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DIE GEZEICHNETEN
(Franz Schreker)
Besuch am
1. Juli 2017
(Premiere)
Das Drama vom hässlichen Mann war immer ein Stoff, der die Fantasie vieler Künstler angeregt hat, vom Glöckner von Notre Dame bis zum Phantom der Oper. Kein Geringerer als Alexander von Zemlinsky hat ein solches Libretto beim gleichaltrigen Franz Schreker angeregt, um dann gleich selbst einen solchen Stoff mit seiner Kurzoper Der Zwerg zu vertonen.
Es ist schon eine recht wüste und vor allem wirre Geschichte, die Schreker hier in Die Gezeichneten erdacht und zu einem Libretto verarbeitet hat. Ursprünglich für von Zemlinsky als Kompositionsgrundlage gedacht, vertonte er sie dann lieber doch selbst. Schrekers Fantasie schafft eine sinnlich-gewalttätige Renaissancegeschichte und behandelt wie schon im Fernen Klang die Künstlerproblematik, ein Leitmotiv der Schrekerschen Dramaturgie. Eine Insel des Glücks wollte Alviano mit Elysium schaffen, doch es wurde ein Ort des Verderbens. Denn auf dieser Liebesinsel bei Genua feierte bald die junge Aristokratie ihre Orgien, oft mit entführten Frauen. In diese schwüle Atmosphäre verwebt Schreker die Tragödie eines Mannes Alviano und einer Frau Carlotta, die durch den Konflikt von Leben und Kunst bestimmt werden. Beide suchen eine Sublimierung der Wirklichkeit und einen Ersatz für die entgangene Sexualität, sie in der Malerei, er in seinem künstlichen Paradies. Als Gegenpol dazu erscheint der kraftstrotzende, seine Triebe auslebende Tamare, der den brüchigen Schutzwall aus narzisstischer Kunstwelt und esoterischem Triebverzicht brutal durchbricht. Der Schluss des Geschehens ist, dass die weibliche Schönheit nicht dem männlichen Edelmut zugehöre, sondern dessen brutaler Kraft. Die Uraufführung fand in Frankfurt/Main 1918 statt.
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Lange galt Franz Schreker neben Richard Strauss als der erfolgreichste, lebende Komponist im deutschsprachigen Raum bis die Nazis seine Werke als „entartet“ brandmarkten und verboten und dessen Schöpfer selbst zu den Gezeichneten zählte. Deshalb wurde dem Triumphzug dieser Oper, die sofort auf vielen Bühnen nachgespielt wurde, auch ein jähes Ende bereitet. Obwohl auch heute wieder nur selten gespielt, gilt das Werk als eine der aufregendsten Opern des 20. Jahrhunderts, dessen Klangsinnlichkeit regelrecht süchtig machen kann. Die große Szene der beiden Titelfiguren Alviano und Carlotta im Atelier der Malerin zählt zu den Höhepunkten des Musiktheaters überhaupt. Die Neigung zu klanglicher Opulenz leitet sich aus dem Sujet ab, das in seiner von Erotik geschwängerten Atmosphäre eine solche musikalische Umsetzung geradezu herausfordert.
Jetzt kehrt die Oper Die Gezeichneten dorthin zurück, wo sie ursprünglich 1914 uraufgeführt werden sollte, was jedoch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte: nach München, wo sie seit rund 95 Jahren nicht zu sehen war, zur diesjährigen Eröffnung der Münchner Opernfestspiele.

Krzysztof Warlokowski, der an der Staatsoper schon Tschaikowskys Eugen Onegin und Strauss Die Frau ohne Schatten inszenierte , verlegt die krause Handlung ins Heute. In einer kühlen, mit viel Metall aber recht ästhetisch ausgestatteten Halle inklusive einer Bar, in der immer wieder Elemente eingeschoben oder heruntergelassen werden, die Ausstattung stammt von Malgorzata Szczesniak, herrscht eine eiskalte Atmosphäre. Und es wird dem Publikum immer wieder mit Wänden der Spiegel vorgehalten. Der polnische Regisseur spart nicht mit Tiefenpsychologie, Symbolik, kunsthistorischen Anleihen, wie Schaukästen mit liegenden Figuren oder nachgestellten Bildern und Videoeinspielungen wie auch filmgeschichtlichen Anspielungen von Horrorfiguren wie beispielsweise den Golem, Frankenstein, oder Nosferatu. Gerade letztere erscheinen entbehrlich und lenken sehr vom Bühnengeschehen ab. Die Bevölkerung von Genua wird als anonyme Masse überflüssigerweise mit Mäuseköpfen dargestellt. Ein Boxring in einem Bild soll wohl die Männlichkeit mancher Protagonisten und den Lebenskampf symbolisieren. Ein spärlich bekleidetes Ballett und eine üppige, fast nackte Tänzerin soll im Elysium wohl die Erotik unterstreichen. Viele seiner Ideen sind jedoch schwer zu entschlüsseln.
Musikalisch pumpt Schreker seine Musik für die Sänger voll deklamatorischer Parlando-Energie à la Salome. Die melodische Gestaltung der Stimmen stellt höchste Ansprüche an die Sänger: Catherine Naglestad als schöne und von zwei Männern umschwärmte Carlotta singt sie mit kraftvollen wie auch feinen Tönen ihres emotional innig berührenden Soprans, von ätherischem Pianogesang bis hin zu den glühenden Leidenschaften. Solide hört man Alastair Miles als ihren Vater Lodovico Nardi. John Daszak als Gezeichneter und am Kopf mit Wucherungen hässlich entstellter Alviano ist mit hellem, flexiblem, nur bei manchen absoluten Spitzentönen etwas engem Tenor intensiv zu vernehmen. Christopher Maltman gibt einen ungemein virilen Frauenheld Graf Tamare mit kernigem, stimmkräftigen Bariton. Tomasz Konieczny ist als stimmgewaltiger, präsenter Herzog Adorno und als Capitano di giustizia zu erleben. Von den vielen Nebenrollen stechen noch Heike Grötzinger als Martuccia, Dean Power als Pietro und der sparsam eingesetzte Chor hervor.
Schrekers rauschende Klangsinnlichkeit seiner dritten Oper, hinter der sich die wagemutigste Partitur der damaligen Zeit verbirgt, wird vom Bayrischen Staatsorchester mit seinem großen Orchesterapparat unter dem Haus-Debütanten Ingo Metzmacher mit sehr ausgefeilten Klangmischungen und Freude am Detail wiedergegeben. Dabei taucht der Dirigent den Pinsel voll inspiriert ganz tief in den Eimer der strahlendsten Orchesterfarben.
Jubel und viele Bravi für Dirigent, Orchester und Sänger, aber auch etliche heftige Buhs für den Regisseur.
Helmut Christian Mayer