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LA CLEMENZA DI TITO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
8. Juli 2017
(Premiere)
Nach der Uraufführung beschimpfte Ludovica, die spanische Gemahlin des frisch zum böhmischen König gekrönten Leopold II., die zum Rahmenprogramm gehörende Oper Mozarts als „una porcheria tedesca“. Was die Monarchin dazu veranlasste, sich über die „deutsche Schweinerei“ zu echauffieren, hatte gleich zwei Ursachen. Formal handhabte Mozart die Gesetze der Opera seria durch Ensembles und recht ausgedehnte Chorpassagen überaus lizentiös. Stärker noch verachtete Ludovica die Titelfigur. Mozarts Titus vergibt seinen Feinden nicht, weil die Staatsräson dazu rät, sondern aus rein menschlichen Motiven. Angesichts der Tatsache, dass ihre Schwägerin Marie-Antoinette bereits im Pariser Temple inhaftiert war, fühlte sich Ludovica von Mozarts Humanität abgestoßen.
Am Badischen Staatstheater verflüchtigt sich die Brisanz der Oper im Nirgendwo. Patrick Kinmonth bildet beflissen hübsche Grüppchen. Woher die Figuren auftreten und wohin sie abgehen, ist mühelos voraussehbar. Titus steht oder sitzt mit Latin-Lover-Blick attraktiv in der Gegend herum, gern auch auf einem Marmorblock. Das übrige Personal umkreist ihn trabantengleich. Es kennt kein Eigenleben. Die Grenze zur Peinlichkeit überschreitet, dass der kaiserliche Tugendheros von Liktoren mit überlängt goldenen Designerbeilen begleitet wird. Um nach knapp drei Stunden szenischer Trägheit dennoch einen Theatercoup zu landen, heißt Kinmonth die intrigante Vitellia, deren Schicksal im Libretto ungewiss bleibt, sich final entleiben.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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Gemeinsam mit Darko Petrovic zeichnet Kinmonth auch für Bühnenbild und Video verantwortlich. Das Duo baut – Gipfel der Inspiration – den Titusbogen vom Forum Romanum in annähernd halbem Format nach, zu groß für ein Spielzeug oder Architekturmodell, zu klein, um sich auf der ansonsten fast leergeräumten Karlsruher Bühne nicht zu verlieren. Im Dienst der Abstraktion wird das berühmte Relief, auf dem der Jerusalemer Tempelschatz durch die Straßen Roms getragen wird, unterschlagen. Wäre doch sonst zu sehr an den historischen Titus erinnert worden. Der hatte wenig vorbildlich das jüdische Zentralheiligtum in Schutt und Asche gelegt.
Um Kinmonths Rundumschlag zu komplettieren, gehen auch die Kostüme auf sein Konto. Die geben sich antikisch. Was aber togaartig anmutet, offenbart sich als overall, kein schlechter Effekt, wenngleich die ewig ähnliche Musterung der Gewandungen trotz unterschiedlicher Farbstellung den Eindruck von der Musterkollektion eines Dekostoff-Fabrikanten erweckt.

Während die Produktion szenisch ins bloße Kunstgewerbe abgleitet, läuft sie musikalisch zur Hochform auf.
Ulrich Wagner hat den Badischen Staatsopernchor mit wachem Sinn für die Dramaturgie des Stücks in die vom Herrscherlob dominierte Affektbefindlichkeit des Römervolkes eingewiesen.
Unter der Leitung von Gianluca Capuano spielt die Badische Staatskapelle historisch informiert, dabei ungemein vital auf. Das historisierende Klangbild ist kein Selbstzweck. Vibratoarmes Musizieren, Naturhörner und ‑trompeten stellen sich gänzlich in den Dienst des Dramas. Capuanos Dirigat zeichnet sich durch fordernde Rhythmen und eine schier atemberaubende Dynamik aus. Dazu konzertieren die Holzbläser voller Wärme.
Der die Titelfigur verkörpernde Jesús Garcia lässt vor Vorstellungsbeginn ansagen, die Bruthitze der vergangenen Tage habe seinen Tenor in Mitleidenschaft gezogen. Dafür schlägt er sich tapfer durch den Abend. Stärkste Aufmerksamkeit gebührt Dilara Bastar. Ihr Sesto ficht mit jeder atemberaubenden Phrase den Kampf zwischen der Loyalität zur geliebten Vitellia und der Freundestreue zum Imperator aus. Des Mezzos Tiefe glüht, die Höhe leuchtet. Bastar spannt innige Bögen, nicht weniger schießt sie affektgeladene Pfeile ab. Die Sängerin empfiehlt sich für größte Häuser. Katherine Brodericks Vitellia bietet stilsicher vorbildlichen Mozartgesang. Kristina Stanek ist ein volltönender Annio mit vokal tragfähiger innerer Statur. Die Servilia von Uliana Alexyuk nimmt mit ausgesprochen slawisch-lyrischem Timbre für sich ein. Souverän gestaltet Renatus Meszar den Publio.
Mit bravi durchsetzter Beifall für die Sängerdarsteller. Ovationen für Dilara Bastar, Gianluca Capuano und die Badische Staatskapelle. Zustimmung und Ablehnung für das Regieteam halten sich die Waage.
Michael Kaminski