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Von Gott und Göttern

JOHANNESPASSION
(Johann Sebastian Bach)

Besuch am
18. Juli 2017
(Premiere)

 

Münster Frauen­chiemsee

Von Gott und Göttern – barocke Wege lautet das Motto der diesjäh­rigen Herren­chiemsee-Festspiele. Festspiele, die sich bereits von ihrem Ambiente göttlich schätzen dürfen, soweit der Wettergott mitspielt. Zur diesjäh­rigen Eröffnung war er gnädig und taucht die oberbay­rische Landschaft in gleißendes Sonnen­licht mit einer mächtig aufra­genden Gewit­ter­front in den nahelie­genden Bergen, eine spiegel­glatte Wasser­ober­fläche ziert den See. Von einem Gott der Musik, Johann Sebastian Bach, wurden für die Anbetung Gottes zwei musika­lische Dramen nach der Bibel­über­setzung von Martin Luther kompo­niert, später Passionen genannt. Die Johannes- und die Matthä­us­passion sind Meister­werke der Musik­ge­schichte, die sich in Ihrer Ge- und Ausge­staltung deutlich unter­scheiden und doch auch gleichen.

Freiherr Enoch zu Guttenberg hat sich mit dem Werk Bachs intensiv beschäftigt und auch die unter­schied­lichen Auffüh­rungs­prak­tiken studiert. Hier die histo­rische unter Nikolaus Harnon­court, dort die sympho­nisch roman­tische unter Karl Richter. Für sich sucht Enoch zu Guttenberg einen eigenen Zugang zu den barocken Gesamt­kunst­werken und greift an diesem Abend im Frauen­münster der Frauen­insel auch auf szenisch gestal­tende Details effektvoll zurück, die sich unauf­dringlich harmo­nisch in die musika­lische Inter­pre­tation einfügen und die beengten Verhält­nisse intel­ligent einbeziehen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Publikum
Chat-Faktor

So löst er die übliche statische Anordnung der Mitwir­kenden in dem kleinen Kirchenraum auf und lässt die Solisten wie auf einer Bühne auf und abtreten. Franz Xaver Schlecht schreitet als Pilatus im Mittelgang des Kirchen­schiffes gebie­te­risch und spricht mit sonorer eleganter Bariton­stimme zu seinem Volke, mischt sich anschließend in den Chor und tritt Jesus von Nazareth gegenüber, der vom Volk der Judäer umringt ist. Der großge­wachsene Tareq Nazemi als Jesus steht versteinert da und mit ruhiger, feier­licher, voller Bariton­stimme lässt er geduldig seine Leidens­ge­schichte über sich ergehen. Das bleibt nicht ohne Wirkung und sein erschüt­ternd befrei­endes Es ist vollbracht ist eindringlich. Daniel Johannsen, als Evangelist auf der Kanzel thronend, ist der effekt­volle, gestal­te­rische Höhepunkt, den der auch auskostet. Mit durch­boh­rendem Blick und mahnenden Gesten kann sich niemand seinen Worten gleichsam von oben entziehen. Seine Mimik ist filmreif. Dazu besitzt er eine sichere Stimme in allen Lagen und durch­zogen mit allen notwen­digen Färbungen. Die prägnante musika­lische Erzählung der Leidens­ge­schichte wurde von Bach mit stimmungs­vollen barocken Arien ausge­schmückt. Die ausge­wählten Solisten bringen breite Erfahrung und inter­na­tionale Reputation mit.

Foto © Jakob Steiner

Sybilla Rubens‘ Sopran ist höhen­sicher, leicht und geschmeidig, verliert in der Mitte an Kraft und Farbe. Olivia Vermeulen setzt ihren Alt in allen Facetten wohlklingend ein. Werner Güla ist vom Erschei­nungsbild alles andere als ein feiner, lyrischer Tenor. Seine Stimme beweist das Gegenteil. Der Bassist Thomas Laske singt ariös und hell. Die Chorge­mein­schaft Neubeuern ist von Reinhard Schlee gut vorbe­reitet, und die langjährige reibungslose Zusam­men­arbeit mit Enoch zu Guttenberg und seinem Orchester Klang­Ver­waltung ist spürbar. Der Chor singt im Altarraum und von der Empore, so dass hier ein weiterer gelun­gener Klang­effekt in der räumlichen Gegen­über­stellung passiert.

Der histo­ri­schen Auffüh­rungs­praxis entlehnt Enoch zu Gutenberg den Auftritt eines Passi­ons­pre­digers. Die Passion ist in zwei Teilen angelegt. Zu Lebzeiten Bachs war es üblich, eine Predigt zu halten und so einen inhalt­lichen Bogen zwischen den beiden Teilen der Passion zu schaffen. Johann Jakob Rambach war ein anerkannter und geschätzter Theologe, und seine Predigten wurden auch aufgrund seiner rheto­ri­schen Fähig­keiten populär. 1693 geboren, wollte er ursprünglich das Schrei­ner­handwerk seines Vaters erlernen, nach einem Unfall studierte er Theologie und übte das Lehramt aus. Seine Predigten zur Passi­ons­ge­schichte sind erhalten und wichtige Zeitdo­ku­mente. Rudolf Schaff­gotsch ist Präpo­situs des Orato­riums des heiligen Philipp Nerimin Wien und trägt eine dieser authen­ti­schen Passi­ons­pre­digten mit ebenso brillanter Rhetorik beein­dru­ckend und lebendig vor.

So wird der Abend zu einem facet­ten­reichen, einma­ligen Erlebnis von hoher musika­li­scher Qualität. Zu Guttenberg führt Chor und Solisten mit aufmerk­samer Hand. Er zieht Spannung aus jedem musika­li­schen Bild der Leidens­ge­schichte und fügt im Orchester barocken Origi­nal­klang in Soli-Instru­menten ein. Die Tempi sind den Sängern angepasst ruhig und nicht gehetzt, wirken aber nie schleppend. Ebenso ausba­lan­ciert wirken die Volumina. Chorale Massen­szenen sind mächtig schallend, aber nie dröhnend oder die Akustik der gotischen Kirche überfordernd.

Es passt alles an diesem Sommer­abend für ein Publikum, das elegant oder in Tracht mit viel Vorfreude über den See angereist ist und für die Darbietung viel Beifall spendet. Zum Abschied taucht die Natur den Abend­himmel als Zugabe in ein feurig glühendes Abendrot.

Helmut Pitsch

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