O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Mirjam Neururer - Foto © Tom Schulze

Die beste aller Welten

CANDIDE
(Leonard Bernstein)

Besuch am
24. Juni 2017
(Premiere)

 

Musika­lische Komödie der Oper Leipzig

Die Grund­these dieses Stückes lautet: „Die beste aller möglichen Welten ist angeblich die, in der wir leben“. Dieser Auffassung war jeden­falls der franzö­sische Philosoph und Schrift­steller Voltaire in seiner satiri­schen Novelle Candide oder der Optimismus, die die Basis für Leonard Bernstein gleich­na­miges Werk Candide ist. Eine Frage, die zeitlos ist und uns auch heute vielleicht noch mehr beschäftigt.  Bernstein war Zeit seines Lebens ein gesell­schafts­po­li­tisch denkender Mensch. In der Erstarrung der 1950-er Jahre, die die klein­bür­ger­liche Vorstadt­idylle der Nachkriegszeit als neuen „American Way of Life“ verkauften, ließ sich Bernstein von Voltaires beißender gesell­schafts­kri­ti­scher Ironie inspi­rieren. Er kompo­nierte eine Musik, die in ihrer bestechenden Mischung aus klassi­scher Operette, Musical und Komischer Oper – wie es der Komponist selbst einmal ausdrückte – eine „Liebes­er­klärung an die europäische Musik“ darstellt. Anders als in der West Side Story, dem ameri­ka­ni­schen Musical schlechthin, greift Bernstein in Candide auf die europäi­schen Operet­ten­tra­di­tionen von Offenbach bis Sullivan zurück. Die 1956 in New York urauf­ge­führte „Comic Operetta“ Candide ist neben der West Side Story und Trouble in Tahiti Bernsteins bekann­testes Werk, seine wohl kühnste Schöpfung für das Musik­theater und nach Aussage von Chefdi­rigent Stefan Klingele das Stück, das am besten in die Musika­lische Komödie passt.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Candide war in der Urfassung eine Operette in zwei Akten von Leonard Bernstein, die am 1. Dezember 1956 am Martin Beck Theatre in New York City urauf­ge­führt, jedoch nach 73 Vorstel­lungen abgesetzt wurde. Um das Stück für die Bühne zu retten, wurde es mit neuem Libretto und neuen Gesangs­texten zu einem einak­tigen Musical umgear­beitet. Das erlebte seine Urauf­führung am 8. März 1974 am Broadway Theatre in New York und brachte es auf 740 Vorstel­lungen. Die Fassung, die nun szenisch-konzertant an drei Abenden an der Musika­li­schen Komödie gegeben wird, ist die selten gespielte Origi­nal­fassung des Musicals mit Dialogen, die wesentlich kürzer ist als das große Werk Candide, das über einem Zeitraum von drei Jahrzehnten immer größer geworden ist. Der deutsche Text stammt von dem öster­rei­chi­schen Musik­kri­tiker Marcel Prawy. Bernsteins Candide ist doppel­bödige Unter­haltung auf höchstem Niveau und nach Aussage von Stefan Klingele „ein gefun­denes Fressen“ für das Orchester der Musika­li­schen Komödie. Außer den bekann­testen Genie­streichen des Stückes, wie der häufig in Konzert­sälen gespielten schwung­vollen Ouvertüre und Kunigundes virtuoser Juwelenarie gibt es neben Tänzen wilde, rauschende Musik und große Chorszenen, so dass die konzer­tante Aufführung des Werkes für ein äußerst leben­diges und humor­volles Musik­erlebnis steht mit der Fokus­sierung auf die Musik. Das Werk präsen­tiert einen rasanten Streifzug durch alle möglichen Formen europäi­scher Musik, zu denen natürlich auch zahlreiche Tanzrhythmen gehören. Angefangen von der brillanten Potpourri-Ouvertüre, die keinen Vergleich mit den besten Vorspielen von Suppé oder Offenbach zu scheuen braucht, über die karikierten Bachchoräle in Westfalen, das an einen verzweifelt absurden Don Carlos gemah­nende Autodafé oder die Juwelenarie der Kunigunde, Bernsteins humoris­tische Hommage an die Kolora­tur­schau­stücke der franzö­si­schen und italie­ni­schen Oper, bis hin zu dem an Johann Strauß gemah­nenden Ensem­ble­walzer gibt es kaum ein Opern- oder Operet­ten­format, das Bernstein hier nicht seiner eigenen Musik­sprache und Motiv­arbeit anpasst oder imitiert.

Stefan Klingele – Foto © Ida Zenna

Die Geschichte des Stückes ist verwirrend, kompli­ziert, abstrus und nicht immer nachvoll­ziehbar. Doch das ist unerheblich für die Kernaussage des Werkes, denn im Vorder­grund steht die Kernfrage: „Leben wir wirklich in der besten aller möglichen Welten?“ Candide und seine Geliebte Kunigunde, ihr Bruder Maximilian sowie die Dienst­botin Paquette werden es erleben. Sie müssen aus dem idylli­schen Westfalen fliehen und machen eine Reise um die ganze Welt, wo sie die unter­schied­lichsten Szenarien erleben. Krieg, Natur­ka­ta­strophen wie das große Erdbeben von Lissabon, Piraterie, Ausbeutung und Betrug, aber auch mensch­liche Nieder­tracht, Sklaverei und Missbrauch müssen sie erdulden. Selbst von der Inqui­sition bleiben sie nicht verschont. Diese Welt ist hart, ungerecht und grausam! Die beste aller möglichen Welten? Candide und Kunigunde gehen ihren Weg und finden am Schluss wieder glücklich zusammen, die Liebe hat über alle Grausam­keiten gesiegt.

Cusch Jung und Frank Schmutzler haben dieses Stück szenisch minima­lis­tisch einge­richtet, nur wenige Requi­siten dienen den Protago­nisten zur Unter­stützung, im Mittel­punkt steht die musika­lische und sänge­rische Darbietung. Und das tut der Darbietung auch gut, denn das Ensemble muss da schau­spie­le­risch auf höchstem Niveau agieren, und viele der kleinen Neben­rollen werden mit großem Engagement von Mitgliedern des Chores der Musika­li­schen Komödie übernommen. Heraus­ragend in der Darstellung die Kolora­tur­so­pra­nistin Mirjam Neururer in der Rolle der Kunigunde, und das nicht nur wegen der berühmten Juwelenarie, die sie mit perlenden Kolora­turen, spitzen und sauberen Höhen und fast schon kindlich-naivem Ausdruck bravourös meistert. Jeffery Krueger, der mit seinem leichten Operet­ten­buffo eine Ideal­be­setzung des Candide ist, überzeugt nicht nur mit gefühl­vollem Gesang und einem angenehm baritonal gefärbtem Timbre, sondern stellt auch die persön­liche Entwicklung des Charakters dieser Figur während seiner langen Reise mit vielen Hinder­nissen szenisch gut heraus. Angela Mehling kann ihre ganze Routine in die unter­schied­lichen Facetten der Figur der Paquette legen, während Sabine Töpfer als Alte Dame musika­lisch und mimisch dem Affen Zucker gibt. Hinrich Horn überzeugt mit kräftigem Bass-Bariton in der Doppel­rolle als Maximilian und als Großin­qui­sitor, während der Tenor Andreas Rainer in der Doppel­rolle Gouverneur und Kanni­balen-König vor allem seine komische Seite zeigt und sich der Lacher aus dem Publikum gewiss sein darf. Milko Milev führt als Voltaire wie ein Erzähler durch das Stück und gibt selbst den Gelehrten Doktor Pangloss, Voltaires Alter Ego. Durch die witzig vorge­tragene Erzähl­weise kann der Zuschauer einer­seits der teilweise absurden Handlung so einiger­maßen folgen, anderer­seits ist das die ideale Form bei einer konzer­tanten Fassung.


Der Chor der Musika­li­schen Komödie unter der Leitung von Mathias Drechsler hat sich hier durch seine Sprit­zigkeit und die formi­dable Übernahme vieler kleiner Rollen ein Extralob verdient. Die Spiel­freude an dem sicher eher ungewöhn­lichen Werk ist allen deutlich anzusehen. Klingele seiner­seits scheint auch ganz in seinem Element zu sein. Mittler­weile ausge­wie­sener Spezialist für das Genre Operette, holt er hier etwas Broadway-Glanz an die Dreilin­den­straße. Seine Inter­pre­tation der Ouvertüre, die ja schon viele Motive vorweg­nimmt, muss den Vergleich zur Einspielung durch den Kompo­nisten von 1989 nicht scheuen. Und Klingele lässt nicht nur feurige Rhythmen und wilde Tänze erklingen, er begleitet die Sänger in ihren Arien, Duetten und Ensembles unter­stützend. Das Orchester der Musika­li­schen Komödie zeigt wieder einmal, dass es auch weit über das klassische Reper­toire von Operette und Musical hinaus keine Vergleiche scheuen muss. Ein Sonderlob an diesem Abend haben sich Jens Junge für die Beleuchtung und Tobias Finke für die technisch saubere Tonab­mi­schung verdient.

Das Publikum im nicht ganz ausver­kauftem Haus nimmt nach zwei Stunden das Werk mit großer Begeis­terung auf, es gibt einhel­ligen Jubel für die Haupt­ak­teure und den Dirigenten. Leider wird das inter­es­sante, aber selten gespielte Werk nur dreimal im Rahmen der jüdischen Woche 2017 in Leipzig gegeben. Aber vielleicht gibt es ja ein Wieder­hören in der kommenden Spielzeit, Bernsteins Candide ist tatsächlich wie für die Musika­lische Komödie Leipzig gemacht.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: