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AURELIANO IN PALMIRA
(Gioachino Rossini)
Besuch am
14. Juli 2017
(Premiere)
Nein, mit dem schon symbolischen Ort heutiger Verwüstungen in Syrien und der barbarischen Zerstörung epochaler Weltkultur im einstigen Zweistromland hat das Dramma serio nichts zu tun. Palmira ist in der Komposition des 21-jährigen Rossini auf ein Libretto von Felice Romani der Schauplatz eines für die Oper des 19. Jahrhunderts typischen clashes of culture. Geschildert wird die Begegnung eines römischen Imperators mit der über Syrien, Ägypten und Kleinasien gebietenden Königin, die Palmyra im dritten Jahrhundert nach Christus zur Metropole des anderen damaligen Weltreichs neben Rom aufgebaut und aufgerüstet hat.
Die künstlerische Leitung des Festivals hat sich klugerweise entschieden, den Weihnachten 1813 an der Mailänder Scala uraufgeführten Zweiakter konzertant unter José Miguel Pérez-Sierra auf die Bühne zu bringen. Damit wird der heiklen Verlockung von vornherein widerstanden, in einer denkbaren szenischen Umsetzung politische und kulturelle Verflechtungen bis in die Gegenwart aufzuzeigen, die gewiss existieren. Koloniale Grundmuster mit ihren wirtschaftlichen und militärischen Schrecken sind mit Palmira eng verknüpft, damals wie heute.
Für das Publikum in der vollbesetzten Trinkhalle, der zentralen Arena des Belcanto-Festivals, jedenfalls bietet sich so die einzigartige Chance der völligen Konzentration auf die Musik. Und sich ein Stück weit wie in einer Vorstadt Sevillas zu fühlen. Die schmissige Ouvertüre verwendet Rossini drei Jahre später fast eins zu eins als Einstieg in seinen Il barbiere. Die eine oder andere Kapriole aus dem reichhaltigen Baukasten an Koloraturen findet sich in der Auftrittsarie der Rosina wieder. Zumindest erwähnt seien winzige Vorstudien zur Melodik und Struktur von Duetten in Semiramide, die 1823 in Venedig herauskommen wird.
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Exklusives hat Aureliano in Palmira freilich auch zu bieten. Mit dem Part für den Perserprinzen Arsace, der Zenobia, die Regentin des assyrischen Reiches, liebt und wiederum von Publia, der Tochter des einstigen Kaisers Valeriano, begeht wird, schreibt Rossini seine erste und einzige Komposition für einen Kastraten. Die Ära der Stars des Barock ist zwar im frühen 19. Jahrhundert beendet. Doch lockt den jungen, auf Karriere geeichten Komponisten die Option, mit dem damals hochberühmten Giovanni Battista Velluti, dem Arsace der Uraufführung, Presse, Publikum und den einen oder anderen Theaterimpresario zu faszinieren. Das Kalkül geht freilich nicht auf. Der Uraufführung ist der erwartete big bang nicht beschieden. In allen späteren Kompositionen kommen in ähnlichen Partien Sängerinnen des Typus Hosenrolle zum Zuge. Ob es in der Entourage um Intendant Jochen Schönleber die Überlegung gegeben hat, Arsace mit einem Countertenor zu besetzen, ist nicht bekannt. Auch wenn Marina Viotti mit ihrem wohltönenden Mezzosopran ihre Sache ausgezeichnet macht – reizvoll wäre ein solches Casting am Ort der Rossini-Archäologie im 29. Jahr des Festivalbestehens allemal gewesen.
Exklusiv, aber eher der Fabelwelt zuzuordnen ist auch das kuriose Finale der Handlung, die sich im Kern um einen Handel mit Königreichen dreht. Romani stellt den Schluss des Ringens um die Weltherrschaft und die Auflösung der Beziehungskonflikte unter die Devise der Großmut der Herrschenden. Aureliano verzeiht seinen einstigen Gegnern Arsace und Zenobia, überlässt ihnen großherzig Reiche und Liebe unter der Bedingung, dass sie Rom Bündnistreue schwören. Das ist nichts weniger als dick aufgetragen. Mozarts Opera seria La clemenza di Tito, uraufgeführt sechs Monate vor Rossinis Geburt, erfährt hier praktisch eine Reprise im Geiste der Aufklärung. Sicherlich auch ein Stück Opportunismus, geschuldet den politischen Verhältnissen im Kerneuropa Napoleons.
Sei’s drum: Die Seria-spezifische Melange aus Furor, Tremor, Guerra, Amor ist dem aufstrebenden „Helios von Italien“, von dem Heinrich Heine sprach, eine willkommene wie hinreichend Basis, seine schon erstaunliche virtuose Musikalität der perlenden Girlanden, Kaskaden und rollierenden Kadenzen überzeugend auszuspielen. Wagner wird etliche Jahre später dem Genie von Pesaro das Geschick nachsagen, ein großartiger „Verfertiger von künstlichen Blumen“ zu sein. Blumen, „die er aus Samt und Seide formte, mit täuschenden Farben bemalte und einem Parfümsubstrat netzte“. Wer dazu die empirische Unterfütterung sucht, wird allein schon in der Komposition des Aureliano genügend Beweise finden. Zu greifbar sind in der Partitur der subtilen Raffinesse die Wurzeln seines unaufhaltsamen späteren Aufstiegs bis zum Zenit in Paris.

Bei den Virtuosi Brunenses – quasi das Hausorchester Schönlebers – und dem Wildbad-erprobten Dirigenten Pérez-Sierra, Schüler Gabriele Ferros, liegt das Konzertieren, das die Komposition verlangt, in besten Händen. Die wechselnden Stimmungen und Tempi, die Maschinenrhythmen in den mitreißenden Kadenzen und vor allem in den Aktschlüssen werden plastisch herausgearbeitet und souverän erfasst. Das gilt nicht zuletzt für die Adaption der Fähigkeit Rossinis, allerlei verblüffende Varianten mit Soli im Orchester zu erproben. Bravourös Aurelianos Kavatine Cara Patria! Il Mondo trema mit obligatem Solohorn. Treffsicher zeichnet das Instrument den anfänglich brutalen Charakter des römischen Unterdrückers. Geradezu bezirzend auch die Paraphrase der Solo-Violine, die Rossini wie ein Tuchweber in den Chor der Schäfer O care selve, o care eingepasst hat. In dieser Passage wie in der Gesamtleistung unterstreicht der Camerata-Bach-Chor Poznan unter Leitung von Ania Michalak einmal mehr seinen berechtigten Ruf, seit Jahren eine Stütze des Festivals zu sein.
Der argentinische Tenor Juan Francisco Gatell ist Aureliano und die Offenbarung dieser Aufführung. Mit dieser Personalie unterstreichen die künstlerischen Macher des Belcanto-Spektakels ihre Kompetenz, auch eine cosa rara blendend zu besetzen. Gatell entfaltet mit verführerischem Timbre imperialen Glanz und, in den großen Duetten mit der Regentin und dem Prinzen, lyrischen Sensus. Als Zenobia ist Silvia Dalla Benetta, im Vorjahr Bianca in der Wildbader Produktion von Bellinis Bianca e Gernando, mit wuchtigem Sopran eindrucksvoll, eben königlich. Profunde Tiefe, kulinarische Brillanz und eine scheinbar grenzenlose Tessitura kennzeichnen das Stimmvermögen Marina Viottis als Arsace. Ihr Wildbad-Debüt von 2015 als Isabella in L’Italiana in Algeri erfährt nicht nur Bestätigung, sondern wahrlich eine Steigerung. Der Mezzo Ana Victoria Pitts als Publia schlägt sich achtbar, insbesondere mit ihrer Arie Non mi lagno che il mio bene, in der sie ihren Verzicht auf den Prinzen erklärt. Doch das Niveau ihrer beiden Kontrahentinnen ist nicht erreichbar. Ihre Stimme klingt bisweilen scharf und schartig. Zudem ist die Rolle eher klein.
Xian Xu als Oraspe, Zhiyuan Chen als Licinio sowie Patrick Kabongo Mubenga als Condulmiero und Selim agieren in den weiteren Rollen adäquat. Wohltuend schlussendlich der Sacerdote des Baurzhan Anderzhanov. Der Bass, Wildbad-Gast seit 2014, zeichnet mit sonorer Stimme seinen Part makellos. Das Ungemach allerdings: Rossini und Romani haben ihm wenig Gelegenheiten gegönnt, sich zu beweisen. Selbst im bravourösen Finale eins ist er als einziger ausgeschlossen, während alle übrigen Akteure sich im Klangrausch baden dürfen.
Die Besucher begleiten die Aufführung praktisch von der Ouvertüre und dem ersten Duett an mit Szenenapplaus. Unter dem Strich resultiert aus dieser Emphase einer Streckung der Länge des Abends auf über drei Stunden. Das Phänomen kennt allerdings auch seine positive Kehrseite. Zwischen den Schwarzwaldhöhen im Tal der Enz hat Rossini eine wirkliche Heimstatt, die sich Jahr für Jahr bewährt. Nichts weniger als ein nördliches Pesaro.
Ralf Siepmann