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UNVERHOFFTES WIEDERSEHEN
(Alois Bröder)
Besuch am
24. Juni 2017
(Uraufführung)
Zeit, Vergänglichkeit, Ewigkeit sind Themen, mit denen sich Menschen immer wieder beschäftigen. Auch die dreiteilige Kammeroper von Alois Bröder Unverhofftes Wiedersehen befasst sich damit. Sie rückt den Stoff, den der Komponist Johann Peter Hebels 1811 entstandenen Kalendergeschichten entnommen und nach dem er ein stark an Hebels Sprache orientiertes Libretto geschrieben hat, in die Nähe eschatologischer Aussagen.
Sein Text und damit die Gliederung des Ganzen scheinen irgendwie „aus der Zeit gefallen“, und das ist auch ein wenig zu spüren an der Inszenierung von Markus Weckesser. Was Hebels kurze Erzählung auszeichnet, die schon mehrere Dichter und Komponisten zu Nachschöpfungen anregte, ist die Geschichte hinter der Geschichte; sie handelt von einem Bergmann, der bei einem Grubenunglück verschüttet wird und stirbt, aber nach 50 Jahren in konserviertem Zustand wiedergefunden und nur von seiner treuen Verlobten, die ihm ewige Liebe geschworen hat, wiedererkannt wird. Zwar geht alles auf ein reales historisches Ereignis im schwedischen Falun im 17. Jahrhundert zurück, doch Hebel legt seinen „moralischen“ Zeigefinger auf die alle Zeiten überdauernde Liebe, die auch der Tod nicht zu zerstören vermag. Der anfängliche Trennungsschmerz geht über in den Glauben an die Auferstehung, und im Epilog, betitelt Der Komet, endet die 75 Minuten dauernde Oper mit den beschwörenden, besänftigenden Worten des Chors … in Gottes Hand. Der Prolog Die Erde aber beginnt das dreiteilige Geschehen der Kammeroper mit dem Blick vom Standpunkt des Menschen aus, der nicht merkt, dass er vorwärtskommt, obwohl er sich in zeitlich endlicher Bewegung befindet; denn Sonne und Sterne scheinen ihm unveränderlich. Prolog und Epilog werden von einem Sprecher und dem Chor als stimmlichem Kommentator begleitet. Erst mit den drei etwa gleich großen Teilen Der Abschied, Der Totentanz und Das Wiedersehen beginnt die auf Weniges konzentrierte Handlung mit dem Liebespaar Anna und Mathias, dem Pfarrer und dem personifizierten Tod. Der Chor wirkt hier mit als Bergleute und Dorfbewohner. Im Mittelteil werden wie im Zeitraffer 50 Jahre damals in Übertiteln angezeigt, angefangen vom Erdbeben in Lissabon bis zur Bombardierung Kopenhagens durch die Engländer; an den Seiten aber gibt es gleichzeitig Video-Projektionen zum Thema Vernichtung aus den vergangenen 50 Jahren des 20. und 21. Jahrhunderts sowie einen kleinen Film mit Szenen aus Annas Leben nach der Katastrophe sowie Sequenzen über Wachstum und Verfall in der Natur. Hier wird Bezug genommen auf unsere Gegenwart und auf Überzeitlichkeit, in der Werden und Vergehen ein normaler Prozess sind.
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| Regie | ![]() |
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Warum aber hat Alois Bröder, Jahrgang 1961, gebürtig aus Darmstadt, Schüler von Manfred Trojahn, ebenso ausgebildet in elektronischer Musik, wiederholt mit Auszeichnungen bedacht für seine Orchesterkompositionen, die auch international aufgeführt wurden, nach seiner ersten Oper Die Frauen der Toten, 2013 am Theater Erfurt aufgeführt, nun für das Mainfranken Theater Würzburg seine zweite Oper geschrieben? Sie ist ein Auftragswerk, angeregt durch den damaligen Würzburger Intendanten Hermann Schneider, der nun am Landestheater Linz wirkt und dort Anfang 2018 das Werk auch zeigen wird. Warum Bröder zu diesem Stoff von Hebel gekommen ist, hat einen tieferen Grund. „Ich mag keine riesenhaften Texte; der Text soll Raum lassen für das, was ich will; ich mag keine äußerlich verwickelten Handlungen; das lenkt nur ab von der Musik“, sagt er. Die Idee zur Oper hatte er schon lange vor Erfurt. Er will dabei zwei Momentaufnahmen aus dem Leben zeigen; dazwischen liegt eine lange Zeitspanne. Diesen Zeitsprung aber müsse man visualisieren, sagt Bröder, der die Proben in Würzburg oft besucht und dabei noch eigene Ideen eingebracht hatte. Bei seiner Musik denkt er immer ans Publikum, möchte sich aber nicht anbiedern. Das Orchester, nicht groß, aber praktisch solistisch mit 16 Musikern besetzt, soll die Zuhörer „nach innen“ führen mit einer atmosphärisch intimen Musik, die irgendwie nach Bekunden ihres Schöpfers „kristallinen Charakter“ aufweist, im ersten und dritten Teil „Zeit-Weichen“ stellt als „suchend-atmende, fermatendurchsetzte Erinnerungstakte“ und eher flächige, ruhige, lange Linien aufweist mit transparenten Klang-Stimmungen. Erst zur geplanten Hochzeit verliert die Musik bei der Ansprache des Pfarrers ihre Ruhe; ebenso finden sich gelegentlich heftigere Entladungen bei Vorausdeutungen auf das künftige Schicksal und dann beim Grubenunglück. Im Mittelteil, in den laut Bröder die Welt hineingelassen wird, ist es vorbei mit dem intimen Ton; da gibt es Grelles, Aufgewühltes. „Die Tempi sind zumeist deutlich schneller, die Zeit mahlt, reißt alles mit … Motive dieses Strudelartigen reichen dann gelegentlich in den dritten Teil hinein“, erzählt der Komponist. Das Wiedersehen enthält dann „ein längeres Verebben“ und eine Korrespondenz zum Beginn. „So kehrt die anfängliche Sternenmusik im Epilog wieder, mannigfaltig verändert und lange auslaufend. Das Geheimnis der Zeit, die zu Ende geht und einem Neubeginn entgegenstrebt.“

Dass das ganze Werk, eine Kammeroper, vokal überschaubar, anfangs von Böder auch für die Aufführung in einer Kirche gedacht war, ist nicht zu verleugnen. Es hat etwas Oratorienhaftes durch die auch musikalisch bestimmende Rolle des Chors. Regisseur Weckesser siedelt es nun auf der Hauptbühne des Würzburger Theaters an, und die Zuhörer sitzen dort um die Spielfläche herum; eine Seite wird vom Orchester eingenommen. Durch die Kostüme von Götz Lancelot Fischer wird das Geschehen ins 19. Jahrhundert und durch die vorherrschenden Grautöne in eine arme Arbeiterschicht verortet. Lediglich der Tod als Person erscheint ganz in Rot, und am Schluss Anna als alte Braut im romantisch weißen Kleid. Einziges Zugeständnis an eine schöne Zukunft: das gelbe Blumensträußchen, das sich Anna ansteckt. Das Bergwerk, im dem Mathias umkommt, wird mittels der Hebebühne sichtbar. Ansonsten bewegen sich die Bergleute und Dorfbewohner passend zur Musik meist langsam; es gibt keine schnellen oder hastigen Abläufe; nur der Tod scheint ungehemmt, malt mit Kreide einen Lebensweg auf den schwarzen Boden. Die „Überbrückung“ der 50 Jahre, in denen Anna auf ihren Verlobten wartet, wird auf der Spielfläche ausgefüllt, indem sie am Schminktisch durch die Maskenbildnerin Natalja Krylova von einer jungen in eine alte Frau verwandelt wird, während auf den Bildschirmen die Videos von Nikolai Kröhnert ablaufen und der Chor im Raum zwischen dem Publikum lange choralartige Linien singt. Ganz zum Schluss senkt sich dann ein Komet, ein sperriges Gebilde, blau und grün angestrahlt, ein wenig herab, optisch kein so geglückter Einfall. Doch durch das gemessene, getragene Spielgeschehen in der Mitte, bei dem das Liebespaar Anna, Silke Evers, und Mathias, Roberto Ortiz, überzeugend und doch zurückhaltend seine Gefühle zeigt und auch noch berührend singt, rückt weniger das Optische, sondern eher der musikalische Ausdruck in den Vordergrund. Dabei bildet der Tod, stimmlich stark: Daniel Fiolka, farblich wie auch von der Bewegung her eine Ausnahme. Der Pfarrer, Taiyu Uchiyama, ist dabei eher eine Nebenfigur, während Georg Zeies als Sprecher aus dem Hintergrund sozusagen die Fäden zieht. Hervorragend in den feinen Abstufungen des Gesangs und stets beschäftigt im angedeuteten Spiel sind der Opernchor, einstudiert von Anton Tremmel, und das äußerst präzise, solistisch klangschön agierende Philharmonische Orchester Würzburg unter der hochkonzentrierten Leitung von Enrico Calesso.
Am Ende zuerst Stille im nur halb besetzten Auditorium bei der Premiere, dann aber lange Begeisterung für diese geglückte Uraufführung. Ob sich das Werk aber auf den Opernspielplänen halten wird, ist abzuwarten, denn so handlungsarme Stücke sind heute nicht ganz so gefragt.
Renate Freyeisen