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Drei Tote und kein Happy End

WEST SIDE STORY
(Leonard Bernstein)

Besuch am
7. Juli 2017
(Premiere am 30. Juni 2017)

 

Mecklen­bur­gi­sches Staats­theater Schwerin, Schlossfestspiele

Die herun­ter­ge­kom­menen Hütten und Contai­ner­buden, teils verrostet, teils mit wüsten Graffiti „verziert“, sprechen der schon wacke­ligen Leucht­re­klame eines Wohnungsbau-Investors Hohn, der „Tradition und Fortschritt für modernes Wohnen“ verspricht, aber die Urinale an der Wand schief hängen lässt, die Wasch­becken  nicht anschließt und das Wort Farbe für ein Fremdwort hält. Stephan Prattes hat sich für die Bühnen­ge­staltung in den Großstadt-Vierteln umgeschaut, in denen heute Gangs anderer Herkunft die Straße beherr­schen. Auf einer großflä­chigen Schräge tauchen raue Jungs auf und zeigen mit rhyth­mi­schem Knipsen und ihren wilden Sprüngen, dass sie die Herren der Szene sind oder sein wollen – ebenso wie eine andere Gruppe frecher Jungs aus dem Milieu, das Eichen­berger aus dem  Manhattan der 1950-er Jahre in das Brenn­punkt-Viertel einer belie­bigen europäi­schen Großstadt holt. Zwischen diesen beiden Gruppen, den ameri­ka­nisch-weißen Jets und den puerto-ricani­schen Sharks tobt ein täglicher Kampf um die „Straßen­hoheit“ in dieser finsteren Gegend. Und wenn mal kein Grund zum Streit ist, lässt sich schnell einer finden oder schaffen, der als Funke genügt, um den nächsten „Krieg“ zu zünden.

Hier ist der Gruppen­kampf zwischen den Jets und den Sharks nur ein Element im oft sinnlosen Alltag der jungen Männer, die ihre Tage totschlagen. Hier wie dort kennt jeder das Wort „Auslän­derpack“ als  Schimpfwort. Dass diese Schau­kämpfe nicht ausarten, darauf achtet hier der Cop, der Distrikt­po­lizist, der äußerlich zurück­haltend, aber in der Sache brutal autoritär keinen Ärger auf der Straße duldet und im Notfall mit dem Knüppel für Ordnung sorgt. Die Gegen­rolle dazu, quasi den Typ Sozial­ar­beiter gibt Matthias Unruh als Doc, der als Buden­be­sitzer und „Mädchen für alles“ wenigstens mit dem jungen Gemüse reden kann und es versteht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die zarte Liebes­ge­schichte, die sich zwischen Tony, einem der Anführer der Jets und der Schwester Maria des Führers der Sharks Bernardo kontra­punk­tisch entwi­ckelt, kommt gerade recht, um neue Mutproben und „Kämpfe“ zu starten. Die Liebes­ge­schichte, in der die beiden sich ihren eigenen roman­ti­schen Weg erträumen, bringt sowohl Maria mit ihrer Familie wie auch Tony mit seiner Gang in heftige Konflikte, die schließlich zum Presti­ge­kampf zwischen Bernardo, dem Boss der Sharks, und Riff, dem Anführer der Jets, führen – plötzlich sind Messer im Spiel, ein tragi­sches Ende ist abzusehen. Nach einer gezielten Falsch­meldung, einer „fake news“, wird auch Tony noch Opfer des Banden­krieges, den Maria vergeblich einzu­dämmen versucht. Die Träume von einer gemein­samen Zukunft werden von Pisto­len­schüssen durch­lö­chert. Mit einer lauten Explosion bricht die als vergoldete Schloss­kuppel skizzierte „alte“ Ordnung zusammen. Zur Pause tragen stilge­recht Unifor­mierte des „Police department“ die Opfer von der Bühne in die Kulissen.

Foto © Silke Winkler

Simon Eichen­berger hat eine tempo­reiche Insze­nierung gestaltet, die den jungen Darstellern körperlich-tänze­risch viel abver­langt. Auch wenn die Bewegungs­ab­läufe meist eher an Ballett­ak­tionen als an jugend­liche Straßen­kämpfe erinnern, beschreiben  sie das Verlangen dieser Jugend­lichen nach Action, ihren Lebens­willen und ihre Suche nach einem Ziel. Natürlich kann man die klassische Liebes­ge­schichte, oft als die zeitgemäße Form der Romeo-und-Julia-Vorlage inter­pre­tiert, auch als Rahmen für die wundervoll eingän­gigen und gefühl­vollen Melodien von Leonard Bernstein sehen, der mit diesem 1957 urauf­ge­führten Klassiker dem Genre Musical neuen Auftrieb verlieh. Mit Songs wie Maria, Tonight, tonight und I like to be in America! hat Bernstein Songs kompo­niert, die sie bis heute zu rhyth­misch spannenden, gefühl­vollen Ohrwürmern machen. Conny Lüders‘  Kostüm­ideen müssen sowohl den neuen Zeitgeist spiegeln als auch den Tänzern genügend Spielraum für ihre Sprünge, Spurts und Kampf­szenen  lassen. Den etwas merkwür­digen Regie­einfall, den Mädchen durchweg eine piepsige Stimme zuzumuten, unter­stützt Lüders mit reichlich viel Pink.

Die Mecklen­bur­gische Staats­ka­pelle unter der bewährten Leitung von Daniel Huppert muss sich wie üblich bei den Schloss­fest­spielen in einem abgedun­kelten Raum unter der Bühne verstecken und ist den Blicken der Zuschauer weitgehend entzogen. Das ist schade, denn gerade bei den besonders rhyth­mi­schen Partien der puerto-ricani­schen Musik macht auch die Beobachtung der Musiker Freude und übermittelt die Leben­digkeit dieser Musik. Doch Huppert und seine big band haben den Sound drauf. Melodiereiche, roman­tische Phrasen verzieren den Gesang ebenso wie jazzig-dishar­mo­nische Elemente und rhyth­mus­be­tonte karibische Klänge.

In der Rolle des Tony überzeugt Jörn-Felix Alt mit leicht barito­naler Song-Stimme, die in den Duetten gut mit der helleren Färbung der Stimme der Maria harmo­niert, die die zierliche Mercedesz Csampai bestens ausfüllt. Als Ausbund karibi­schen Feuers agiert und singt tempe­ra­mentvoll Sidonie Smith als Anita.

So konflikt­reich und sinnlos diese Version der Romeo-und-Julia-Romanze zu Ende geht, so gefühlvoll bleiben Bernsteins Melodien den Zuhörern im Ohr, als sie nach mäßigem Beifall das Areal der Schloss­fest­spiele zufrieden verlassen: Endlich ein Freiluft-Abend, bei dem nicht wie bei der Premiere der Himmel gnadenlos seine Schleusen öffnet, sondern bei dem ein immer runder werdender Vollmond mit mildem Licht die Katastrophen erträg­licher zeichnet und den Traum von There´s a place for us näher rücken lässt … hach.

Horst Dichanz

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