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Wer eine Open-Air-Veranstaltung besucht, geht den ganzen Tag herum wie der Hans-guck-in-die-Luft. So richtet man auch bei den St. Galler Festspielen andauernd den Blick himmelwärts und fragt sich bange: Kommt er oder kommt er nicht? Gemeint ist der Regenschauer, und der kommt auch kurz am Abend der Premiere. Allerdings drei Stunden vor Beginn und nur drei Minuten. Dafür kommt es dann in punkto Inszenierung ganz dicke. Regisseur David Alden macht den schlimmsten Fehler, den man an Freilichtaufführungen machen kann: Er überinterpretiert, und das nicht zu knapp. Seine Lesart ist in ihrer Unart nicht mehr leserlich und evoziert blanken Ärger. Mit der viel zu breiten Bühne von Gideon Davey und den uninspirierten Kostümen von Jon Morrell präsentiert der Amerikaner ein infantiles wie überbordendes Regietheater-Konzept der Loreley-Saga am deutschen Rheinufer.
Die geradezu häretische Herangehensweise ist aus einem anderen Grund unangebracht: Es macht wenig Sinn, eine unbekannte Oper mit tumben Deutungen zu entstellen. Die Festspielleitung unter Operndirektor Peter Heilker setzt dieser Einfaltspinselei noch die Krone auf, indem das Libretto von Carlo d’Ormeville und Angelo Zanardini nicht in deutscher Sprache untertitelt wird. Offenbar vertraut Regisseur David Alden mit den wenig nuancierten Lichteffekten von Wolfgang Göbbel der überbordenden Symbolkraft seiner Lesart, die sich in einem heruntergekommenen Vergnügungspark mit integrierter Geisterbahn, Disney-Schloss und Pappfelsen entspinnt. Die Interpretationswut des Regieteams, die im düsteren Illusionsland die geistige Entrückung Loreleys sieht, ist derart ungezügelt, dass der Zuschauer eine Gebrauchsanleitung benötigt. Der Kulturpessimist sieht sich bestätigt: Ist das die amerikanische Sicht auf europäische Oper?
Der Sagenstoff um die schöne Loreley wäre dramatisch und böte genug Emotionen, die man vor der prachtvollen Stiftskirche in St. Gallen stimmungsvoll in Bilder packen könnte. Das arme Fischersmädchen Loreley wird von ihrem Geliebten Walter verlassen, weil der sich für die besser gestellte Anna di Rehberg entscheidet. Aus tiefster Verletzung lässt sie sich auf einen Pakt mit dem Rheinkönig ein und wird, ähnlich wie Goethes Faust, mit ewiger Jugend und Schönheit bedacht. Der Zweck: So will sie Rache nehmen an den Männern. Die Krux: Sie darf nur einem gehören, und das ist der unheimliche Geisterfürst aus dem kalten Nass. Der Plan geht auf, und Walter wird Loreley untertan. Er verlässt seine Anna während der Hochzeit, und diese stirbt an gebrochenem Herzen. Der Fluch fordert indes Walters Tod.
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Was Opernliebhaber und Festivalfans bei Aldens Sicht der Dinge zugemutet wird, sprengt jede Vorstellungskraft. Die Bühne ist so breit wie die Zuschauertribüne. Auf beiden Seiten stehen ein paar traurige Tannen und die veranschaulichen plakativ: Achtung, Deutschland! Auf diesem Feld und auf der Geisterbahn, die unmotiviert durchs Bild rollt, tummeln sich allerlei garstige Gestalten. Schwarz gekleidete Männer mit Melonen verkörpern böse Anwälte, die der gedemütigten Loreley einen Henkers-Vertrag unterjubeln wollen, ein unheimlicher Wirt, vermutlich aus dem Spessart, hat Hörner auf dem Kopf, das maskierte Volk, darunter auch biedere Beamte, trippelt in grotesken Trachtenkleidern durch die Szenerie und der Rheinfürst ist ein hyperaktiver Spastiker, der mit seinem Modell-Segelschiff spielt. Loreley wird anfangs gleich mehrfach gespiegelt: Man sieht sie als psychisch labile Frauen mit Borderline-Syndrom.
Nach der Verwandlung der braven Loreley in eine mondäne Diva im roten Paillettenkleid mit XXL-Schleppe, tritt diese Figur im letzten Teil des Dreiakters als Multiplikation ihrer selbst auf. Mit monströsem Puppenkopf und auf blutigen Tischen verzehren diese männermordenden Wesen die hörigen Matrosen. Und als ob das nicht längst genug des Unguten wäre, kommen Pappnasen wie Popeye und wild herumhüpfende Dörfler mit Luftballons ins Spiel. Die Personenführung mit der Choreinstudierung von Michael Vogt und der Choreografie von Beate Vollack ist entsprechend erratisch. Gerne würde man diesen wilden Haufen mit Ritalin ruhig stellen. Das Las-Vegas-Setting mit bunten Ballons und Glühbirnen ist indes bestens bekannt: David Aldens Landsmännin, die US-Regisseurin Lydia Steier, liebt das verrückte Varieté ebenso innig und setzt einer Prinzessin Turandot schon mal eine Riesen-Daisy-Duck-Schlaufe aufs Haupt oder lässt Osmin auf Pumps durchs Serail stöckeln. Warum diese Damen und Herren der Regie mit Preisen überhäuft werden, bleibt schleierhaft.

Die Oper Loreley, 1890 in Turin uraufgeführt, ist Alfredo Catalanis zweitletztes Werk. Es ist die Neufassung seiner Oper Elda von 1880, der die Gunst des Publikums nicht beschieden war. Zehn Jahre später und wesentlich gekürzt, wurde das Opus an verschiedenen Häusern gefeiert. Der Komponist, der vielen wegen seiner letzten Oper La Wally und der Arie Ebben? Ne andrò lontana bekannt ist, ging mit seiner Kompositionstechnik andere Wege als die Verismo-Titanen Puccini und Mascagni. Sein Stil gilt als lyrisch-romantisch und etwas introvertiert. In der Tat bediente sich der mit nur 39 Jahren verstorbene Künstler verschiedener Stilrichtungen aus diversen Epochen. Symphonische Klänge wechseln sich mit betörendem Belcanto, wagnerianischer Dramatik und folkloristischen Balletteinlagen ab. Man hört in der Musik das Wasser rauschen und die Nymphen flüstern. Catalani war kein Epigone, sondern gehörte vielmehr zu den Erneuerern, die dem Verismo skeptisch gegenüberstanden. Seine Loreley ist nicht nur vom Sagen-Stoff, sondern auch in punkto Rhythmik und Melodik eindeutig bühnentauglich. Umso mehr erstaunt, dass es sich in St. Gallen um eine Schweizer Erstaufführung handelt.
Die Abmischung und Portierung des Tons auf dem Platz vor der Kirche in St. Gallen ist eine weitere Zumutung. Das gilt zumindest für die Sitze oben rechts. Das Orchester wird für diese Produktion in einen nahe liegenden Saal verfrachtet, die Sänger werden verstärkt. Das Resultat ist ein ungenießbarer Hall und ein breiartiger, dröhnender Sound. Einzelne Instrumente wie Harfe oder Flöte des von Stefan Blunier geführten St. Galler Sinfonieorchesters lassen sich nur erahnen.
Die Beurteilung der Protagonisten ist lediglich ein Versuch: Sopranistin Ausrine Stundyte betört, wie kürzlich in Prokofievs Der feurige Engel in Zürich, mit einem unvergleichlichen Mezzo-Timbre und kraftvollen Bögen. Timothy Richards steht dem als Walter mit seinem luziden Tenor in nichts nach, er bleibt bis zum Schluss geschmeidig und flexibel. Richards Stimme, wie diejenige von Bariton Giuseppe Altomare, kommt im Männerduett im ersten Akt schön zur Geltung. Bei Altomare, der als Walters Gegenspieler Hermann auftritt, hat man jedoch den Eindruck, dass er in den Höhen forciert. Tatjana Schneider als Anna singt die Belcanto-Arien mit glockenklarem Sopran und verzückt mit feinsten Verzierungen.
Der Abend endet ohne Gewitter, dafür mit einem Niederschlag an Voten. Was bleibt, ist eine Ahnung von Catalanis wunderschöner Musik und ein Bild, wie sich, abseits der Bühne, Luftballons Richtung Himmel verabschieden. Das traurige Fazit: Die Opern-Produktion der zwölften St. Galler Festspiele geht baden und muss somit in Anlehnung ans Werk als ein Reinfall bezeichnet werden.
Peter Wäch