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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)
Besuch am
7. Juli 2017
(Premiere)
Das Naturschauspiel kann man sich schon bei der Ankunft auf Schloss Hellenstein auf der Schwäbischen Alb erleben: Wie der Himmel sich binnen Minuten beinahe schwarz verfärbt und seine Schleusen gründlich und weit öffnet, sich die Wassermassen dampfend auf dem überhitzten Boden ausbreiten, während es donnert und blitzt. Binnen eines Gewitters fällt das Thermometer um viele Grade. Kurz darauf künden nur noch ein paar Pfützen von den Naturgewalten. Der Himmel erstrahlt wieder in geputztem Blau und die Hitze kehrt als schwüle Luft zurück. Schon den ganzen Tag sind die Wettervorhersagen im Radio bizarr ungenau. Von vereinzelten Regengüssen bis zur Unwetterwarnung und wieder zurück.
Trotzdem findet sie statt: Die Eröffnung der diesjährigen Opernfestspiele Heidenheim. Nur dass die Aufführung des Fliegenden Holländers nicht, wie gewünscht, in der Ruine des unbedachten Rittersaals im Schloss stattfindet, sondern im wenige Meter entfernten Festspielhaus, wie sich das Congress Centrum Heidenheim vom 18. Juni bis zum 30. Juli nennt. Kurz währt die Enttäuschung, schnell wird sich die Entscheidung als Glücksfall erweisen. Und damit ist auch das erste Geheimnis des Tages gelüftet. Geheimnis – so lautet das Motto dieser Festspiele, und da liegt es nahe, die beiden Produktionsreihen mit dem Holländer zu eröffnen.
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Im Festspielhaus ist die Bühne des Rittersaals nahezu identisch nachgebaut. In den Mittelpunkt hat Bühnenbildner Stefan Brandtmayr eine Holzkonstruktion gestellt, die an schrägstehende Container erinnert. Darüber eine Schütte, die im Rittersaal gar von einem außenstehenden Kran bedient werden muss. Im ersten Aufzug ist das Konstrukt noch von einer schwarzen Plastikfolie abgedeckt, so dass man daraus das Schiff Dalands ableiten kann. Der Holzverschlag verspricht mehr, als er leisten muss. Die Schütte wird lediglich einmal kurz bedient – viel Aufwand für eine entbehrliche Idee. Für Hartmut Utzinger erweist sich die Bühne als Glücksfall. Wie er sie mit vergleichsweise wenigen Mitteln ausleuchtet, das hat allerhöchste Qualität. Ideen hat Regisseur Georg Schmiedleitner genug. Nachdem er und sein Team den Ring des Nibelungen in Nürnberg inszeniert haben, hat ihn Festivalleiter Marcus Bosch, zugleich Generalmusikdirektor in Nürnberg, nach Heidenheim eingeladen, um das frühe Wagner-Werk auf die Bühne zu bringen. Schmiedleitner sieht in der Oper ein Stück über den Kapitalismus der Gegenwart. Nach seiner Lesart wird Daland zum Unternehmer, „dessen System auf der Ausbeutung des Niedriglohnsektors basiert“. Das hat nur bedingt Neuigkeitswert, überzeugt auch in der Ausgestaltung nicht konsequent, ermöglicht aber Cornelia Kraske, bezahlbare und ansprechende Kostüme bereitzustellen. Die Stärke des Regisseurs liegt unterdessen in einer ausgesprochen effektvollen Personenführung. Das Foyer, der Saal und die Bühne werden von allen Seiten aus bespielt. Schon vor Beginn der Aufführung laufen Statisten als Seeleute des Holländers durch den Vorraum und erinnern in ihren schwarzen, martialischen Monturen und mit den großflächigen Tattoos eher an düstere Wachleute als an redliche Matrosen.

Ausgesprochen spiel- und sangesfreudig, dabei höchst diszipliniert präsentiert sich einmal mehr der Tschechische Philharmonische Chor Brünn unter Leitung von Petr Fiala. Und nicht nur er kann von den doch etwas großzügigeren räumlichen Gegebenheiten des Festspielhauses profitieren. Gewonnen haben in erster Linie die Besucher dank der hervorragenden Akustik. Denn hier tritt eine Kategorie von Sängerdarstellern an, die für die Akustik einer Open-Air-Veranstaltung im Grunde zu kostbar ist. Wenn Antonio Yang als Holländer vom hinteren Saalende zur Bühne hinabschreitet, erfüllt sein dunkler Bariton voluminös und wortdeutlich auch die letzte Ecke im Saal. Ja, bis in die Fußspitzen kann man das spüren. Diesen Holländer kann man – auch, was das spielerische Element angeht – nicht hoch genug loben. Ebenbürtig ist ihm nur die Senta von Inga-Britt Andersson. Als Sopran macht sie die LED-Übertitel überflüssig, ohne auch nur einen Hauch an Emotionalität einzubüßen. Da muss man auf die Schwäbische Alb reisen, um so etwas zu erleben.
Randall Jakobsh liefert als Daland eine ordentliche Leistung ab. Erik steht in anderen Inszenierungen gerne ein wenig im Abseits, erfüllt seine Zuspiel-Rolle. Schmiedleitner holt ihn ins Rampenlicht. Da ist es gut, jemanden wie Vincent Wolfsteiner an Bord zu haben, der die komisch-tragischen Elemente der Rolle herausarbeitet. Besonders in den lyrischen Momenten lässt Martin Platz als Steuermann Dalands aufhorchen. Was er darstellerisch absolvieren muss, läuft wohl eher unter dem Kapitel: Wenn’s dem Regisseur gefällt.
Ansonsten muss es Marcus Bosch gefallen. Nach einem etwas überhasteten Einstieg führt er die Stuttgarter Philharmoniker, die in Idealstärke angetreten sind, rasch in die rechten Bahnen und so können die Musiker einen dramatischen Wagner in den rechten Relationen hören lassen. Auch wenn es zum Ende – zu Recht – furios wird, hat Bosch die Sänger nicht einen Moment außer Acht gelassen, der Musik nicht ihren transparenten Klang genommen, der seinem Dirigat etwas Besonderes verleiht.
Eine Opernaufführung in Heidenheim ragt nicht nur aus dem üblichen Geschehen heraus, wenn sie im Rittersaal des Schlosses Hellenstein stattfindet. Das bekundet das Publikum mit tosendem Applaus. Sieben Vorstellungen stehen noch aus. Dann unter anderem mit Annette Seiltgen als Senta. Und am 27. und 29. Juli wartet Un giorno di Regno von Giuseppe Verdi als zweite Opern-Produktion des Jahres auf die Besucher der Opernfestspiele Heidenheim. Die Anreise ist beschwerlich, gewiss. Aber die Atmosphäre vor Ort entschädigt für alles.
Michael S. Zerban