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Foto © Andrea Kremper

Sextus

LA CLEMENZA DI TITO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
9. Juli 2017
(Premiere am 6. Juli 2017)

 

Festspielhaus Baden-Baden

Wenn zu den Sommer­fest­spielen im Festspielhaus von Baden-Baden Mozart gespielt wird, liegt es immer in der Luft: Es ist so schwül, dass das Gewitter greifbar ist. An diesem Tag findet es nur emotional auf der Bühne statt. Denn in Mozarts Oper La Clemenza di Tito kochen vor allem die Emotionen hoch, während an eigent­licher Handlung ja relativ wenig passiert. Der für seine Milde gepriesene römische Kaiser Titus sucht eine Kaiserin und hat sich ausge­rechnet eine Frau, Vitellia, zu seiner Feindin gemacht, weil er sie nicht als erstes gefragt hat. Vitellia stiftet Sextus zum Attentat auf den Kaiser an. Der steckt nun in einem emotio­nalen Dilemma. Einer­seits ist er der Vitellia aus Liebe total hörig, ander­seits ist er der beste Freund des Kaisers. Er entscheidet sich für die Liebe, doch der Anschlag misslingt. Sextus wird verhaftet, verschweigt Vitellias Anstiftung, da die inzwi­schen zur Kaiserin erwählt wurde. Nun ist es an Vitellia, Größe zu zeigen, und sie offenbart alles. Der milde Kaiser verzeiht alles und jedem. Im Mittel­punkt der Oper steht das Wechselbad der Gefühle. Alle durch­leben es: Vitellia, die zwischen Liebe, Verachtung und Rache hin und her schwankt. Titus, der seinen Freund schützen will und gleich­zeitig Gesetze einhalten muss. Sextus, zwischen Liebe und Freund­schaft hin und her gerissen und immer davon abhängig, wie Vitellia gerade Meinung und Plan ändert.

Apropos Planän­derung: Wie fast immer, so dreht sich auch in diesem Sommer das Beset­zungs­ka­russell. Ursprünglich ist Sonya Yoncheva für die Vitellia vorge­sehen, aber nun erwischt es ausge­rechnet die promi­nen­teste Einsprin­gerin an der Oos. Die Sopra­nistin, die schon manches Mal für Diana Damrau oder Anna Netrebko übernommen hat, muss aus gesund­heit­lichen Gründen selbst passen. Dafür kommt man in den Genuss von Marina Rebeka, eine unglaublich charak­ter­starke Sängerin, die selbst in einer konzer­tanten Aufführung vor dem Noten­ständer eine Furie mit Fallhöhe verkörpert. Süffisant spielt sie mit den Gefühlen des Sextus, begegnet der vermeint­lichen Konkur­rentin Servillia mit Stuten­bis­sigkeit und ist am Ende tief betroffen, als sie ihren Fehler einsieht. Das Ganze garniert sie mit einer in allen Lagen wunderbar geführten Stimme, die bis in die Höhen hinein ein schönes Leuchten mitbringt. Aber selbst sie muss sich im Wettstreit um die Auszeichnung Stimme des Abends knapp geschlagen geben. Denn Joyce DiDonato befindet sich in einer fast überir­di­schen Form, die das Publikum zu Ovationen hinreißt. Nach ihren beiden Arien geht es minutenlang nicht mehr weiter, bis die Zuschauer sich wieder beruhigt haben. Was soll man bei dieser Inter­pre­tation heraus­stellen, wo man, um fair zu sein, alles erwähnen müsste? Vielleicht das wichtigste: Bei aller techni­scher Präzision steht da kein Automat auf der Bühne, sondern ein Mensch, der seine Gefühle in jeder Phrase den Zuhörern mitteilt. Eigentlich müsste an diesem Abend die Oper Sextus heißen, was ja auch vom Libretto unter­stützt würde.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

Hinzu kommt aber, dass sich der Kaiser, in diesem Fall Rolando Villazón, immer noch zu Recht großer Beliebtheit erfreut, seine vokale Herrschaft aber im Sinken begriffen ist. Selten hat man Villazón so angespannt erlebt. Die Höhe möchte in der besuchten Vorstellung gar nicht recht greifen, er traut sich zu trans­po­nieren. Leider kann er nur kurz das Feuer abrufen, das ihn sonst so auszeichnet. Wenn Titus versucht, die Beweg­gründe des Sextus zu verstehen, da bricht es aus Villazón heraus. Da riskiert er den ein oder anderen gequetschten Ton, um die Wirkung zu erzeugen, die er eigentlich immer hatte. Er – das Zugpferd der Einspie­lungen bei der Deutschen Grammophon, die in diesem konzer­tanten Rahmen entstehen – war, egal ob als Belmonte, Don Ottavio, Ferrando und zuletzt Don Basilio – nie der beste Sänger, aber der mit dem größten Herzblut. Das nächste Projekt wird dann ein Experiment. In der Zauber­flöte soll er nächstes Jahr anstatt wie geplant Tamino den Vogel­fänger Papageno singen. Aus der Sicht des Publi­kums­lieb­lings gewiss eine passende Entscheidung. Vokal wird man abwarten müssen. Kommt neben seiner Karriere als Intendant, Autor und Regisseur nun noch der Bariton hinzu? Auffallend ist bei seinem Titus jetzt schon, dass die Mittellage dunkler und voller geworden ist.

Foto © Andrea Kremper

Man kann nur hoffen, dass die Tontechnik seinem Titus etwas unter die Arme greifen kann, denn es wäre schade für den Rest der Musiker, die im Stande sind, eine Referenz­leistung zu vollbringen. Tara Erraught wertet die eher kleine Rolle des Annius mit ihrem runden, klang­schönen Mezzo­sopran auf. Regula Mühlemann bringt als Servilla das schwe­bende Element der unschul­digen Weiblichkeit mit ins Ensemble. Adam Plachetka strahlt die Autorität des Präto­rianers Publio in jedem Tone aus. Das sind auf den Punkt besetzte Rollen, die sich wunderbar in das Ganze einfügen. Das gilt auch für den RIAS Kammerchor in der Einstu­dierung von Denis Comet, der sehr schnell klarmacht, warum sich der Dirigent Yannik Nézet-Séguin diesen Klang­körper gewünscht haben soll.

Der designierte Chef der Metro­po­litan Opera und spiritus rector des Mozart-Zyklus bei der Deutschen Grammophon vollbringt auch beim Titus zusammen mit dem Chamber Orchester of Europe eine Großtat und bricht eine Lanze für diese Oper. Denn im Vergleich zu den anderen Mozart­werken, die bislang aufge­führt wurden, ist nicht zu übersehen, dass der Karten­verkauf nicht ganz so erfolg­reich gelaufen ist. Dem Titus mag das Zündende, Unter­haltsame beispiels­weise eines Figaro abgehen. Aber mit welcher Brillanz Mozart diese emotio­nalen Ausein­an­der­set­zungen kompo­niert hat, das wird an diesem Abend mehr als deutlich. Da unter­scheidet Nézet-Séguin zwischen innerer Reflektion und Entschei­dungen, die nach außen getragen werden. Unglaublich, wie sich Sänger und Musiker zu intimen, ruhigen Momenten hinreißen lassen, die nie zerdehnt wirken.

Das Orchester genießt die wunder­baren Farben der Musik merklich, lässt bei aller Pracht auch genügend Räume für Zwischen­stimmen. Das weiche Legato liegt ihm ebenso wie die kaiser­liche Pracht und die scharf gesto­chene Rasanz. Der Höhepunkt der Ensem­ble­leistung: Das Finale des ersten Aktes, wo alle glauben, ihren Freund, den Kaiser verloren zu haben. Eine düstere, requi­em­hafte Stimmung senkt sich herab und jegliche Hoffnung auf die Zukunft geht verloren.

Das Publikum findet zum Glück schnell in die Realität zurück und geizt weder nach dem ersten noch nach dem zweiten Finale mit Applaus. Obwohl DiDonato, Rebeka und Nézet-Séguin ausge­lassen bejubelt werden, bekommt jeder Solist, aber auch Chor und Orchester mehr als nur lauten Applaus von einem aufmerk­samen Publikum, das die Leistungen über den ganzen Abend zu würdigen weiß. Die gute Stimmung schwappt auch auf die Bühne über, wo sich Villazon über den mehr als nur gut gemeinten Beifall freut und dankbar in den Zuschau­erraum lächelt. Als der hünen­hafte Plachetka den kleinen Nézet-Séguin bei einer Umarmung in die Höhe hebt, gibt es für die gute Laune kein Halten mehr.

Christoph Broermann

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