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GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD
(HK Gruber)
Besuch am
4. Juli 2017
(Premiere am 24. Juni 2017)
Eine Ära geht zu Ende: Norbert Hilchenbach verabschiedet sich nach 45 Jahren aus dem aktiven Bühnenleben. Jeweils zehn Jahre leitete er als Intendant die Geschicke der städtischen Bühnen Osnabrück und zuletzt des Theaters Hagen. Besonders die Hagener Dekade kostete ihn viel Kraft und Nerven. Mit Vehemenz setzte er sich gegen permanente Versuche durch, das Theater finanziell ausbluten zu lassen. Dabei ist es ihm nicht nur gelungen, den Vier-Spartenbetrieb zu retten, sondern auch Jahr für Jahr mit einem Programm aufzuwarten, das an Vielfalt und Experimentierfreude selbst in der reichen Theaterlandschaft Nordrhein-Westfalens für Aufsehen sorgte. Modernes Musiktheater, das Standard-Repertoire in voller Breite, ein ambitioniertes Musical- und Jugendangebot, verknüpft mit einer intensiven Ensemblepflege und einem engagierten Ballett: Nichts vernachlässigten Hilchenbach und sein Generalmusikdirektor Florian Ludwig, der jetzt das Haus ebenfalls mit gemischten Gefühlen verlässt.
Mit der eigenen Inszenierung eines Stücks, das Hilchenbach besonders am Herzen liegt, beendet er unter der musikalischen Leitung Florian Ludwigs seine erfolgreiche Karriere, die er mitunter wie eine Stolperstrecke meistern musste. Und zwar mit der Vertonung von Ödön von Horváths Volksstück Geschichten aus dem Wiener Wald aus der Feder HK Grubers, die vor drei Jahren bei den Bregenzer Festspielen aus der Taufe gehoben wurde. Kein bequemes Stück zum Abschied, was manchen treuen Besucher des Hagener Theaters irritiert, sondern eins, mit dem Hilchenbach seinen unermüdlichen Einsatz für das moderne Musiktheater bis zum letzten Arbeitstag konsequent durchzieht.
| Musik | ![]() |
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Unproblematisch ist Grubers Vertonung nicht. Die Texte Ödön von Horváths durchziehen zwar eine ähnlich intensive Musikalität wie die Tschechows oder Kleists, sperren sich jedoch wie diese gegen jede opernhafte Opulenz. Mehr als milieubedingte Songs, ähnlich wie bei Brecht, verträgt Horváths hintergründig-skeptischer Einblick in das brüchige Sozialleben des Wiener Kleinbürgertums nicht. Auch wenn Anleihen an die Musik des Brecht-Freundes Kurt Weill unüberhörbar sind, lässt sich Gruber doch immer wieder zu überladenden, dramatisch aufgeheizten oder sentimental verklärten Klängen von opernhafter Pathetik verleihen. Davon betroffen ist natürlich besonders das Schicksal der hübschen, aber vernachlässigten Marianne, die als Mutter eines unehelichen Kindes alle Tiefen einer Ausgestoßenen in Absteigen und Gefängnissen, von ihrer „schrecklich netten Familie“ ganz zu schweigen, durchleiden muss, bis sie am eine Ehe mit einem lieben, aber ungeliebten Fleischermeister eingeht. Ein Happy End mit Brüchen.

In der Vertonung nimmt das Los des Mädchens melodramatische Züge an, mit denen die distanzierte, messerscharfe Perspektive der Vorlage aufgegeben wird. Und die Gesangspartie der Marianne nimmt an dramatischem Hochdruck fast den einer Wiener Isolde an. Das widerspricht freilich der jugendlichen Ausstrahlung der Partie ebenso wie im Fall der Salome und somit bereitet die Besetzung nicht nur dieser Rolle fast unlösbare Probleme. Mit Jeanette Wernecke hat man sich für eine sehr junge, hell timbrierte Sopranistin von großer Ausstrahlungskraft entschieden, die ihre Aufgabe vorzüglich erfüllt, aber an die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten gerät. Allzu oft sollte sie die Partie noch nicht singen.
Die wuchtige Vertonung gerät auch in Konflikt mit der stärker an die Schauspiel-Vorlage angelehnte Inszenierung von Norbert Hilchenbach, der die Figuren etwas schemenhaft, aber mit der nötigen Distanz und Präzision führt, wobei die verborgene Bösartigkeit der scheinbar biederen und bodenständigen Figuren zu kurz kommt. Das schlichte, volkstheaterhafte Bühnenbild von Jan Bammes lenkt den Blick von den Figuren nicht ab. Eine Häuserfassade mit einigen Geschäftsrequisiten und Eingängen und im Revue-Akt ein paar Lichterketten reichen völlig aus, um das Milieu treffsicher zu skizzieren.
Im Orchestergraben dröhnt es unter der Leitung von Florian Ludwig mächtig auf, so dass fast das ganze Ensemble unter Hochdruck singen muss. Das zollt Tribut, und so können vor allem konditionsstarke Solisten ihre Stimmen kontrolliert einsetzen. Dazu gehören Kristine Larissa Funkhauser als Valerie, Kenneth Mattice als geschmeidiger Gigolo Alfred und Philipp Werner als braver Metzgermeister Oskar, nicht zuletzt Martin Blasius als Mariannes Vater. Die vielen Rollen erfordern nahezu den Einsatz des gesamten Ensembles, das sich mit dem problematischen Stück noch einmal in harmonischer Geschlossenheit für seinen scheidenden Intendanten einsetzt.
Das Publikum reagiert freundlich, wenn auch nicht enthusiastisch auf den langen, mehr als dreistündigen Opernabend. Nicht jeder hält bis zum Ende durch.
Pedro Obiera