O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
25. Juli 2017
(Premiere)
Katharina Wagner hat es versprochen: In diesem Jahr bleiben die Bayreuther Festspiele von Skandalen verschont. Eine kühne Behauptung, wenn eine Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg ansteht, dem Werk, dem in Bayreuth der braune Dunst der Nazi-Ära am Nachhaltigsten anhängt. Dass man gerade für dieses Werk, das in Neu-Bayreuth bisher ausschließlich von Mitgliedern des Wagner-Clans auf die Bühne gestellt wurde, zum ersten Mal in der Bayreuther Geschichte einen jüdischen Regisseur verpflichtete, könnte eine böse Abrechnung mit der Vergangenheit erwarten lassen.
Aber keine Angst: Weder Hakenkreuze noch Braunhemden stören den Nürnberger Festwiesen-Trubel. Die ideologische Hypothek, mit der das Werk unverschuldet zu kämpfen hat, klammert Barrie Kosky, der Leiter der Komischen Oper Berlin, freilich nicht aus. Im Gegenteil: Die Ausgrenzungsideologien, die die antisemitische Politik der Nazis bestimmten, stellt Kosky in den Mittelpunkt und rückt Wagners an sich unverdächtiges Plädoyer für die Achtung deutscher Wertarbeit in Kunst und Handwerk an den Rand. Das Pech des „1000-jährigen Reichs“ kann das Werk offenbar nicht abschütteln. Kosky versammelt die Wagner-Sippe samt Cosima, Franz Liszt, Kindern und Hunden in der Villa Wahnfried zu einer Privataufführung der Meistersinger. Wagner wandelt sich in Hans Sachs, Cosima ins Evchen und der jüdische Dirigent Hermann Levi, dem Wagner übel mitspielte, obwohl er ihm viel zu verdanken hatte, in Sixtus Beckmesser.
Kosky formt den Beckmesser im Laufe des Stücks zu einer hässlichen Juden-Karikatur wie aus dem Stürmer. Zeitweise mit einem überdimensionalen Pappkopf, nach dem Aufruhr des zweiten Akts in Form eines bühnengroßen, einschüchternden Luftballons. Wagner alias Hans Sachs spielt herablassend, teils zynisch mit Beckmesser alias Levi, der nach seinem missglückten Auftritt als Minne-Sänger in der Versenkung verschwindet. Ausgrenzung total. Soweit eine Rollendeutung, die eine verdächtige Nähe zu faschistischen Fehldeutungen befürchten lassen könnte, denen Kosky freilich geschickt aus dem Weg geht, indem er den dritten Akt in den Räumen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse spielen lässt. Mit einer Kintopp-artig überdrehten Festgesellschaft, die sich, ebenso wie die zu oberflächlich dummdreist gezeichneten Meister, als willfährige Mitläufer outen.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Das alles wirkt schlüssig und handwerklich sauber gearbeitet, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Werk als Huldigung an die rühmenswerten deutschen Meister und als Appell für die Freiheit der Kunst gedacht ist. Darin besteht der Sinn des so oft missverstandenen und missbrauchten Schluss-Monologs von Hans Sachs. Eine Botschaft, die sich mit Koskys Werksicht nicht bruchlos zusammenfügen lässt. Kosky greift zur Brechstange und lässt Hans Sachs im Outfit Richard Wagners den Monolog mutterseelenallein singen und den Schlusschor persönlich dirigieren: den Chor und ein Statisten-Orchester, die in neutraler schwarzer Kleidung auf einem Bühnenwagen eingeschoben werden. Eine geschickte, aber nicht unbedingt zwingende Lösung, wenn man dem Werk, wie Kosky, eine zu einseitige und nicht unbedingt passende Konzeption anlegen will. Unter der einengenden Verzerrung leiden die anderen Handlungsstränge des komplexen Stücks. Differenzierte Profile erhalten eigentlich nur Hans Sachs und Beckmesser. Vor allem Sachs, der noch sehr agile alte Herr, der aus seiner Sympathie für Evchen kein Geheimnis macht und auch schon einmal wutentbrannt Tische leerfegt und Stühle durch die Gegend wirft. Die Liebesromanze mit dem blass gezeichneten Walther von Stolzing wird als episodenhafte Nebensache abgehandelt. Und dass die konservative Meistergilde wie pubertierende Pennäler herumalbern muss, entspricht nicht gerade Wagners Respekt vor den „Meistern“.

Hans Volle als Hans Sachs und Beckmesser Johannes Martin Kränzle gestalten und singen ihre zentralen Rollen auf einem Weltklasse-Niveau, das man nicht mehr unbedingt von Bayreuth gewohnt ist. Volle mit seiner offenbar grenzenlosen Kondition stattet den Sachs mit unzähligen Fassetten der komplexen Figur aus. Und auch Kränzle formt den Beckmesser gestalterisch und stimmlich so schillernd, dass erheblich mehr als eine Karikatur zu erleben ist. Glänzend auch der stimmlich schlanke und fein nuancierende Daniel Behle als David. Günther Groissböcks Pogner leidet dagegen an einer mangelhaften Textverständlichkeit. Anne Schwanewilms ist aus der Rolle der Eva mittlerweile herausgewachsen und kann der Partie nicht mehr die mädchenhafte Anmut vermitteln, die sie braucht. Klaus Florian Vogt, als Walther von Stolzing szenisch kaum beachtet, lässt am Premierenabend die stimmliche Frische vermissen, die man von ihm gewohnt ist. Abgesehen von der Frage, ob sein sehr weiches, lyrisches Timbre der Rolle angemessen ist. Wiebke Lehmkuhl als Magdalena gehört zu den Positivposten der Aufführung, und die Besetzung des Nachtwächters mit Georg Zeppenfeld nimmt sich geradezu luxuriös aus. Ein Sonderlob verdient natürlich wieder der gewaltig auftrumpfende, von Eberhard Friedrich einstudierte Festspielchor.
Dass in den heiklen Passagen im zweiten und dritten Akt die Koordination mit dem Orchester nicht immer makellos gelingt, sollte man nicht überbewerten. Das geht natürlich auf das Konto von Philippe Jordan, dem Chef der Pariser Oper und der Wiener Symphoniker, der das Werk gut kennt, der aber, wie alle seine Vorgänger, mit dem Problem zu kämpfen hat, dass die teilweise barock transparent gestrickte Meistersinger-Partitur im auf Mischklang ausgerichteten Festspielhaus denkbar schlecht aufgehoben ist. Jordan geht forsch zu Werke und legt mehr Wert auf den musikalischen Fluss als auf klangliche Transparenz. Damit geht noch mehr an kompositorischen Feinheiten und Details verloren als unvermeidlich. Für ein Bayreuther Debüt mit diesem schwierigen Stück sollte man den Stab nicht voreilig brechen und dem begabten Dirigenten eine gewisse Eingewöhnungszeit zubilligen.
Das Publikum reagiert bereits nach dem ersten Akt mit enthusiastischem Beifall und Ovationen, die sich am Ende vor allem für die Sänger der Hauptpartien noch steigern. Ein Buh-Ruf an die Adresse von Anne Schwanewilms ist trotz ihrer nicht rollengerechten Leistung unangebracht. Relativ wenige, dafür umso kräftigere Buhs müssen Barrie Kosky und sein Team einstecken. Doch die Zustimmung überwiegt. Insgesamt eine Meistersinger-Inszenierung, die, wie so oft, mehr über die Rezeption des Stücks und das damit verbundene schlechte Gewissen mitteilt als über das Werk selbst.
Pedro Obiera