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IM SCHATTEN DES TODES
(Anna-Theresa und Peter Hick)
Besuch am
7. August 2017
(Premiere am 24. Juni 2017)
Wer nach Rügen fährt, um seinen Urlaub auf der größten deutschen Insel zu verbringen, weiß, dass er in einer Tourismus-Hochburg landet und rechnet damit, dass alles ein wenig teurer ist als anderswo. Und aufmerksame Vermieter von Ferienwohnungen weisen vorsorglich schon mal darauf hin, dass man sich der „Blitzer-Insel“ mit niedriger Geschwindigkeit nähern möge, um sein Geld nicht schon vorzeitig für überteuerte Fotos aus dem Automaten auszugeben. Das Auto ist auf Rügen ohnehin ein Problem. Oder vielmehr: die Vielzahl der Autos. Aber warum daraus nicht auch Kapital schlagen? Also gibt es abseits der Ferienwohnung kaum kostenfreien Parkraum. Wer daraus schließt, es sei günstiger, das Auto während des Aufenthalts auf Rügen stehen zu lassen, irrt. Zwar sind Fahrtkosten mit dem Bus innerhalb des eigenen vorübergehenden Wohnortes mit der allfälligen „Kurtaxe“ abgedeckt, aber Fahrten außerhalb wie zum Beispiel mit dem „Rasenden Roland“, der nostalgischen Schienenbahn, führen zu Fahrkosten, die dem öffentlichen Personennahverkehr in Großstädten den blanken Neid auf die bleiche Stirn treiben. Auf die Spitze getrieben wird der Vermarktungswahn allerdings mit der Einrichtung von Sperrzonen. So kommt man an das Cap Arkona oder das Fischerdorf Vitt nicht mehr näher als zwei Kilometer heran. Dann bleibt einem entweder der schweißtreibende Fußmarsch bei miserabler Ausschilderung oder man zahlt nicht nur den Parkplatz, sondern auch noch etliche Euro für die Nutzung einer Bimmelbahn. Auch die Naturbühne Ralswiek ist auf 1,7 Kilometer abgesperrt, wenn man sich ihr nicht mit Bussen oder Schiffen nähert, für die dann wieder ein ordentliches Entgelt anfällt.
Der Fußweg führt nach einem Waldstück vorbei an zahlreichen Wiesenflächen, die kaum schützenswerter scheinen als das Waldstück, in dem man seinen Wagen abgestellt hat. Würden aber möglicherweise für ein deutlich entspannteres Verkehrsmanagement nach der Veranstaltung sorgen. Aber welchen Veranstalter interessiert schon der Heimweg der Besucher? Die Familie Hick offenbar nicht. Obwohl der Organisationsgrad vor und während der Veranstaltung außerordentlich hoch ist.
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1959 wurden die Rügenfestspiele ins Leben gerufen. Zwischen Schloss Ralswiek und dem Ufer des Großen Jasmunder Boddens wurde innerhalb von fünf Monaten eine idyllische Naturbühne angelegt, der Ort kurzerhand in einen Festspielort verwandelt. Trotz großer Erfolge – in fünf Festspielsommern wurden 670.000 Besucher gezählt – fanden die Festspiele ab 1982 nicht mehr statt. Die Naturbühne verfiel. 1992 übernahm Peter Hick das Gelände und gründete die ein Jahr später erstmalig stattfindenden Störtebeker-Festspiele. Heute wirken Hick als Intendant, Frau Ruth und Tochter Anna-Theresa als Geschäftsführerinnen. Sie haben das größte deutsche Open-Air-Theater etabliert, das sich nur um einen Piraten dreht. Klaus Störtebeker war ein Freibeuter, der Ende des 14. Jahrhunderts die Ostsee befuhr. Die Ausmaße des privat getragenen, von zwei Sponsoren unterstützten Festivals sind eindrucksvoll. In den vergangenen 25 Jahren haben mehr als sieben Millionen Menschen über 1500 Aufführungen der Festspiele besucht. Für annähernd 9.000 Gäste bietet eine Aufführung Platz, die Auslastung liegt bei über 50 Prozent. In der besuchten Aufführung lassen sich allerdings kaum freie Plätze ausmachen.
Hanns Anselm Perten hatte von 1959 bis 1961, 1980 und 1981 die dramatische Ballade Klaus Störtebeker von Kurt Barthel aufgeführt, Hick änderte das Konzept. Er verteilt die Geschichte auf einen Zyklus von vier bis sechs Jahren. In diesem Jahr geht es vom 24. Juni bis zum 9. September um den Schatten des Todes. Erzählt wird das Ende des Freibeuters. Störtebeker, der als Robin Hood des Nordens gilt, raubt den Speicher des Hamburger Bürgermeisters Kersten Miles aus und bringt damit das Fass zum Überlaufen. Die Hanse will den Piraten zur Strecke bringen. Und dazu sind alle Mittel recht. Nach allerlei Allianzen mit mehr oder weniger fragwürdigen Partnern wird Störtebeker auf Helgoland in die Falle gelockt und in Ketten gelegt. Nach einem „Prozess“ wird er in Hamburg hingerichtet. Bedauerlich, dass in dieser Bühnenfassung von Anna-Theresa und Peter Hick die Legende vom kopflosen Störtebeker nicht gezeigt wird, der noch sieben seiner Besatzungsmitglieder rettet. Allerdings ist das Ende auch so dramatisch genug und die Guillotinenszene einfach großartig gelöst.

Die Zuschauer erleben einen Abend der Superlative. Allein das Bühnenbild, von Falk von Wangelin entworfen und von Klaus Tiedtke und seinem Team gebaut, ist kongenial. Im Hintergrund der Bodden in der untergehenden Abendsonne sollte ausreichen, einen romantischen Abend zu verbringen. Links davon das Hamburger Rathaus mit dahinterliegenden Speichern, rechts der Ort Marienhafe als Störtebekers Refugium. Die Aufbauten sind imposant. In der Bühnenmitte gibt es viel Sandfläche, auf der sich die Akteure austoben können. Dazu gehören über 140 Statisten, 20 Schauspieler, 30 Pferde und vier Schiffsbesatzungen. Außerdem, und das zeigt die technische Dimension vielleicht am deutlichsten, gibt es eine Hebebühne, die in der letzten Szene zum Einsatz kommt. Das Personal wird von Christina Maass in prachtvolle historische Kostüme gekleidet. Andreas Maelz taucht die riesigen Räume gekonnt in effektvolles Licht. Und dazu gehört auch, dass die Schiffe auf dem sich schwärzenden Bodden noch klar erkennbar bleiben. Das ist mehr als gekonnt. Naturgemäß ziehen Stunts und Pyro-Effekte die größte Aufmerksamkeit auf sich. Gábor Duck sorgt für überzeugende Stunts, Balázs Kiss hat eine herausragende Kampfchoreografie einstudiert und Fred „Feuerstein“ Bräutigam nötigt mit seinen Pyro-Effekten echten Respekt ab. Insbesondere das Schlussfeuerwerk zeigt mit seiner unglaublichen Präzision noch einmal, was die Jungs außer Kanoneneinschlägen und Hausbränden draufhaben. Dieser Abend ist ein Erlebnis der besonderen Art, der sich zwischen einem hohen Grad an Erlebniswert und Weiterentwicklung befindet. Hier ist viel erreicht und noch viel Luft nach oben. Das zeigt sich besonders am Ton, für den Wolfgang Rumler verantwortlich zeichnet. Denn die Microport-Anlage ist nicht personenbezogen, was eigentlich heute zum Standard gehört.
Und so muss man schon mal nach der Person suchen, die gerade spricht. Dabei sind die Dialoge für ein solches Spektakel erstaunlich feingesponnen. Beim Schlussmonolog kann Bastian Semm als Klaus Störtebeker so überzeugen, dass Teile des Publikums die Rede spontan auf die eigene Gegenwart beziehen und begeistert Zustimmung grölen. Stellvertretend für das insgesamt herausragende Ensemble seien hier Bianca Warnek als Tetta Tom Brok, Störtebekers Frau, Karin Hartmann als Marketenderin und ganz köstlich Philipp Richter als der Kleene erwähnt. Eine Sonderrolle nimmt Wolfgang Lipfert als Balladensänger ein.
Denn neben zugekaufter Musik für Feuerwerk und Pausenuntermalung hat Rainer Oleak nicht nur eine außerordentlich passende Hintergrundmusik, sondern auch zwei neue Balladen komponiert, die im Stil stark an die Musik der Puhdys erinnern.
Das kommt beim Publikum gut an. Begeistert werden die Akteure gefeiert, ehe es dann heißt, so schnell wie möglich zum Ausgang zu kommen. Ein regenfreier Abend mit angenehmen Temperaturen geht dem Ende zu. Und noch klingen die Worte Störtebekers nach. „Lasst Euch nichts einreden. Die Mächtigen sind nur so lange mächtig, so lange ihr es zulasst.“
Michael S. Zerban