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Die sich auf vielen Parketts zwischen New Yorker Met und aufwändigen Rock-Events erfolgreich tummelnde Bühnenbildnerin Es Devlin hat schon recht, wenn sie die Seebühne der Bregenzer Festspiele als El Dorado für jeden Bühnenbauer empfindet. Eine eindrucksvolle chinesische Mauer wie zur Turandot der letzten beiden Jahre kann da manchen szenischen Magerquark vergessen lassen. Ohnehin sollte man angesichts der gigantischen Architekturen nicht mehr schlicht von Bühnenbild sprechen, sondern von Monumental-Skulpturen, die der Seebühne zwei Jahre lang während und außerhalb der Festspielzeiten ein singuläres Ambiente verleihen, das, wie im Falle der Tosca, sogar in James-Bond-Thrillern eine gute Figur macht.
Selbst, wenn man recht filigran vorgeht wie Devlin in der neuen Carmen-Produktion, kommen beeindruckende Zahlen zustande: Die beiden schlanken Damenarme, in der linken Hand lasziv eine Zigarette haltend, die rechte Hand beringt, die die 30 Meter breite Bühne flankieren, sind bis zu 24 Meter hoch und bis zu 24 Tonnen schwer. Und die Spielkarten, die in die Luft gewirbelt werden, bringen es ebenfalls auf tonnenschwere Gewichte, die man ihnen freilich nicht anmerkt. Und sie verlieren auch ihre Wirkung nicht, wenn, wie in der Premiere, das Wetter am Bodensee die ganze Angelegenheit zu einer mehr feuchten als feuchtfröhlichen Veranstaltung verbiegt. Die dunklen Gewitterwolken, die sich über Bregenz zusammenzogen, passten zwar ideal zum schicksalsschwangeren Inhalt der Oper, die Wassermassen jedoch, die das Gewölk dann eine Stunde lang über die 7000 Zuschauer auswarf, wollten sich so gar nicht mit dem andalusischen Kolorit der Liebestragödie anfreunden. Neben der Bühnenkulisse avancierten schützende und knisternde Plastik-Capes zum Blickfang der Aufführung.
Auch wenn Devlins Tarot-Karten ein filigraneres Bild vermitteln als viele frühere Bühnenarchitekturen, bleibt für psychologische Feinarbeit in einem solchen Umfeld, in dem die Figuren wie geschrumpfte Ameisen anmuten, wenig Platz. Und, ganz ehrlich gesagt, wird das von den meisten Besuchern auch nicht erwartet. Die Seebühnen-Produktionen, die sich ganz bewusst auf populäre Höhepunkte des Repertoires konzentrieren, leben von ihrer spektakulären optischen Präsenz, nicht von Feinkost für musikalische Gourmets.
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Ein Dilemma, wenn man es mit einem psychologisch hintergründigen Stück wie Bizets Carmen zu tun hat und erst recht, wenn man, wie Regisseur Kasper Holten, seines Zeichens künstlerischer Leiter der Londoner Covent Garden Opera, in der Oper mehr sieht als einen blutigen Eifersuchts-Thriller mit flotter Musik. Vor allem das Psychogramm der Titelfigur erfasst Holten differenziert. Eine Frau, die als Zigeunerin bereits im Kindesalter in eine Außenseiterrolle gedrängt wurde und früh gelernt hat, sich durchzusetzen. Als erwachsene Frau nutzt sie ihre unwiderstehliche Anziehungskraft, um sich an den Männern zu rächen, obwohl sie im Grunde ihres Herzens nach nichts anderem sucht als nach Geborgenheit und Freiheit. Das Tarot-Orakel, das ihr den nahen Tod prophezeit und die konzeptionelle Basis für das Bühnenbild bildet, lässt die femme fatale, die Männer wie Spielgeld benutzt, selbst zum Opfer eines unausweichlichen Schicksals heranwachsen. Eine Erkenntnis, die einen Wandel von der koketten Verführerin und Spielerin zu einer geradezu mythisch überhöhten Figur in langem, rotem Gewande bewirkt.
Es ist schade, dass Holten den Don José erheblich blasser zeichnet, so dass die Auseinandersetzungen zwischen den scheinbar ungleichen und unpassenden „Partnern“ zahmer ausfallen als möglich. Don José, ständig gramgebeugt, wirkt schwächer als er sein sollte. Schließlich ist er als knorriger Baske, der nach einer Gewalttat ins verhasste Andalusien strafversetzt wurde, ein ebenso unbezähmbarer Außenseiter wie die schöne Carmen. Der Kontrast zwischen Carmen und der nordspanischen Micaëla wird dagegen gut dargestellt, kommt aber auf der Riesenbühne kaum zur Geltung.

Und das betrifft auch die Beziehung des tragischen Liebespaars. Selbst von der letalen Finalszene ist nicht mehr zu sehen als ein Geplantsche im kniehohen Wasser der See. Dass Don José seine Carmen nicht ersticht, sondern im Bodensee ertränkt, ist originell, aber sinnwidrig. Die geniale Wirkung, die die parallel geführten Todesstiche des Toreros hinter der Bühne und Don Josés auf der Spielfläche erzielen, verpufft angesichts der um ihr Leben strampelnden Zigeunerin.
Es ist schade, dass die Möglichkeiten der Spielkarten nicht stärker ausgeschöpft werden, die schließlich als Projektionsflächen für diverse Einblendungen von Stierkampfszenen bis zu Todesallegorien dienen. Zu selten wird die Chance genutzt, wenigstens in den intimeren Szenen die Sänger optisch wirksam auf die Leinwände zu „werfen“.
Natürlich gehören auch ein paar hübsche Tanzeinlagen und ein paar dekorative, aber recht überflüssige Stunts, wenn sich mutige Akteure vom haushohen Kartenhaus abseilen, ebenso zu einer zünftigen Seebühnen-Produktion wie schippernde Bötchen und ein zünftiges Feuerwerk, wenn Escamillo zum Stierkampf einzieht.
Da die Bregenzer Opern-Air-Inszenierungen pausenlos gezeigt werden und nicht die Dauer von zwei Stunden übersteigen sollten, muss man einige verschmerzbare Kürzungen in Kauf nehmen. Das betrifft die dezimierte Chorszene zu Beginn des letzten Akts sowie das Duett zwischen Don José und Micaëla im ersten Akt. Die akustischen Bedingungen sind erstaunlich gut. Das im Festspielhaus spielende Orchester wird klanglich auf die Bühne übertragen, die Gesangsstimmungen werden durch zahlreiche, in die Spielkarten integrierte Lautsprecher ohne nennenswerte Verzerrungen verstärkt. Paolo Carignani schlägt überwiegend sehr zügige Tempi an, als wollte er den durchnässten Besuchern den Aufenthalt zusätzlich verkürzen. Die Wiener Symphoniker liefern eine ebenso zuverlässige Leistung ab wie der Prager Philharmonische Chor und der Bregenzer Festspielchor.
Alle Hauptrollen sind für die fast 30 Aufführungen dreifach besetzt. In der Premiere überzeugt Gaëlle Arquez in der Titelrolle mit ihrem samten-sinnlichen Mezzo und einer Bühnenpräsenz, wie man sie sich für die Rolle nur wünschen kann. Ihr ebenbürtig Elena Tsallagová als Micaëla mit vorzüglichen lyrischen Qualitäten. Achtbar schlägt sich Daniel Johansson als Don José durch die kräftezehrende Partie. Die schwierigen Wechsel zwischen zarten Lyrismen und zupackender Dramatik gelingen zufriedenstellend, wobei die feuchten klimatischen Bedingungen den Sängern die Arbeit nicht gerade erleichtern. Ohne Fehl und Tadel agieren die Vertreter der kleineren Rollen, etwas schwach wirkt der Escamillo von Scott Hendricks.
Das Publikum harrt dem spannenden Spiel in ungemütlicher Umgebung mit großer Geduld und bedankt sich mit feuchten Händen freundlich bei allen Mitwirkenden.
Pedro Obiera