne und Rampe, also was im griechischen Theater die Orchestra wäre, bleibt unbespielt. Der Chor ist an den Seiten des Proskenions aufgestellt.

Die Kostüme von Katrin Lea Tag mischen Gegenwart mit vager, doch unferner Vergangenheit. In Iokastes Abendrobe klingt Griechisches an. Oft tragen die Figuren Masken aus mit Gesichtern bemalten Papiertüten. Ödipus gar schleppt sich auf dem Kothurn zur Bühnenmitte.
Dem von Marcus Crome einstudierten Chor fehlt das präzise Unisono, Eindringlichkeit ohnehin. Die Intonation lässt an eine nicht sonderlich laufende Probe denken.
Marc Oliver Schulze in der Titelrolle setzt Maßstäbe. Jene verhängnisvolle Koalition von Affekten und Vernunft sowie deren Entzweiung nehmen bei Schulze deklamatorisch und gestisch durchrhythmisierte Gestalt an. Constanze Beckers Iokaste schwingt sich über weite Strecken zur ebenbürtigen Partnerin auf. Manche ihrer Verse hören sich wie neu an, wenige befremdlich konventionell. Isaak Dentler gibt Kreon redlich um Schonung des Schwagers bemühte Loyalität mit auf den Weg. Dentler agiert zurückhaltend, offenbart aber in jedem Augenblick, dass Kreons Gutwilligkeit aus innerer Stärke wächst. Jegliche Autorität lässt Michael Benthin als Teiresias vermissen. Nicht dringt machtvolle Gegenrede auf Ödipus ein, sondern bloße Stimme und Lungen mühsam abgezwungene Lautstärke. Oliver Kraushaar in der Botenrolle und Wolfgang Michaels Hirt sprechen ihre Rollen klangvoll und nachdrücklich. Alexandra Finder ist eine Dienerin der Iokaste, die unbeteiligt das grauenhafte Geschehen im Palastinneren referiert.
Bravi für Marc Oliver Schulze. Der sonstige Applaus ist kräftig und kurz.
Reese übernimmt das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm. Zu hoffen ist, dass es ihm dort gelingen wird, für die Hauptstadt ähnlich unverwechselbar starke Zeichen zu setzen wie in der Mainmetropole.
Michael Kaminski