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SOUL OF BALLET
(Robert Glumbek, Sabra Johnson)
Besuch am
4. August 2017
(Premiere am 7. Juli 2017)
Zwischen Hansa-Gymnasium und Sundpromenade liegt eine Wiese. Dort ist eine überdachte Bühne mit Containern aufgebaut. Davor, mit dem Rücken zur Schule und dem Blick auf den idyllischen Strelasund, eine Tribüne. Unmittelbar vor Aufführungsbeginn hat es noch einmal kräftig abgeregnet, die Luft ist geschwängert vom Geruch eines Mückensprays, in dem sich die Mücken sichtlich wohl fühlen. Allein der mittlere Block der Tribüne ist von erfahrenem Publikum besetzt, das sich in Decken oder Plastikfolien gehüllt hat, um der Dinge zu harren, die da auf die Besucher zukommen werden. Was sie noch nicht wissen, ist, dass ein Feuerwerk auf sie wartet. Mitten in der Aufführung, keineswegs eingeplant, aber so aufmerksamkeitsstark, dass einige der eindrucksvollsten Szenen des Abends vollständig untergehen. Immerhin die Vorstellung selbst bleibt an diesem Abend, wie man hört, zum ersten Mal in der Aufführungsserie seit der Uraufführung am 7. Juli im Greifswalder Museumshafen von Regengüssen verschont.
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Im vierten Jahr gibt es Ahoi – Mein Hafenfestival als Open-Air-Koproduktion der Theater Greifswald, Stralsund und Świnoujście. Auch in diesem Jahr ist wieder ein hübsch buntes und überschaubares Festival herausgekommen, das versucht, wirklich alle Zielgruppen zu erreichen. Musical- und Operngala, Robin Hood als Schauspiel, Carmina Burana als Chorwerk und – ganz bezaubernd – die kleine Zauberflöte für Kinder im Stralsunder Zoo. Wer sich einen Gesamtüberblick verschaffen will, sollte sich nicht das Video entgehen lassen, das zwar mutige 20 Minuten lang, aber unbedingt sehenswert ist. Unter anderem auch mit dabei ist Soul of Ballet, eine Koproduktion von Ballett Vorpommern als eigenständiger Sparte des Theaters Vorpommern und der Salted Air Company, einer Gruppe junger Tänzer aus sechs Ländern, die sich speziell für diese Kooperation zusammengeschlossen haben.
Bereits 2015 hatte Robert Glumbek mit Rock’n’Ballet ein Musik-Genre vertanzen lassen, jetzt versucht er sich am Soul. Zur Entwicklung der Choreografie hat er Sabra Johnson hinzugebeten. Soul, also Seele, ist keine Musik, sondern ein Lebensgefühl. Ein Ausdruck der Lebensfreude in Zeiten der Unterdrückung. Tief verwurzelt in schwarzen Musik-Genres wie Gospel, Rhythm’n’Blues und Jazz, nahm der Soul deren emotionale Tiefe und Schönheit in sich auf. Bis heute haben die Stücke von Aretha Franklin, Otis Redding oder auch Nina Simone nichts von ihrer Magie und Ausdruckskraft verloren. Eine dankbare Aufgabe also eigentlich für jeden Choreografen, den Tanz, der dieser Musik innewohnt, aufzuspüren und auf der Bühne umzusetzen. Aus handwerklicher Sicht gelingt das Glumbek und Johnson nur bedingt.
Das neue synchron heißt ungefähr. Für die Freiluftbühne reicht es offenbar, wenn alle sich ähnlich bewegen, Linien nur annähernd zustande kommen oder Räume wenig sinnvoll genutzt werden. Da wiegt sich das Corps auch schon mal an der Rampe, während die Solisten sich dahinter kaum noch sichtbar auf dem Boden vergnügen. Allzu oft werden einzelne Figuren wie einstudiert dargeboten, ohne den nötigen Fluss zu generieren, der aus der körperlichen Ertüchtigung Tanz werden lässt. Möglicherweise liegt es am ungewohnten Bewegungsrepertoire, das sich eher an modernen Stilrichtungen als am klassischen Ballett orientiert. Der Schwierigkeitsgrad bleibt dabei eher auf einer mittleren Stufe, was angesichts einer nahezu zweistündigen Darbietung schweißtreibend genug ist und vollkommen ausreicht, das unterhaltungsaffine Publikum zu begeistern.

Auf der schwarzwandigen Bühne, deren Seitenbühnen frei einsehbar sind, wird im ersten Teil ein dreistufiges Podest an der Rückwand aufgebaut, auf dem sich die Tänzer in den weißen Kostümen von Ralf Christmann präsentieren. Thomas Haack konzentriert sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf weißes Licht mit schmalen Effekten.
Im künstlerischen Ausdruck steigern sich sowohl die choreografischen Einfälle als auch die Darbietungsfreude der 20 Tänzer im Laufe des Abends. Einer der Höhepunkte ist zweifelsohne das Solo von Dominic Harrison zu Isn’t It A Pity von Nina Simone.
Die Qualität der Musik aus den Lautsprechern lässt stark zu wünschen übrig. Glumbek hat sich entschieden, zu den Originalaufnahmen zu greifen. Und er kann es sich insofern leisten, als es Musik ist, die einen auch aus einem quäkenden Notebook-Lautsprecher noch packt. Aber hier hat es sich die Tontechnik sicher ein wenig zu leicht gemacht. Da helfen auch die gesprochenen amerikanischen Zitate, die teilweise ins Deutsche übersetzt werden, nicht weiter. Was hat James Brown gesagt? „Das Einzige, was die meisten unserer Probleme lösen kann, ist Tanzen.“ Und er hat mit keinem Wort die notwendige Qualität erwähnt.
So sieht es auch das Publikum, das sich einfach nur bespaßen lassen will. Das gelingt mit Soul of Ballet prächtig. Der Applaus fällt herzlich aus.
Michael S. Zerban