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Foto © Carmen Voxbrunner

Gefangenenchor unterm Regenbogen

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
29. Juli 2017
(Premiere am 15. Juli 2017)

 

Akade­mi­sches Sinfo­nie­or­chester München, Veran­stal­tungs­forum Fürstenfeld

Nach Zar und Zimmermann und Die Perlen­fi­scher nehmen sich das Akade­mische Sinfo­nie­or­chester München und der Philhar­mo­nische Chor Fürstenfeld im Schatten des Archi­tek­tur­juwels der Kloster­kirche einen der ganz schweren Brocken des Reper­toires vor. Wer dabei insgeheim auf das Strau­cheln der beiden Laien­en­sembles hofft, wird auf ganzer Linie enttäuscht. Die Bibel‑, Sandalen- und Terror-Oper Nabucco hat hier starke, bewegende Momente, reali­siert werden überdies – das gehört unbedingt dazu – künst­le­risch vollgültig auch die scharfen Kanten in Giuseppe Verdis Werkkonzept.

Für die Szene holte man sich gestandene Vollprofis, die mit der nicht für Eigen­pro­duk­tionen gedachten Raumsi­tuation des Bespiel­theaters mit 600 Plätzen umgehen können und ebenso das künst­le­rische Potenzial der beiden opern­gie­rigen Laien­en­sembles schleifen und polieren. Die drei Damen im Leitungsteam schaffen das mit ihrem Drama­turgen Martin Lade beein­dru­ckend: Tamara Oswatitsch baute für den Tempel in Jerusalem und die hängenden Gärten Babylons einen  klar begrenzten Raum mit Galerie, erhöhter Ebene und einer umgestürzten Säule, deren Kapitell ist später der blutver­schmierte Opfer­stein. Militä­rische Attribute, rituelle Verhül­lungen und religiöser Aufputz geben Kicks in die aktua­li­tätsnahe Zeitlo­sigkeit. Nur die Thora und ein Goldschild als Identi­täts­symbole der verfein­deten Völker, aber sonst nichts, ziehen das Spiel­ge­schehen ins Allge­meine: Assyrien und Judäa gleichen sich beklemmend und beängs­tigend. Birgit Kronshage lässt ihre Choristen Ausgrenzung, Gewalt, Missachtung, Radika­li­sierung, Hass, Trauer, Schock in kleinen Momenten erspielen. Die Absur­dität militä­ri­scher Angriffe und kollek­tiver Radika­li­sierung zeigt sie damit weitaus eindring­licher als mit großen Gesten, die es hier nicht gibt. Dafür schwinden die Grenzen zwischen den optisch fast identi­schen Volks­ge­mein­schaften. Die Szene fragt weniger anklagend als hinter­gründig nach dem Warum.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Beim ersten Erklingen des Gefan­ge­nen­chors weitet sich der Raum ins Freie, der Raum öffnet sich zum Hinterhof. Und es gibt – anders als bei Verdi, der hier seinen ersten radikal abschnei­denden Opern­schluss gesetzt hatte – eine Wieder­holung nach dem Tod Abigailles. Die Frage nach der Statt­haf­tigkeit dieser Wieder­holung erübrigt sich in dieser Utopie einer bunten Welt. Das reicht weit hinaus über eine nur gefällige „Rainbow Colour Revolution“. Auch angesichts der hier eindrucks­vollen Licht­ge­staltung könnten sich mittel­große Theater glücklich schätzen.

Regis­seurin Birgit Kronshage setzt – da befindet sich die Szene im gleichen Atemfluss wie die Musik – auf starke Sänger­dar­steller. Gewich­tungen, Gewalt- und Gesangs­ak­zente verschieben sich, weil das gesamte Team nicht nur Temisc­tocles Soleras Libretto und das Alte Testament, sondern auch die litera­rische Quelle von Anicet-Bourgeois und Cornu genau­estens hinterfragte.

Foto © Carmen Voxbrunner

Martin Js. Ohu zeigt hier als ganz junger hebräi­scher Oberpriester Zaccaria funda­men­ta­lis­tische Gewalt­be­reit­schaft, zieht die Versamm­lungsrede körnig durch und entfesselt dann in der Levita-Romanze einen manipu­la­tiven Lyrik­zauber. Mehr Dämonie als der gemächlich-dekadente Baalspriester, darge­stellt von Marcus Weishaar, hat er überdies. Nur ganz selten hört man Zaccarias Schwester Anna, die sonst immer in den Ensembles verschwindet, so packend wie hier. Soomin Yu füllt den Part mit echt lyrischen Quali­täten. Beste Figur macht auch Manuel Ried als Nabuccos Mitstreiter Abdallo. Cornelia Lanz peitscht die assyrische Edelgeisel Fenena zum ebenso freizügig wie gehassten Luxus­ge­schöpf hoch, riskiert an den richtigen Stellen Mezzo-Schärfen und große drama­tische Attacke. Byoung-Nam Stefano Hwang zeigt als Ismaele gute Reserven und vokale Indivi­dua­lität für das schwerere Verdi-Fach. Diese verhält­nis­mäßig gewichtige Besetzung des Liebes­paars bringt die sonst leider oft verschobene thema­tische Balance ins rechte Lot. Deshalb muss Oxana Arkaeva als Draht­zie­herin Abigaille noch mehr aufdrehen. Sie holt alles heraus, was vokal und drama­tisch in dieser Monster­partie steckt: Eine Killer­drohne, die erwar­tungs­gemäß übertourt und explosiv zu erschüt­ternden Schmer­zens­tönen und Hassti­raden ausschwärmt, bis sie schon beim Gefan­ge­nenchor, also  lange vor ihrem Giftselbstmord, innerlich verglüht. Fast riskant, aber deshalb erst recht eindrucksvoll liefert der hünen­hafte Attila Mokus als König Nabucco noch im Wahnsinn virilen Samt, dessen gekonnt dynamische Zurück­haltung über jeden Fortissimo-Knall flutet.

Davon gibt es an diesem Abend nicht wenige: Mit acht Celli und immensen Perso­nal­re­serven bei den Bläsern ist die Orches­ter­be­setzung riesig. Den koope­rie­renden Kollek­tiven gelingt hier etwas rundum Beein­dru­ckendes: Krawall­stück Nabucco … – Fehlan­zeige! Die Propor­tionen zwischen der auf Feinschliff basie­renden Pranke und den souverän aufge­bauten Forte-Wirkungen, eine optimale Verstän­digung zwischen Soli und Chor sind das Ereignis: Carolin Nordmeyer hat mit profunder Opern­ka­pell­meister-Kompetenz alles im Griff und kann ihren Musikern deshalb auch an allen kriti­schen Stellen bestens vertrauen. Andreas Obermayers Einstu­dierung und seinem Philhar­mo­ni­schen Chor Fürstenfeld merkt man an den Unisono-Stellen wie in den Tücken etwa des ersten Finales jenes lustvolle Können an, das „profes­sio­nelle Routine“ zum Wort von einem fremden Stern macht. Man hört sehr viel hier, oft alles: Sinnfällige Genau­igkeit und die oft allzu beiläufig genom­menen Akzente wie das Rumoren der tiefen Streicher unter Verdis Blechpanzern.

Am Ende jubelnder, herzlicher Applaus des sehr kultu­raf­finen, aber nicht unbedingt opern­nahen Audito­riums. Ein Gedanke drängt sich auf: Wahrscheinlich ist ein Schwin­gungs­klang von Emotion und Energie wie hier ein weitaus stärkerer Multi­pli­kator für Musik­theater als der Galazirkus in der nächsten Arena.

Roland H. Dippel

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