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Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam“: Gemäß diesem Ausspruch von Maurice Maeterlincks ist sein Drama Pelléas et Mélisande voller Rätsel. Er hat die Geschichte um Liebe und Eifersucht um eine rätselhafte Frau, die zwischen zwei Halbbrüdern steht, in ein kunstvolles Geflecht von Beziehungen, Sehnsüchten und Abhängigkeiten, Angst und Tod versponnen. Und er lässt viele Fragen offen: Etwa wer sie ist? Woher kommt sie? Was ist ihr da am Teich oder davor widerfahren? Warum stürzt Golaud just dann vom Pferd, als ihr Ehering in den Brunnen fällt? Warum ist das Schloss Allemonde so düster und dunkel? Rätsel über Rätsel ohne Antworten, aber auch viele Symbole.
Erstmalig seit einem Vierteljahrhundert wird die einzig vollendete Oper von Claude Debussy, die 1902 in Paris uraufgeführt wurde, und der der Geschichte Maeterlincks ein fragiles, feinaufgefächertes, impressionistisches Klanggemälde verliehen hat, wieder an der Wiener Staatsoper gezeigt. Marco Arturo Marelli, der hier am Haus für bereits zehn, meist sehr ästhetische Operninszenierungen verantwortlich zeichnet und wie sonst immer auch diesmal sein eigener Ausstatter ist, lässt das Rätselspiel in Weiterführung seiner Berliner Arbeit in einem grauen, wuchtigen, bedrohlich wirkenden Betonbunker spielen, der die morbid-düstere, aber auch geheimnisvolle Atmosphäre der Handlung unterstreicht. Betonblöcke, Treppen und Bretter als Brücken umsäumen den dunklen Bau, der die Aussichtslosigkeit und das Eingeschlossensein symbolisiert. Jedoch sorgt die andauernde graue Schattenwelt, in diesen Tönen sind auch die Kostüme angefertigt, für ein gewisse Abstumpfung beim Betrachter. Im Libretto ist durchaus auch von Schatten und Licht die Rede, was aber völlig fehlt.
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Ein Großteil der Bühne ist mit einem mit Wasser gefüllten Pool ausgefüllt. Das Wasser ist hier allein der Bote der Ästhetik. Es schimmert und glitzert und wirft immer wieder durch raffiniert eingesetztes Licht magische Reflexe, die an der Decke und an den Mauern tanzen. Mittendrin sitzt Mélisande wie eine Rästelnixe in einem Kahn und lässt sich von dem bis zur Brust im Wasser watenden Pelléas ziehen. Krank sind hier fast alle, neben Arkel sieht man auch den dahinsiechenden Vater, Golaud unternimmt mehrere halbherzige Selbstmordversuche mit dem Gewehr, Ynold mit Glasscherben. In einer fein ziselierten Personenführung wird das Geschehen sehr realistisch in Szene gesetzt. Allerdings hätte man sich von der Bühne ein wenig Sinnstiftung oder ein wenig zusätzliche Sinnlichkeit gewünscht – die verharrt allerdings in diesem einzigen dunkelgrauen Bild und verwechselt Symbolismus zu oft mit plumper Symbolik. Zu viele Zwischenvorhänge nach jeder Szene hemmen den Fortgang des ohnehin spärlichen Geschehens. Eine technische Panne mit einem Zwischenvorhang sorgte überdies für eine plötzliche Unterbrechung bei der Premiere. Zum Schluss verfällt der Regisseur auch noch zu sehr dem Kitsch, wenn die gestorbene Mélisande aufrecht im Kahn stehend, begleitet von mehreren bunt gekleideten Frauen in einen sich öffnenden Postkarten-Sonnenuntergang fährt.

Olga Beszmertna zeigt eine mädchenhafte, zerbrechliche Mélisande. Die Sopranistin singt die geheimnisvolle, undurchschaubare Außenseiterin mit feinsten Nuancen, wunderbaren Farben und tiefgehender Innigkeit. Adrian Eröd ist ein jugendlich naiver, sanftmütig schwärmerischer, sehr geschmeidig singender Pelléas. Simon Keenlyside, vor nicht allzu langer Zeit selbst als Titelheld zu erleben, als sein düsterer Gegenpol, ist ein von Eifersucht zerfressener, selbstquälerisch zwischen Sanftmut und Jähzorn hin und her gerissener Golaud mit intensivem Gesang. Sein Sohn Yniold wird von Maria Nazarov kindlich und mit großer Tonreinheit gesungen. Franz-Josef Selig gibt einen sehr ergreifenden Arkel mit weichen Tönen. Bernarda Fink ist eine Luxusbesetzung für die Rolle der Mutter Geneviève.
Pelléas et Mélisande ist also ein rätselhaft faszinierendes Musiktheater des Symbolismus, eine mäandernde, zu Szenen collagierte Tondichtung. Delikate orchestrale Differenzierungskunst vom Feinsten von Debussys schillernder, genialer Partitur, die als perfekte Wagner-Antithese in die Musikgeschichte eingegangen ist, zeichnet das Orchester der Wiener Staatsoper unter Alain Altinoglu: Transzendente Klänge wie aus einer anderen, fremden Welt schweben aus dem Orchestergraben. Mit jedem Ton lassen sie die Regungen der Seele durchschimmern und treffen die Stimmung des Herzens. Debussys sehnsüchtige, schwermütige Musik, seine verträumten Harmonien, seine zauberhaften Klänge werden hier zu einem impressionistischen Gemälde.
Das Premierenpublikum zeigt sich ob der kostbaren und seltenen Operngabe bei allen Beteiligten mit großem Applaus und Jubel erkenntlich.
Helmut Christian Mayer