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OTELLO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
28. Juni 2017
(Live-Übertragung)
Aus der Royal Opera Covent Garden, London, ins Schlosstheater Münster
Normalerweise fristen die Liveübertragungen aus der Royal Opera Covent Garden ins Schlosstheater in Münster ein eher ruhiges Leben. Das mag vor allem dem Sendetermin geschuldet sein, der immer unter der Woche liegt. Aber was ist schon normal, wenn Jonas Kaufmann singt? Am Mittwochabend ist der Kinosaal zwar nicht ausverkauft, aber mehr als gut gefüllt. Kaufmanns Debütvorstellungen als Otello an der Royal Opera Covent Garden stoßen nicht nur in London auf großes Interesse. Die Rolle ist für ihn, so berichtet er im Interview, ein persönlicher Mount Everest seiner Partien, und das spiegelt sich in seiner Interpretation auch wieder. Den Gipfel erklimmt er, aber er scheint selbst vorerst nur gucken zu wollen, wie die Aussicht von dort ist.
Vielleicht wäre ein anderer Regisseur als Keith Warner besser für ihn gewesen. Einer, der ihm hilft, Raserei zu entwickeln, loszulassen, eine Grenze zu überschreiten. Allerdings ist eine klassische Inszenierung, wie Warner sie dem Publikum vorsetzt, ein guter Kompromiss für die Konzentration. Für die Zuschauer vor der Leinwand dagegen ist das düstere Szenario eher mühsam, da die Kameraregie von Jonathan Haswell sich mühen muss, die überwiegend nächtliche Optik für die Leinwand attraktiv zu machen. Da rettet er sich in viele Nahaufnahmen der Gesichter, was für Sänger immer sehr undankbar ist. Gesangstechnisch interessierte Beobachter dagegen mögen die Lage der Zunge beim Singen oder die Lippenformung für die Vokale ansehnlich finden. Aber was soll man machen, wenn auf der Bühne recht konstruiert wirkende Gänge samt Standardgesten geboten werden? Die wenigen sehenswerten Details werden ausgeschöpft. Beispielsweise der tiefblaue Mantel von Otello im letzten Akt, ein Höhepunkt in Kasper Glarners sehr ordentlichen, wenn auch nicht umwerfenden Kostümentwürfen. Boris Kudlickas Bühnenbild wird im Kino dann auffällig, wenn Lichtdesigner Bruno Poet auch mit hellen Farben arbeitet. Ansonsten sind seine sehr beweglichen Wände mit Schießschartenoptik kaum aussagekräftig. Warner selbst orientiert sich in kleinen Details viel an Shakespeare. So wird Jago – das kommt auf der Opernbühne tatsächlich selten vor – am Ende verhaftet.
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Marco Vratogna, der recht kurzfristig für Ludovic Tezier in die Produktion eingestiegen ist, bemüht sich in dieser schlimmsten aller Schurkenrollen um eine differenzierte Darstellung. Im Schauspiel gelingt ihm das besser als im vokalen Bereich, selbst wenn er die Rolle dankenswerterweise nicht bellt, sondern auch viele Farben anbietet. Aber sein wenig attraktiver Bariton lässt da doch manchen Wunsch offen. Von den Nebenrollen gibt es nichts Negatives zu berichten. In Sung Sim singt den Lodovico vehementer als sein weißes Edelkostüm vermuten lässt. Simon Shibambu und Thomas Atkins mischen als Montano und Rodergio voller Spiel- und Sangesfreude mit. Kai Rüütel muss sich als Emelia mit einer Frisur zeigen, die dem Star-Wars-Universum entsprungen sein könnte. Ihr Gesang kann sich aber mehr als nur hören lassen. Frédéric Antoun ist ein Cassio aus dem Bilderbuch. Der Chor unter der Leitung von William Spaulding muss sich im ersten Akt erst steigern, um dann endlich im dritten Akt wirklich im Klangbild geschlossen zu sein.

Dieser ganz klassischen Besetzung steht da ein ganz anderer Otello gegenüber als unsere Hörgewohnheiten kennen. Achtet man nur auf die vokale Bewältigung, so braucht Kaufmann tatsächlich keinen Vergleich scheuen. Das ist vom Legato bis zu den Spitzentönen ein Genuss. Vielleicht ist alles ein bisschen zu konzentriert, denn selten ist ein Otello in seiner Raserei so ungefährlich wie Kaufmann. Da steht eben Jonas Kaufmann auf der Bühne und singt. Er könnte gerade auch Don José oder Pagliacci singen. Bis auf wenige Momente im dritten Akt trifft er nicht den Nerv der Rolle, so wie es andere gemacht haben, die ein bisschen mehr losgelassen haben und vielleicht nicht ganz so schön gesungen haben. Aber das kann im Laufe der nächsten Jahre ja noch kommen. Und während alle auf den Debütanten achten, singt sich Maria Agresta als Desdemona ganz klammheimlich in die Herzen. Von der Regie kaum gefordert, bleibt sie eben eine ganz liebe Frau und singt sich dabei alle Emotionen, die man in der Rolle entdecken könnte, von der Seele und das im schönsten Schwebezustand.
Ganz wenige Schärfen im Ton können auch der Tonübertragung geschuldet sein, die an diesem Abend nicht ganz so ausgefeilt klingt wie sonst. Vielleicht bleiben einige Details im Orchester der Royal Opera deshalb so versteckt, obwohl man weiß, dass ein Dirigent wie Antonio Pappano sie einfordert. Der Hausherr fühlt sich wie immer auf dem Verdi-Terrain sehr wohl, lässt die Musik stürmen und einfrieren, lässt sie knistern und wüten. So bekommt dann manche Szene mehr Dramatik als die Bühne glauben lässt.
In Münster ist das Publikum, wenn die Agresta ihr Ave Maria gestaltet, so still, dass man sogar einen Sessel leise quietschen hört. Ein Fan in London unterbricht diese greifbare Spannung nach ihrem letzten Ton, als er in diese Ruhe vor dem Sturm ihren Namen hineinbrüllt. Während in London die Musiker gefeiert werden, rettet sich das Publikum in schüchternes Klatschen. Ansonsten müssen die Emotionen des Abends in den Gesprächen danach rausgelassen werden. Fast alle sind bis kurz vor Mitternacht im Kino geblieben. Die Oper ist angekommen in den Herzen. Das sieht man, und das ist das Wichtigste.
Christoph Broermann