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Jetzt sind sie also da, die neuen Residenzkünstler, die im Tanzhaus NRW factory artists genannt werden. O‑Ton hat sie bereits vorgestellt. Als erster stellt sich Choy Ka Fai dem Düsseldorfer Publikum mit der Uraufführung Dance Clinic vor, die er bereits im Vorfeld seiner Residenz erarbeitet hat und die deshalb auf Englisch stattfindet.
Alle drei Residenzkünstler sind englischsprachig. Sie sind für die kommenden zwei Jahre eingeladen, das Tanzhaus als Recherche‑, Produktions- und Aufführungsort zu nutzen. Außerdem sollen sie „neue Impulse in das Tanzhaus hineintragen“, erhofft sich die Produktionsstätte für zeitgenössischen Tanz. In gewisser Weise haben sie das bereits geschafft, indem sie das Tanzhaus auffordern, sich mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu beschäftigen und dafür eine Lösung zu finden. Und die kann nicht heißen, wer uns und unsere Arbeit in Düsseldorf verstehen will, muss Englisch können. Englisch als kleinster gemeinsamer Nenner kann in einer Gesellschaft, die zwar zunehmend internationaler wird, aber eben immer noch zu einem Großteil aus deutschen Bürgern besteht, die zu wiederum großen Teilen allenfalls über mittelmäßige Schul-Englischkenntnisse verfügen und auch gar nicht die Notwendigkeit sehen, sich mit mehr auseinanderzusetzen, auf Dauer kaum funktionieren. In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass wegen der „Gastarbeiter“ die allerwenigsten Kölner Türkisch oder Italienisch gelernt haben.
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Choy Ka Fai zeigt an diesem Abend schon mal eindrücklich, dass es mit der vielbeschworenen internationalen Sprache des Tanzes nicht getan ist. Denn der „Tanzabend“ ist ein Werbevortrag für seine Tanzklinik. Die basiert auf einem uralten Menschheitsirrglauben. Wenn wir nur genau genug beobachten, Daten sammeln, auswerten und interpretieren, können wir perfekte Maschinen schaffen, die uns die Arbeit abnehmen und erheblich besser erledigen, als Menschen das jemals könnten. Choy überträgt das im digitalen Zeitalter auf die Suche nach dem perfekten Choreografen, indem er gewaltige Datensammlungen anlegen lässt, die von Computern ausgewertet werden. All das trägt der Tanzdoktor, wie er sich selber nennt, anhand einer überdimensionalen Präsentation vor, die in eine gerade beginnende Zukunft verweist, indem sie viel Dreidimensionalität verwendet. Das ganz große Thema bei den Software-Firmen, das Microsoft gerade mit der neuesten Ausgabe seines Betriebssystems angeht. Noch sieht das alles ein wenig rudimentär aus, aber die Richtung ist klar. Und eindrucksvoll ist allemal, was die Designer Yusuke Kimura, Brandon Tay und Ryoya Fudetani unter Beratung von Mi You präsentieren.
Nur eben nicht für Menschen, die gekommen sind, um Tanz zu sehen. Da ist es gut, dass der Tanzdoktor zwei „Fallstudien“ mitgebracht hat. Ganz in schwarz und von Kopf bis Fuß verkabelt, tritt die Kölnerin Tänzerin und Choreografin Susanne Grau vor die Riesenleinwand. Wunderbar, wie sie – ebenfalls mit dem Hilfskonstrukt Englisch, warum eigentlich – deutlich macht, warum aller Glaube in die Technik ein Irrglaube bleiben muss. So richtig versteht sie nämlich nicht, was der Tanzdoktor von ihr will. Und damit sind alle Messungen für die Katz‘, führen entsprechend zu absurden Ergebnissen. So einfach ist das mit dem perfekten Choreografen, Zahnarzt, Ingenieur. Es wird sie alle nicht geben.

Choy führt unterdessen seine Tanzklinik munter und unverdrossen weiter. Nachdem die erste Fallstudie gnadenlos versagt, er sie aber rhetorisch in einen Erfolg umwandelt, kann er auch die zweite Fallstudie präsentieren. Und eröffnet damit das nächste Diskussionsfeld. Unaufrichtige Kommunikation mag zwar zu kurzfristigen Erfolgen führen. Zu einer Systemänderung, die eine echte Verbesserung bewirken könnte, führt sie niemals. Stattdessen – und hier gibt es ja etliche Beispiele aus der Gegenwartspolitik – ist es zwingend notwendig, Außenstehende auf das System einzuschwören, damit alles weiterläuft wie gewünscht. Und so wird „Fallstudie X“, der Tänzer Darlane Litaay aus Westpapua, gleich dazu verdonnert, die volkstümliche Tracht, in der er auftritt, abzulegen, um sich in das europäische System – und damit das „Messbare“ – einzufügen. Dass Litaay nach einigen Demonstrationen den „Trance-Meter“ sprengt und mittels heimischer Masken in die heimische Versenkung zurückfindet, macht Mut. Auch wenn den Tanzdoktor die Rückkehr in die Tradition offensichtlich vergrault.
Denn statt sich selbst der Kritik des Publikums zu stellen, lässt Choy Ka Fai die Beteiligten an dem Werk als Atavare auf der Leinwand auftreten. Und das Publikum sagt deutlich: Das wollen wir nicht. Blassester Applaus, um es freundlich auszudrücken, beschließt einen Abend, der mit einem zu hohen Anteil an Computertechnik und einem zu geringen Anteil an tänzerischer Leistung zwar gesellschaftlich relevante Fragen aufwirft, ohne sie dann allerdings wirklich auf den Punkt zu bringen. Aber der kritische Ansatz stimmt. Und wenn es dem sympathischen Choreografen und Designer gelingt, innerhalb der kommenden zwei Jahre seine Leistungen stärker zu pointieren – eine Fähigkeit, die ja in Düsseldorf durchaus erlernbar ist – werden wir sicher noch aufregende und intelligente Arbeiten von ihm erwarten dürfen. In diesem Sinne trotz mancher Schwächen: Herzlich willkommen in Düsseldorf, Choy Ka Fai.
Michael S. Zerban