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Zu Tode amüsiert

AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY
(Kurt Weill)

Besuch am
1. Juli 2017
(Premiere)

 

Natio­nal­theater Mannheim

Welche zerstö­re­ri­schen Kräfte von deregu­lierten Markt­mächten ausgehen, das wussten Bertolt Brecht und Kurt Weill schon vor bald 90 Jahren musik­dra­ma­tisch umzusetzen. Der Reiz ihrer Oper liegt nach wie vor in der sarkas­tisch genauen, Senti­men­ta­lität als Mittel zum Zweck ironisch ausstel­lenden, dabei von morali­sie­renden Schuld­zu­wei­sungen freien sprach­lichen und musika­li­schen Diktion, die ebenso wenig Berüh­rungs­ängste mit dem großen Publikum wie quali­tative Kompro­misse kennt. Am Natio­nal­theater Mannheim gelingt ein perfekt gemachter, über weite Strecken kulina­risch-kurzwei­liger Ranschmeißer. Der Abend vergeht im Flug.

Das Vorspiel wird zur Filmmusik für eine auf den Eisernen Vorhang proji­zierte, beinahe holly­wood­reife Verfol­gungsjagd mit ameri­ka­ni­schen Limou­sinen, bei der das Ganoventrio Begbick, Dreiei­nig­keits­moses und Fatty einen Polizisten mit dem Revolver nieder­streckt, in die Wüste entkommt, wo es die für die Oper namen­ge­bende Spiel­hölle und Bordell­me­tropole gründet. Wenn dann als Prolog und zwischen den einzelnen Szenen eine Confé­ren­cière in schwarzem Büsten­halter, Frack und Zylinder die Bühne betritt, Showgirls sich lasziv räkeln, an Flitterkram nicht gespart wird, Nacht­club­at­mo­sphäre dominiert, scheint der Abend szenisch auf ein Musical von Sondheim oder Kander hinauszulaufen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Regisseur Markus Dietz lässt die Sänger­dar­steller mit großer Selbst­ver­ständ­lichkeit agieren. Dennoch gewinnen die Figuren zunächst wenig Plasti­zität, das gilt selbst für eine Parade­rolle wie die der Begbick. Alle – Jenny Hill und Jim Mahoney nicht ausge­nommen – sind irgendwer oder irgend­jemand. Greifbar wird erst der zum Tod verur­teilte Mahoney in seiner Angst vor dem Hinrich­tungs­morgen. Mit ihm Jenny, deren Überle­bens­in­stinkte Oberhand über ihre Empfin­dungen für den Freier und Geliebten erringen und sich zum Wider­sprüche aushal­tenden Profil schärfen. Die Blicke, mit denen Jenny abwech­selnd den Todes­kan­di­daten und die Banknoten in ihren Händen fixiert, bleiben haften. Das Finale wird zum Fanal. Die Musical­at­titüde ist erledigt. Mahoneys Exekution und ihre Folgen steigern sich zur Strenge eines Bachschen Orato­riums. Chor und überle­bende Solisten treten vor den Eisernen Vorhang, um in gewaltig pochendem Hymnus zu verkünden, der Mensch müsse nicht erst durch Natur­ka­ta­strophen hinge­rafft werden, die Spaßge­sell­schaft besorge den Abgang selbst­tätig. Unter­dessen zeigt die Livekamera, wie sich auf der Haupt­bühne die Showgirls von den Strapazen ihres Auftritts erholen, während die Confé­ren­cière den Hinge­rich­teten mustert.

Das äußerst wandelbare Bühnenbild von Ines Nadler bedient mit bühnen­por­tal­hohen Goldla­metta-Fransen samt einem monumen­talen wechselnd weißen und schwarzen M gleicher­maßen die Schlüs­sel­reize wie auch den Macht­an­spruch des Amüsier­be­triebs. Unentwegt wird die Mannheimer Ober- und mehr noch die Unter­ma­schi­nerie betätigt, letztere vor allem sorgt mit schiefen Ebenen, die Gelegenheit für Auftritte aus dem Unter­grund schaffen, für starke optische Effekte.

Vera Lotte-Böcker als Jenny Hill – Foto © Hans Jörg Michel

So selbst­ver­ständlich wie sich die Videos und Projek­tionen von Thilo David Heins ins Bühnen­bild­konzept fügen, ist das selten zu sehen. Die Gewalt der Elemente wird in den bedroh­lichen Flutbildern erfahrbar. Ironie hingegen zeigt sich in der Cinema­scope-Wetter­karte mit dem sich nahenden und dann unmit­telbar vor Mahagonny abbie­genden Hurrikan. Henrike Brombers Kostüme reichen vom Blaumann der Werktä­tigen bis zur stoff­spa­renden Dienst­be­kleidung der Animier­damen. Die einzelnen Segmente der Mahagonny-Gesell­schaft werden präzise umrissen. Die Choreo­grafie von Lillian Stillwell baut gänzlich auf den vom Bewegungschor attraktiv umgesetzten Nachtclub-Musical-Schmiss.

Den Chor des Natio­nal­theaters Mannheim hat Dani Juris dazu angeleitet, das ganze Spektrum von beinahe operet­ten­hafter Schwe­re­lo­sigkeit bis zu musik­dra­ma­ti­scher Inten­sität stilsicher auszumessen.

Von Anbeginn massiv dringt es aus dem Graben. Das von Benjamin Reiners mit dem Orchester des Natio­nal­theaters erzeugte Klangbild ist kompakt. Süffisanz und Sarkasmus bleiben dabei oft auf der Strecke. Die Saxofone immerhin tönen kammer­mu­si­ka­lisch. Reiners legt es darauf an, zu beweisen, dass Weill ganz große Oper geschrieben hat. Das aber ist am Tag. Reiners rennt offene Türen ein.

Vera-Lotte Böcker ist Jenny Hill. Darstel­le­risch agiert sie dem Regie­konzept gemäß zunächst recht farblos, schließlich äußerst intensiv. Böckers heller Sopran spricht leicht an und bewährt sich strahl­kräftig. Die Hochtöne ergeben sich organisch aus der Mittellage. Böcker phrasiert intel­ligent und pointiert. Will Hartmann reicht an diese Leistung nicht heran. Sein Tenor ist farblos. Die Stimme scheint für die große Arie vor dem Hinrich­tungs­morgen aufge­spart, in der er sich achtbar bewährt. Heike Wessels ist im Rahmen der sie nicht eben begüns­ti­genden Regie­kon­zeption eine stimmlich wie darstel­le­risch souveräne und präsente Begbick. Die übrigen Sänger­dar­steller bewähren sich auf dem Niveau, das am Mannheimer Natio­nal­theater voraus­zu­setzen ist.  Die Schau­spie­lerin Anne Diemer beweist als Confé­ren­cière Format, wobei sie Brechtsche Nüchternheit und Schnodd­rigkeit mit sarkas­ti­schen Prisen würzt.

Die beinahe enthu­si­as­tische Zustimmung des Premie­ren­pu­blikums wird von Bravo­rufen für das gesamte Ensemble der Sänger­dar­steller wie auch das Regieteam durchsetzt.

Mahagonny am Natio­nal­theater Mannheim hat mit seiner Mixtur aus Showbiz und musik­dra­ma­ti­scher Wucht das Zeug, das Reper­toire des Hauses auch in den kommenden Spiel­zeiten zu bereichern.

Michael Kaminski

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