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Karl May war bekanntermaßen nie in den USA, um sich dort für seine berühmten Werke um den Apachen-Häuptling Winnetou und seinen weißen Bruder Old Shatterhand, der Autor höchstpersönlich, inspirieren zu lassen. Im Sauerland hat der Schriftsteller ebenfalls seine Spuren hinterlassen, allerdings auch nicht persönlich. Aber seit 1964 ist Europas größte Naturbühne über dem Örtchen Elspe dem Wilden Westen aus Mays Feder vorbehalten und lockt in den Monaten Juni bis September die Zuschauer in Scharen ins Sauerland.
In diesem Jahr steht der Auftakt zu einer neuen Winnetou-Trilogie auf dem Spielplan. In Winnetou Teil 1 - Die Geschichte einer großen Freundschaft geht es darum, wie aus dem Häuptling Winnetou und dem neu in den Westen kommenden Karl May alias Old Shatterhand Blutsbrüder werden. Wie schon in den berühmten Filmen kann der Inhalt des Buches nur sehr rudimentär wiedergegeben werden. Was erzählt wird, ist das Wesentliche: Dass die weißen Einwanderer den Ureinwohnern ihr Land wegnehmen, dass die Indianer auch untereinander zerstritten sind, dass auf beiden Seiten Opfer zu beklagen sind. Allerdings sind die Karl-May-Festspiele familienfreundlich und so wird das Ganze auch erzählt. Die Dialoge von Regisseur Jochen Bludau sind in der Wortwahl einfach, werden in der Dialogregie von Benjamin Armbruster langsam und deutlich gesprochen. Philipp Asshoff sorgt mit einer sehr guten Tontechnik dafür, dass jedes Wort gut verständlich ist. Und neben der nötigen Spannung gibt es auch die passenden Witze. Es darf gerne gelacht werden. Die Gesten sind theatralisch, groß und raumgreifend. Es gilt einen Zuschauerraum für 4400 Gäste zu erreichen. Mimik ist daher nur für die ersten fünf Reihen wichtig – maximal. Wer das Fernrohr oder das Zoom der Kamera benutzt, sieht, dass auch hiermit gearbeitet wird.
Doch der Zauber geht eben von dieser riesigen breiten Bühne aus, wo man den Kopf wirklich bewegen muss, um sie komplett anzuschauen. Links sind die Blockhütten inklusive Saloon als Revier der „Weißen“, rechts steht das Pueblo der Apachen, angelehnt an den fast mittigen Felsen, auf dem der finale Showdown stattfindet. Eine riesige Explosion, ein schreiender Stuntman, eine gewaltige Wasserkaskade. Dieses Ende löst immer Begeisterung aus. Dabei sind die Pyroeffekte von Stephan Kieper bei all ihrer Effektivität immer das kleine Detail, was Eltern bei dem Besuch mit Kindern unterschätzen. Denn die Knalleffekte haben es in sich, und so sieht man immer wieder Elternteile, die mit zu jungen Kindern die Vorstellungen zu früh abbrechen müssen.
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Aber es gibt noch viel mehr zu sehen: Die knapp 40 Pferde, die über die Bühne galoppieren und selbst große Steigungen abwärts ganz sicher bewältigen. Brigitte Bludau, Barbara Kemper und Bozena Schauerte sind für die vielen Kostüme zuständig – bei knapp 60 Schauspielern keine Kleinigkeit. Seit neuestem verfügt das Festival auch über eine Greifvogelstation. Der Weißkopfadler Abby fliegt knapp über die Köpfe der Zuschauer hinweg, ehe er auf dem Arm von Trainerin Maike Schmidt landet. Und welche Bühne kann schon von einer Eisenbahn befahren werden? Mit Robert Kucharczyks Westerneisenbahn kann man vor der Show eine Runde über die Bühne machen. Während der Show wird sie auch dieses Mal überfallen, die weißen Banditen, angeführt von Santer, klauen hier das Dynamit, um die Goldader der Apachen zu sprengen. Die Indianer versuchen indes, die Bahnstrecke durch ihr Territorium zu zerstören. Eine erbitterte Feindschaft eben, die Opfer fordert. Ein Kloß im Hals bleibt nicht aus.

Doch in der besuchten Vorstellung haben alle einen gemeinsamen Gegner: einen unbarmherzigen Regen. Und es nieselt nicht nur, nein, es schüttet von Anfang bis Ende, so dass sogar kleinere Bäche die Bühne abwärts fließen. Die Zuschauer sitzen in Elspe sicher überdacht, außer auf den vordersten Plätzen bekommt hier niemand einen Tropfen ab. Die Bühne dagegen ist komplett im Freien und trotz des Wetters liefern die Darsteller mehr als nur eine engagierte Show ab. Bei den ein oder anderen Läufen über die Bühne werden die Schritte natürlich etwas vorsichtiger gesetzt. Auch in den sehr systematischen Prügeleien, die von Marco Kühne choreografiert werden, bemerkt man eine kleine Portion Vorsicht, was zu begrüßen ist. Aber ansonsten sieht man keinen Unterschied. Selbst das gesamte, umfangreiche Rahmenprogramm findet statt. Niemand der Beschäftigten lässt sich an diesem Tag wirklich anmerken, wie unbehaglich das Arbeiten unter diesen Bedingungen ist. Manch langes Gesicht unter den Parkanweisern ist nur allzu verständlich. Aber wie so ein Regentag gemeistert wird, das nötigt den höchsten Respekt ab! Von Sparflamme keine Spur, selbst die Pyroeffekte lassen sich durch das Wasser nicht aufhalten. Die Rauchentwickung ist dafür umso intensiver.
Bewundernswert sind die stoischen Darsteller, die dem Regen trotzen und gleichzeitig Rollen abliefern. Kai Noll als Old Shatterhand ist die Ruhe in Person, der die Rolle sehr edel abliefert und ein weißer Held aus dem Bilderbuch ist. Stephan Kieper ist der kautzige Sam Hawkins, Bianca McNamara die derbe Saloon-Wirtin Miranda. Sensibler und anmutiger tritt Cheryl Angelika Baulig als Nscho-Tschi in Erscheinung. Wolfgang Kirchhoff als ihr Vater und Häuptling Intschu-Tschuna hat entgegen der Vorlage kaum was zu melden. Da bekommt Moritz Bürkner als Matto Shako mehr Gelegenheit, sich autoritär in Szene zu setzen.
Aber im Mittelpunkt steht automatisch Jean-Marc Birkholz als Winnetou, der auch die passende Erscheinung und das nötige Charisma für die Rolle auf die weite Bühne bringen kann. Von dem Moment an, wo er zu der berühmten Filmmusik von Martin Böttcher von der obersten Spitze der Bühne herabreitet, liegen die Zuschauer ihm zu Füßen. Das gehört sich genauso, wie ein eiskalt gespielter Santer von Alexander Hanfland beim Schlussapplaus ausgebuht wird. In Elspe ist das eben ein Kompliment. Das Publikum fiebert in allen Altersklassen mit. Ein paar Kinder verstecken sich fast hinter ihren Eltern, die mutigeren zielen schon mit dem gekauften Revolver auf die Bösen – manche auch auf die Guten. Oh, oh. Die Erwachsenen visieren die Schauspieler lieber durch die Kamera an. Bilder und Videos in Elspe zu machen, ist anscheinend absolut erwünscht. Und die Stammgäste sprechen jeden Dialog nahezu stumm mit und tauschen sich über ihre Statistenerfahrungen aus. Das ist eben Elspe, ein nicht ganz günstiger Allroundausflug für die ganze Familie, bei dem nur zwei Dinge wichtig sind: Man sollte die Geschichten Karl Mays mögen und bei der Abfahrt ins Dorf zur Hauptstraße ein bisschen Geduld aufbringen.
Christoph Broermann