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MOSES IN ÄGYPTEN
(Gioachino Rossini)
Besuch am
20. Juli 2017
(Premiere)
Was den künstlerischen Wert angeht, verdienen die Novitäten und Raritäten, die die Bregenzer Festspiele alljährlich im Festspielhaus zeigen, größeres Interesse als die spektakulären Mammut-Projekte auf der Seebühne. Myczislaw Weinbergs grandiose Oper Die Passagierin wurde hier 2010 entdeckt und löste eine kleine Weinberg-Renaissance aus. Auch die diesjährige Haus-Produktion wartet mit einigen Überraschungen auf. Auf dem Programm steht eine Neuinszenierung von Gioacchino Rossinis Oper Moses in Ägypten, die in der Fassung der revidierten Erstaufführung aus dem Jahre 1818 einer Neuentdeckung gleichkommt und als Koproduktion mit der Kölner Oper im April des kommenden Jahres auch am Rhein gezeigt wird.
Dass sich Rossini mit dem Werk schwertat und es mehrfach änderte, mindert nicht den Reiz an dem originellen Umgang mit dem biblischen Stoff. Auch wenn das Werk für die Bühne bestimmt ist, bezeichnete er es selbst als Oratorium. Ein gattungsspezifischer Ritt auf der Rasierklinge, denn in der Tat scheinen wir es mit zwei Werken zu tun zu haben: in den beiden Eck-Akten mit einer großen Oper mit spektakulären Massenszenen und viel Bühnenzauber, wenn Gott das biblische Ägypten mit Plagen überzieht oder das Rote Meer am Ende das ägyptische Heer verschlingt, und im Mittelakt mit einer Liebesgeschichte im Kammeropernformat.
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Thematisiert wird die Knechtschaft der Hebräer in ägyptischer Gefangenschaft. Von den Plagen Gottes entnervt, beschließt der Pharao, das auserwählte Volk ziehen zu lassen. Allerdings versucht dessen Sohn Osiride mit allerlei Intrigen, den Auszug zu verhindern, um sich nicht von der geliebten Hebräerin Elcea trennen zu müssen. Der wankelmütige Pharao ändert mehrmals seine Meinung, bis am Ende der Exodus vollzogen und das ägyptische Heer von den Fluten des Roten Meeres verschlungen wird.
Eine handlungsreiche Geschichte, der Aida nicht unähnlich, in der die privaten und politischen Konflikte dramaturgisch jedoch wesentlich eleganter verknüpft werden als bei Rossini.
Erfreuen kann man sich dennoch an effektvollen Bildern, Chören, Leidenschaft und betörendem Stimmen-Balsam in bester Rossini-Manier. Dass sich die Figuren, vor allem der gottergebene Moses, ein wenig statuarisch und psychologisch eindimensional präsentieren, stellt die Regie vor ebenso große Probleme wie die Bühnenbildner mit der Darstellung der Plagen und der finalen Seekatastrophe.
Lotte de Beer, die in Essen eine beachtliche Rusalka zeigte, überzeugt in ihrer Inszenierung vor allem, wenn sie darauf verzichtet, psychologischen Tiefgang zu konstruieren, wo keiner zu finden ist. Selbst ihr zaghafter Versuch, das egoistische Handeln des Pharao-Sohns als pubertären Übermut zu entschlüsseln, wirkt eher unbeholfen als hilfreich.

Die szenischen Fäden der Produktion ziehen vor allem die Mitarbeiter des niederländischen Theaterkollektivs Hotel modern, eine seit 20 Jahren agierende Truppe, die Bildende Kunst, Puppenspiel, Musik, Film und Schauspiel miteinander verknüpft. Vier Künstler des Kollektivs sind in schlichter Alltagskleidung ständig präsent, arrangieren die Sänger und Chöre zu Stillleben, wenn das Werk oratorienhafte Züge annimmt. Vor allem füllen sie die eindrucksvolle Weltkugel, mit der Bühnenbildner Christof Hetzer den Hintergrund bestückt, mit Illustrationen zu den Plagen und den im Hintergrund der Handlung ablaufenden Vorgängen im Leben der Ägypter und Hebräer. Auf offener Bühne spielen sie mit kleinen Puppen die Vorgänge nach und projizieren sie auf den Bühnenglobus. Da überschwemmen Heuschrecken die Landschaft, ziehen Elends-Karawanen durch die Wüste und stürzen ganze Häuserschluchten ein. Alles auf offener Bühne mit winzigen Püppchen konstruiert, die als Projektionen eine gigantische Wirkung entfalten. Die gewaltig wirkende Sturmflut am Ende entfachen sie ganz schlicht, indem sie ein paar gefüllte Wassereimer in einen Bottich gießen und, entsprechend beleuchtet, effektiv an die Wand werfen.
Es sind Szenarien von bizarrer Schönheit, überrumpelnder Wucht und schlichter Empathie, abwechslungsreich, kreativ und mit einer Prise Spontaneität durchsetzt, die man auf der Opernbühne so oft vermissen muss.
Es scheint, dass sich Maestro Enrique Mazzola von der Fantasiefülle der holländischen Truppe ebenso befeuern lässt wie das hoch engagierte, vokal aber nicht durchweg überzeugende Ensemble. Mazzola hört man seine Rossini-Erfahrungen an, und er entfaltet mit den Wiener Symphonikern und dem imposanten Prager Philharmonischen Chor ein nahezu perfektes Feuerwerk an Brio, Volumen, Elastizität und Kantabilität, wie man es sich von einer Rossini-Oper nur wünschen kann.
Vokal kann nur die Sopranistin Mandy Friedrich in der Rolle der klugen Pharao-Gattin Amaltea den von Mazzola gesetzten Maßstäben entsprechen. Das aber in jeder Hinsicht. Dieser psychologisch differenziertesten Figur des Stücks haucht die Sängerin mit perfekter Legato-Kultur und mühe‑, aber nie seelenloser Koloratur-Akrobatik Leben ein, das man ansonsten vermissen muss. Andrew Foster-Williams als Pharao mangelt es ebenso an balsamischem Schmelz wie Goran Jurić als Moses. Clarissa Constanzos Stimme wirkt in der Rolle der Elcia belegt, Sunnyboy Dladla als Osiride gelingen die Koloraturen nur mühsam und auch ansonsten sucht man Belcanto-Qualitäten vergebens. Dafür klingen die Tenorstimmen von Matteo Macchioni als Aronne und Taylan Reinhard als Mambre zu eng. Ein Sonderlob verdient dagegen der Prager Philharmonische Chor. Insgesamt ist für die Kölner Aufführungen vokal noch einiges aufzubessern.
Begeisterter Beifall für die Begegnung mit einem interessanten Werk und einem originellen szenischen Ansatz.
Pedro Obiera